»Humani Generis« Enzyklika von Papst Pius XII

 

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Humani Generis
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Modernismus

Papst Pius XII.

Enzyklika »Humani generis«

vom 12. August 1950 über einige falsche Ansichten, welche die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen.1

An die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und anderen Ortsordinarien, die Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle haben.

Ehrwürdige Brüder! Heilsgruß und Apostolischen Segen!

 

Einleitung

Des menschlichen Geschlechtes Uneinigkeit in den Dingen der Religion und Moral und das Abweichen von der Wahrheit war von jeher für alle Guten, besonders die gläubigen und aufrechten Söhne der Kirche, der Grund und die Ursache allertiefsten Schmerzes. Heute gilt das ganz besonders, da Wir überall Angriffe gegen die Grundlagen der christlichen Kultur selbst wahrnehmen. Es wundert Uns zwar nicht, daß eine solche Uneinigkeit und solche Irrtümer sich außerhalb der Kirche Christi immer fanden. Denn wenn auch der menschliche Verstand mit seinen natürlichen Erkenntniskräften an sich zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der durch Seine Vorsehung die Welt schützt und regiert, sowie des natürlichen Gesetzes, das der Schöpfer in unsere Seelen legte, kommen kann, so bestehen doch für ihn nicht wenige Hindernisse, von seiner ursprünglichen Fähigkeit einen wirklich fruchtbaren Gebrauch zu machen.

Denn alle Dinge, die sich auf Gott beziehen und das zwischen Gott und den Menschen bestehende Verhältnis angehen, ruhen in Wahrheiten, welche die Welt der sinnenhaften Dinge überragen. Diese verlangen vom Menschen die Eigenhingabe und Selbstverleugnung, wenn sie auf die Lebensführung Einfluß gewinnen und dieselbe bestimmen. Der menschliche Verstand wird in der Erkenntnis solcher Wahrheiten behindert durch die Gewalt der Sinne und der Einbildungskraft, wie auch durch die verkehrten Leidenschaften, die ihren Ursprung in der »Erbsünde« haben. So geschieht es, daß sich die Menschen in diesen Dingen gern einreden es sei das falsch oder zweifelhaft, was sie nicht als wahr haben möchten.

Darum muß gesagt werden, daß die göttliche Offenbarung moralisch notwendig ist, damit dasjenige, was in Sachen der Religion und der Sitten dem Verstand an sich – auch im gegenwärtigen Zustand des menschlichen Geschlechtes – nicht unzugänglich ist, von allen leicht, mit fester Gewißheit und ohne jede Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann2. Ja, zuweilen kann der menschliche Geist sogar Schwierigkeiten haben bei der Bildung eines sicheren Urteils der Glaubwürdigkeit bezüglich des katholischen Glaubens selbst, obwohl so zahlreiche und wunderbare Zeichen von Gott eingerichtet sind, aufgrund derer schon im Licht des natürlichen Verstandes der göttliche Ursprung der christlichen Religion sicher bewiesen werden kann. Der Mensch ist nämlich imstande – sei es durch Vorurteile verleitet, sei es durch Begierden und schlechten Willen angestachelt – nicht nur die überzeugende Evidenz der äußeren Zeichen zu leugnen, welche offen sichtbar dasteht, sondern auch dem himmlischen Hauch zu widerstehen, welchen Gott in unsere Seelen einfließen lässt. Wer heute die Menschen, die außerhalb des Schafstalles Christi sind, beobachtet, kann unschwer die Hauptwege erkennen, welche nicht wenige Gelehrte eingeschlagen haben.

Einige verfechten unklug und urteilslos die von ihnen sogenannte „Evolutionslehre“, die auf dem eigenen Gebiet der Naturwissenschaften noch nicht sicher bewiesen ist, für die Erklärung des Ursprungs aller Dinge. Verwegen huldigen sie der „monistischen“ und „pantheistischen“ Auffassung, daß die ganze Welt einer ständigen „Evolution“ unterworfen sei.

Die Begünstiger des „Kommunismus“ aber benützen mit Freuden diese Ansicht, um ihren „dialektischen Materialismus“ wirkungsvoller zu verteidigen und zu verbreiten, wobei sie jeden Gedanken an Gott aus den Seelen gewaltsam entfernen. Die Behauptungen dieser „Evolutionslehre“, welche alles zurückweist, was absolut, fest und unveränderlich ist, haben dem Irrtum einer neueren verirrten Philosophie, die – mit dem „Idealismus“, dem „Immanentismus“ und dem „Pragmatismus“ wetteifernd – sich „Existentialismus“ nennt, die Wege bereitet. Dieser kümmert sich nicht um das unveränderliche Wesen der Dinge und wendet seine Aufmerksamkeit bloß der „Existenz“ der einzelnen Dinge zu. Dazu kommt noch ein falscher „Historizismus“, der nur auf das Geschehen im menschlichen Leben achtet, und der die Grundlagen jeglicher absoluten Wahrheit und jeglichen Gesetzes vernichtet, sowohl was die Philosophie, als auch was die christlichen Glaubenssätze angeht.

Bei einer solchen Verwirrung der Meinungen tröstet es Uns ein wenig, zu sehen, wie solche, die einst in den Grundsätzen des „Rationalismus“ erzogen wurden, heute nicht selten zu den von Gott zugänglich gemachten Brunnen der Wahrheit zurückzukehren wünschen, und die das in der Heiligen Schrift enthaltene Wort Gottes als Grundlage der Heiligen Theologie anerkennen und verkünden. Zugleich aber ist es zu beklagen, wie nicht wenige von ihnen, je fester sie dem Worte Gottes anhängen, desto mehr die menschliche Vernunft herabsetzen; und je höher sie in ihrer Begeisterung die Autorität des offenbarenden Gottes erheben, desto heftiger verachten sie das Lehramt der Kirche, das von Christus dem Herrn eingesetzt worden ist, um die von Gott geoffenbarten Wahrheiten zu bewahren und zu erklären. Das steht nun aber nicht nur in offenem Widerspruch zur Heiigen Schrift, sondern es erweist sich auch aus der Erfahrung heraus als falsch. Häufig nämlich beklagen sich diese, welche sich von der wahren Kirche getrennt halten, selbst offen über ihre eigene Uneinigkeit in dogmatischen Fragen, so daß sie gegen ihren Willen die Notwendigkeit des lebendigen Lehramtes bezeugen.

Es ist aber Pflicht der katholischen Theologen und Philosophen, welche die schwerwiegende Aufgabe haben, die göttliche und die menschliche Wahrheit zu verteidigen und den Seelen der Menschen einzupflanzen, diese mehr oder weniger vom rechten Weg abirrenden Ansichten zu kennen und auf sie zu achten. Ja, diese Lehrmeinungen selbst sollen sie gut durchschauen: teils, weil schon Krankheiten nicht gut geheilt werden können, wenn sie nicht richtig erkannt sind; teils, weil in den falschen Ansichten selbst häufig ein Körnchen Wahrheit verborgen liegt; endlich auch, weil dieselben den Geist dazu herausfordern, bestimmte philosophische oder theologische Wahrheiten einsichtiger zu untersuchen und genauer zu erwägen. Wenn unsere Philosophen und Theologen aus der gründlichen Untersuchung dieser Lehren nur solche Früchte suchen wollten, hätte das Kirchliche Lehramt keinen Grund, Einspruch zu erheben. Aber wenn Wir auch wissen, daß die katholischen Lehrer sich im allgemeinen vor diesen Irrtümern hüten, so steht doch fest, daß es heute, so wie in den apostolischen Zeiten, nicht an solchen fehlt, die allzu sehr nach Neuerungen streben, oder auch fürchten, in den Dingen des zeitgemäßen wissenschaftlichen Fortschritts für unwissend gehalten zu werden, und die sich darum der Leitung des Heiligen Lehramtes zu entziehen trachten. So laufen sie Gefahr, sich unmerklich von der von Gott geoffenbarten Wahrheit zu entfernen und auch andere mit sich in den Irrtum zu ziehen.

Es zeigt sich auch eine andere Gefahr, die um so größer ist, als sie mehr unter dem Schein der Tugend verdeckt ist. Es gibt nämlich viele, welche, indem sie die Zwietracht des menschlichen Geschlechtes und die Verwirrung der Geister betrauern, sich von einem unklugen Seeleneifer treiben lassen und in heftiger Begierde brennen, die Schranken abzubrechen, durch welche gute und aufrechte Menschen voneinander getrennt werden. Sie geben sich einem solchen „Irenismus“ hin, daß sie unter Beiseitesetzung der die Menschen trennenden Fragen nicht nur auf den Atheismus schauen, um ihn mit vereinten Kräften zu bekämpfen, sondern auch auf die Beseitigung der Gegensätze in Sachen der Glaubenslehren. Und wie es einst manche gab, welche fragten, ob nicht die herkömmliche „Apologetik“ der Kirche mehr ein Hindernis als eine Hilfe sei, um die Seelen für Christus zu gewinnen, so fehlt es auch heute nicht an solchen, die soweit zu gehen wagen, daß sie ernstlich die Frage aufwerfen, ob nicht die Theologie und deren Methode, welche auf den Gelehrtenschulen unter Billigung der kirchlichen Autorität geübt werden, nicht bloß vervollkommnet, sondern vielmehr gänzlich reformiert werden müßten, damit das Reich Christi überall auf der Erde, unter Menschen jegicher Kultur und jeglicher religiösen Anschauung wirkungsvoller verbreitet werden könne.

Wenn diese nur die Absicht hätten, durch Einführung irgendeiner neuen Art und Weise die kirchliche Wissenschaft und deren Methode den heutigen Verhältnissen und Anforderungen anzupassen, so gäbe es kaum einen Grund zur Besorgnis; aber in dem unklugen Übereifer ihres „Irenismus“ halten anscheinend einige auch diejenigen Dinge für Hindernisse bei der Wiederherstellung der brüderlichen Einheit, welche auf den Gesetzen und Grundsätzen Christi und den von Ihm gegründeten Einrichtungen selbst beruhen, oder welche als feste Schutzmittel und Stützen für die Unversehrtheit des Glaubens dastehen: Wenn diese fallen, dann ist zwar alles geeint, aber nur als ein Trümmerhaufen.

Die neuen Ansichten dieser Art, ob sie nun aus der verweltlichten Sucht nach Neuerungen hervorgehen oder ob sie einen lobenswerten Grund haben: Sie werden nicht immer in der gleichen Abstufung, mit derselben Deutlichkeit und mit den gleichen Ausdrücken vorgelegt, auch nicht immer unter einmütiger Zustimmung ihrer Urheber. Denn was heute von einigen mit gewissen Einschränkungen und Unterscheidungen, in mehr verdeckter Weise gelehrt wird, das bringen morgen andere, die verwegener sind, offen und in maßloser Weise vor; und zwar nicht ohne Ärgernis für viele, besonders den jüngeren Klerus, und nicht ohne Schaden für die kirchliche Autoritat. Was bei Veröffentlichungen in Buchform mit mehr Vorsicht behandelt zu werden pflegt, das wird schon freier erörtert in privat verbreiteten Schriften, sowie in Vorlesungen und Besprechungen. Solche Auffassungen finden ihre Verbreitung nicht nur beim Welt- und Ordensklerus und in den Priesterseminarien und Ordensinstituten, sondern auch unter den Laien, und zwar besonders bei solchen, die im Bereich der Jugenderziehung tätig sind.

 

I.

Was aber die Theologie betrifft, so gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen so weit als möglich abzuschwächen. Das Dogma selbst möchten sie von der von der Kirche seit langem übernommenen Ausdrucksweise und von den bei den katholischen Lehrern üblichen philosophischen Begriffen befreien, um bei der Erklärung der katholischen Lehre zu der Sprechweise der Heiligen Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. So hoffen sie, daß das Dogma, entblößt von allen Lehrbestandteilen, welche nach ihren Worten außerhalb der göttlichen Offenbarung sind, zu einem fruchtbaren Vergleich komme mit den die Glaubenssätze betreffenden Meinungen auf der Seite der von der Einheit der Kirche Geschiedenen; und daß man auf diesem Wege Schritt für Schritt dazu gelange, das katholische Dogma und die Ansichten der Getrennten einander anzugleichen.

Haben sie dann die katholische Lehre auf diesen Stand gebracht, so behaupten sie, werde der Weg bereitet, auf dem – den heutigen Bedürfnissen entsprechend – das Dogma auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne, ganz gleich, ob es der „Immanentismus“, der „Idealismus“, der „Existentialismus“, oder irgendein anderes System sei. Es könne und müsse das auch deshalb geschehen, so bekräftigen einige mit noch größerer Verwegenheit, weil sie behaupten, daß die Geheimnisse des Glaubens sich niemals in Begriffe fassen ließen, die vollständig der Wahrheit entsprächen, sondern nur in Begriffe und Ausdrücke, die – wie sie sagen – „annäherungsweise wahr“ und „jederzeit wandelbar“ sind.

Durch dieselben wird die Wahrheit zwar einigermaßen „angedeutet“; sie wird aber auch notwendigerweise „entstellt“. Darum halten sie es nicht für widersinnig, sondern ganz und gar für notwendig, daß die Theologie entsprechend den verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als ihrer Werkzeuge bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so daß sie in verschiedenen Formen – welche untereinander vielleicht sogar in gewissem Widerspruch stehen; welche jedoch (wie sie sagen) dasselbe bedeuten – die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art wiedergibt. Sie fügen noch hinzu, die „Geschichte der Dogmen“ bestehe in der Wiedergabe der verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in welche die geoffenbarte Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden sind.

Die bisherigen Ausführungen zeigen deutlich, daß diese Versuche nicht nur zum sogenannten dogmatischen „Relativismus“ führen, sondern ihn in Wirklichkeit bereits enthalten. Dieser „Relativismus“ wird nur allzu sehr unterstützt durch die Verachtung der allgemein überlieferten kirchlichen Lehre sowie der Worte und deren Bedeutung, mittels derer dieselbe ausdrückt wird. Es leugnet wohl niemand, daß die Worte und deren Bedeutung für diese Begriffe, wie sie in den Gelehrtenschulen und vom Lehramt der Kirche selbst benützt werden, vervollkommnet und ausgefeilt werden können; außerdem ist es bekannt, daß die Kirche im Gebrauch dieser Worte nicht immer konstant gewesen ist. Klar ist es aber, daß die Kirche sich nicht an irgendein kurzlebiges philosophisches System binden kann: Die Begriffe und Bezeichnungen, die von den katholischen Gelehrten in gemeinsamer Übereinkunft im Laufe mehrerer Jahrhunderte geprägt wurden, um eine Glaubenslehre verständlich zu machen, stützen sich wahrhaftig nicht auf ein derart hinfälliges Fundament.

Sie stützen sich vielmehr auf Grundlehren und Begriffe, welche aus einer wahrheitsgemäßen Erkenntnis der geschaffenen Welt ausgearbeitet wurden. Bei der Ausarbeitung dieser Erkenntnisse erleuchtete die von Gott geoffenbarte Wahrheit, gleichsam wie die Sonne, durch die Kirche den menschlichen Verstand. Es ist darum nicht verwunderlich, wenn einige dieser Begriffe von den Allgemeinen Konzilien nicht nur angewendet, sondern auch feierlich bestätigt wurden: Darum wäre es frevelhaft, von ihnen abzuweichen. Was durch Menschen von überdurchschnittlicher Geisteskraft und Heiligkeit, unter der Wachsamkeit des Heiligen Lehramtes, in der Gnade und nicht ohne das Licht und die Führung des Heiligen Geistes, jahrhundertelang mühsam geformt und ausgefeilt worden ist, um die im Denken erfaßten Wahrheiten des Glaubens von Tag zu Tag genauer auszudrücken: So Vieles und so Großes zu vernachlässigen, es zu verwerfen, oder es seiner Geltung zu berauben, um an dessen Stelle auf Mutmaßung beruhende Begriffe und gewisse haltlose und ungenaue Ausdrucksweisen einer „neuen Philosophie“ zu stellen, die wie die Blumen des Feldes heute bestehen und morgen verwelken, das ist nicht nur in höchstem Maße unverständig; vielmehr macht diese Auffassung auch das Dogma in der Tat gleichsam zu einem Schilfrohr, das vom Winde hin- und hergetrieben wird. Die Verachtung der Bezeichnungen und Begriffe, welche die scholastischen Theologen zu gebrauchen pflegen, führt auch von selbst zur Schwächung der sogenannten „spekulativen Theologie“: Dieselbe, so meinen jene, entbehre der wahren Sicherheit und Gewißheit, weil sie sich auf theologische Beweisgründe stütze.

Schmerzlich ist es, daß jene eifrigen Neuerer von der Verachtung der scholastischen Theologie sehr leicht dazu übergehen, das Lehramt der Kirche selbst zu vernachlässigen oder gar zu verachten, welches diese Theologie mit seiner Autorität so sehr als richtig bestätigt. Dieses Lehramt wird von ihnen als ein „Hemmnis für den Fortschritt und als ein Hindernis für die Wissenschaft“ dargestellt. Von gewissen Nichtkatholiken wird es bereits wie ein ungerechter Zügel angesehen, durch den einige Theologen von höherer Bildung davon abgehalten werden, ihr Fachgebiet zu erneuern. – Dieses heilige Lehramt muß für einen jeden Theologen in den Angelegenheiten des Glaubens und der Sitten der nächste und allgemeine Maßstab der Wahrheit sein: Christus, der Herr, hat ihm den ganzen hinterlegten Glaubensschatz anvertraut – die Heilige Schrift und die göttliche Überlieferung – um ihn zu behüten, zu verteidigen und auslegend zu erklären.

Dennoch gerät immer wieder die Pflicht der Gläubigen in Vergessenheit, so als ob diese Pflicht nicht bestehen würde, ebenfalls jene Irrtümer zu fliehen, die sich mehr oder weniger der Häresie nähern, und also auch die Konstitutionen und Erlasse zu beachten, mit denen der Heilige Stuhl falsche Ansichten dieser Art verworfen und verboten hat3. Mit Absicht haben sich einige daran gewöhnt, dasjenige nicht zu beachten, was in den Rundschreiben der Römischen Päpste über die Wesensbeschaffenheit und die Einrichtung der Kirche enthalten ist, nur um eine mehr unbestimmte Auffassung vorherrschen zu lassen, die sie aus den Schriften der alten Väter, besonders der griechischen, geschöpft zu haben behaupten. Die Päpste, so pflegen sie selbst zu sagen, wollen kein Urteil abgeben in den Fragen, über welche unter den Theologen disputiert wird; und darum sei es nötig, zu den ersten Quellen zurückzugehen und die neueren Konstitutionen und Erlasse des Kirchlichen Lehramtes aus den Schriften der Altvorderen heraus zu erklären.

Wenn das auch klug gesagt zu sein scheint, so liegt doch Verstellung und Täuschung darin. Denn es ist wahr, daß die Päpste im allgemeinen den Theologen in den Fragen Freiheit zugestehen, in denen bewährtere Geisteslehrer verschiedene Auffassungen vertreten; die Geschichte lehrt aber auch, daß vieles, was zuerst der freien Erörterung unterworfen war, später keine Erörterung mehr dulden konnte.

Man darf ebenfalls nicht annehmen, daß dasjenige, was in den Enzykliken dargelegt wird, als solches keine Zustimmung verlange, weil die Päpste darin nicht die höchste Gewalt ihres Lehramtes ausübten. Denn es handelt sich dabei um Äußerungen kraft des ordentlichen Lehramtes, von dem ja auch das Wort Christi gilt: Wer euch hört, der hört mich4. Noch dazu gehört sehr häufig das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, schon anderswoher zur katholischen Glaubenslehre. Wenn also die Päpste in ihren Verfügungen vorsätzlich ein Urteil über eine bis dahin umstrittene Sache aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese Sache nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr als eine Frage gelten kann, welche der freien Erörterung zwischen den Theologen unterliegt. Wahr ist es auch, daß die Theologen ständig auf die Quellen der göttlichen Offenbarung zurückgreifen müssen: Denn es ist ja ihre Aufgabe, darüber Aufschluss zu geben, auf welche Art und Weise sich dasjenige, was das lebendige Lehramt lehrt, in der Heiligen Schrift und in der göttlichen Überlieferung entweder ausdrücklich oder einschlußweise findet5.

Dazu kommt noch, daß dieser doppelte Quell der Lehre der göttlichen Offenbarung so viele und so große Schätze der Wahrheit enthält, daß er niemals wirklich ganz ausgeschöpft werden kann. Darum wachsen auch die heiligen Wissenschaften durch das Studium der heiligen Quellen immer jugendlich heran; hingegen bleibt eine Betrachtungsweise, die eine weitere Untersuchung des heiligen Glaubensschatzes vernachlässigt, wie Wir durch Erfahrung feststellen konnten, ohne Frucht. Aus diesem Grunde kann aber auch die sogenannte positive Theologie richtig betrachtet nicht mit der Geschichtswissenschaft auf eine Stufe gestellt werden, da Gott der Kirche zusammen mit den genannten heiligen Quellen das lebendige Lehramt schenkte, um auch diejenigen Wahrheiten zu erklären und zu entfalten, die im Glaubensschatz nur dunkel und gleichsam einschlußweise enthalten sind.

Eben diesen Glaubensschatz hat der göttliche Erlöser weder den einzelnen Christgläubigen noch auch den Theologen selbst zur authentischen Erklärung und Auslegung hinterlassen, sondern allein dem Lehramt der Kirche. Wenn aber die Kirche, so wie es im Laufe der Jahrhunderte oftmals geschehen ist, dieses ihr Amt ausübt, sei es durch die ordentliche oder sei es durch die außerordentliche Ausübung eben dieses Amtes, so steht ganz offenkundig sicher fest, daß die Methode falsch ist, nach der man aus dunklen Hintergründen heraus dies näher erläutern will: Im Gegenteil müssen alle den entgegengesetzten Weg gehen. Als Unser unvergeßlicher Vorgänger, Pius IX., daher lehrte, daß es die vornehmste Aufgabe der Theologie sei, zu zeigen, wie eine von der Kirche definierte Lehre in den Quellen enthalten sei, fügte er nicht ohne gewichtigen Grund die Worte hinzu: in genau dem gleichen Sinn, in dem sie von der Kirche definiert worden ist.

 

II.

Kehren Wir zu den neuen Ansichten zurück, die Wir oben berührt haben. Mehrere Dinge werden von einigen vorgetragen und den Seelen eingeflüstert zum Schaden der göttlichen Autorität der Heiligen Schrift. Manche verdrehen verwegen den Sinn der Definition des Vatikanischen Konzils über Gott als den Urheber der Heiligen Schrift; und sie erneuern die bereits öfters verworfene Ansicht, gemäß der sich die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift einzig und allein auf diejenigen Gegenstände bezieht welche über Gott, und über Fragen der Moral und der Religion handeln. In falscher Weise sprechen sie von einem „menschlichen Sinn der Heiligen Bücher“, unter dem deren „göttlicher Sinn“ verborgen liege. Bei der Auslegung der Heiligen Schrift wollen sie auf die ?Analogie des Glaubens? und die Überlieferung der Kirche keine Rücksicht nehmen: so daß die Lehre der Heiligen Väter und des kirchlichen Lehramtes eher gleichsam an der Heiligen Schrift als Maßstab überprüft zu werden habe, und zwar so, wie dieselbe in einem rein menschlichen Sinn von den Exegeten erklärt wird – als daß eher diese Heilige Schrift vielmehr ausgelegt werden müsse nach dem Sinn der Kirche, die von Christus dem Herrn als Hüterin und Auslegerin des ganzen von Gott offenbarten Schatzes der Wahrheit aufgestellt worden ist.

Außerdem müßte der wörtliche Sinn der Heiligen Schrift und deren Auslegung, die von so vielen und so großen Exegeten unter der Aufsicht der Kirche ausgearbeitet wurde, nach ihren falschen Ansichten einer neuen Schrifterklärung weichen, welche sie die „symbolische“ oder „geistige“ nennen. Mittels dieser würden endlich einmal die Bücher der Heiligen Schrift des Alten Testamentes, die heute wie ein verschlossener Brunnen in der Kirche verborgen lägen, allen geöffnet werden. Auf die gleiche Weise, so behaupten sie, würden alle Schwierigkeiten verschwinden, die lediglich für Solche ein Hindernis bilden, die am wörtlichen Sinn der Heiligen Schrift festhalten. Jeder sieht, wie sich alle diese Ansichten von den Grundsätzen und Normen der Schrifterklärung entfernen, die mit Recht aufgestellt wurden von Unseren Vorgängern gesegneten Angedenkens: von Leo XIII. in der Enzyklika Providentissimus Deus, von Benedikt XV. in der Enzyklika Spiritus Paraclitus, und ebenso von Uns selbst in der Enzyklika Divino afflante spiritu.

Es ist nicht verwunderlich, daß „Neuerungen“ dieser Art in fast allen betreffenden Teilgebieten der Theologie bereits verderbliche Früchte hervorgebracht haben. So wird in Zweifel gezogen, daß die menschliche Vernunft ohne die Hilfe der göttlichen Offenbarung und der göttlichen Gnade mit aus der Schöpfung gezogenen Schlussfolgerungen die Existenz eines persönlichen Gottes beweisen könne. Es wird geleugnet, daß die Welt einen Anfang gehabt hat, und fest behauptet, daß die Erschaffung der Welt unumgänglich erforderlich sei, da sie aus der notwendigen Freigiebigkeit der Liebe Gottes hervorgehe. Verneint wird ebenfalls das ewige und unfehlbare Vorherwissen Gottes um die freien Handlungen der Menschen. Alle diese Ansichten stehen im Widerspruch zu den Erklärungen des Vatikanischen Konzils6.

Einige werfen auch die Frage auf, ob die Engel persönliche Geschöpfe sind; und ob der Stoff sich vom Geist wesentlich unterscheide. Andere verfälschen die übernatürliche Ordnung als ein freies Geschenk Gottes, mit der Behauptung: Gott könne keine mit Verstand begabten Wesen erschaffen, ohne sie auf die Anschauung der Seligen hinzuordnen und sie dazu zu berufen.

Damit nicht genug: Der Begriff der „Erbsünde“ wird, unter Außerachtlassung der Entscheidungen des Konzils von Trient, ebenso wie der Begriff der „Sünde“ überhaupt, als eine „Beleidigung Gottes“ über den Haufen geworfen, ebenso wie auch der Begriff der „Genugtuung“, die Christus für uns geleistet hat. Es finden sich auch solche, die behaupten, die Lehre von der „Transsubstantiation“, die sich auf den veralteten philosophischen Begriff der Substanz stütze, müsse so berichtigt werden, daß die wirkliche Gegenwart Christi in der Heiligsten Eucharistie auf einen gewissen „Symbolismus“ zurückgeführt werde. Demnach sollen die heiligen Gestalten nur „wirksame Zeichen“ sein der geistigen Gegenwart Christi und Seiner innigen Vereinigung mit den gläubigen Gliedern im Mystischen Leibe Christi.

Einige halten sich nicht für gebunden an die vor einigen Jahren in Unserer Enzyklika7 dargelegte Lehre, die sich auf die Quellen der Offenbarung stützt, welche dartut, daß der Mystische Leib Christi und die Römisch-katholische Kirche ein und dasselbe sind. Andere schwächen die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zur wahren Kirche, um das ewige Heil zu erlangen, zu einer gehaltlosen Rechtsformel ab.

Schließlich tun wieder andere dem Charakter der vernunftmäßigen Glaubwürdigkeit des christlichen Glaubens Gewalt und Entehrung an. Es steht fest, daß dies und Ähnliches sich bereits bei einigen Unserer Söhne einschleicht, die sich täuschen ließen von einem unklugen Seeleneifer oder durch eine „Wissenschaft“, die diesen Namen fälschlich trägt. Unter traurigen Empfindungen sind Wir gezwungen, sowohl die allgemein bekannten Wahrheiten zu wiederholen, als auch die klar vor Augen liegenden Irrtümer sowie die Gefahren des Irrtums unter Kummer und Sorge öffentlich bekannt zu machen.

 

III.

Es ist allen bekannt, wie hoch die Kirche den Wert der menschlichen Vernunft stellt, der es zukommt, die Existenz des einen persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen, wie auch die Grundlagen des christlichen Glaubens unwiderleglich durch von Gott gegebene Zeichen als richtig darzutun. In gleicher Weise soll die Vernunft auch das Gesetz, welches der Schöpfer in die Seelen der Menschen hineingelegt hat, auf die rechte Weise deutlich machen. Endlich soll sie auch zu einer beschränkten, aber äußerst fruchtbaren Erkenntnis der (göttlichen) Geheimnisse kommen.

Aber dieser Aufgabe kann die Vernunft nur dann entsprechendermaßen und mit Sicherheit gerecht werden, wenn sie auf gebührende Weise ausgebildet wird: nämlich wenn sie in jener gesunden Philosophie herangebildet wird, die schon seit langem wie ein Erbteil früherer christlicher Jahrhunderte überliefert ist. Dieselbe besitzt auch deswegen ein Ansehen höherer Art, weil das Lehramt der Kirche selbst ihre Grundsätze und hauptsächlichen erklärenden Aussagen, welche von Männern mit großem Scharfsinn nach und nach zur Erkenntnis gebracht und genau bestimmt wurden, zum Abwägen der göttlichen Offenbarung selbst berufen hat. Eben diese Philosophie, die in der Kirche anerkannt und von ihr verbürgt ist, verteidigt die wahre und echte Geltung der menschlichen Erkenntnis sowie die unerschütterlichen Grundgesetze der Seinslehre: nämlich dem vom »hinreichenden Grund«, von der »Ursächlichkeit« und von der »Zweckhaftigkeit«; und endlich die »Erfassung der sicheren und unveränderlichen Wahrheit«.

In dieser Philosophie gibt es freilich viele Darlegungen, welche sich weder unmittelbar noch mittelbar auf Angelegenheiten des Glaubens und der Sitten beziehen und welche die Kirche der freien Erörterung der Sachverständigen anheimstellt. Aber für vieles andere, besonders für die Grundsätze und erklärenden Aussagen, die Wir oben erwähnten, gilt nicht die gleiche Freiheit. Aber es kann auch in derlei wesentlichen Fragen der Philosophie ein mehr entsprechendes und reicheres Gewand angelegt werden; man kann dieselbe stärken durch wirksamere Ausdrucksweisen; man kann weniger passende, schulmäßige Hilfsmittel aufgeben; man kann sie auch behutsam bereichern durch bestimmte Elemente des fortschreitenden menschlichen Wirkens. Gleichwohl aber darf man sie nie zu Fall bringen; oder sie durch falsche Grundsätze besudeln; oder sie gleichsam für ein gewaltiges, aber doch veraltetes Denkmal ansehen. Denn die Wahrheit und jegliche philosophische Darlegung derselben kann nicht von Tag zu Tag Veränderungen unterworfen werden.

Das gilt besonders, wenn es sich um die Grundsätze handelt, die der menschlichen Vernunft aus sich heraus einleuchtend sind, die sich einerseits auf die Weisheit von Jahrhunderten stützen, andererseits auch mit der göttlichen Offenbarung übereinstimmen und auf derselben als Pfeiler ruhen. Was immer der menschliche Verstand in ehrlichem Suchen an Wahrem entdecken kann, das vermag nicht im Gegensatz zu stehen mit einer bereits entdeckten Wahrheit. Denn Gott, die höchste Wahrheit, hat den menschlichen Verstand erschaffen und leitet ihn – aber nicht derart, daß der Verstand den auf rechte Weise erworbenen Erkenntnissen täglich neue entgegenstellt, sondern um, nach Entfernung etwaiger Irrtümer, auf dem Wahren durch das Wahre weiter nach oben zu bauen: in der gleichen Ordnung und Zusammenfügung, wie man die Wirklichkeit der Welt selbst, aus der ja das Wahre entnommen wird, wohlgeordnet erkennt. Darum soll der Christ, Philosoph oder Theologe, nicht eilfertig und leichtsinnig all das in sich aufnehmen, was immer an „neuen Ideen“ Tag für Tag ausgedacht wird, sondern er muß sie mit größter Sorgfalt prüfen und an sie den richtigen Maßstab anlegen, um nicht die bereits erworbene Wahrheit, mit großer Gefahr und schwerem Schaden für den Glauben selbst, entweder zu verlieren oder zu verfälschen.

Nach diesen Überlegungen versteht man leicht, warum die Kirche es verlangt, daß die zukünftigen Priester in den philosophischen Fächern unterrichtet werden nach der Methode, der Lehre und den Grundsätzen des engelgleichen Lehrers8. Die Kirche weiß ja nach einer Erfahrung von vielen Jahrhunderten gut, daß die Methode und die Denkart des heiligen Thomas von Aquin, sowohl im Unterricht für die Anfänger als auch in der Erforschung verborgener Wahrheiten einzigartig hervorragend sind; daß fernerhin seine Lehre gleichsam in einer Art von Harmonie mit der göttlichen Offenbarung übereinstimmt, und daß sie in höchst wirkungsvoller Weise die gesicherten Fundamente des Glaubens legt sowie auch brauchbar und gefahrlos die Früchte eines gesunden Fortschritts aufliest. Darum ist es äußerst zu beklagen, daß man die Philosophie, die von der Kirche übernommen und anerkannt ist, heute von mancher Seite der Verachtung preisgibt, und man sich von ihr als „veraltet in der Form“ und als „rationalistisch“ in der Denkweise, wie sie es nennen, unverschämt lossagt.

Die Gegner behaupten, daß diese unsere Philosophie irrtümlicherweise die Meinung verteidige, es gebe eine absolut gültige Metaphysik; während sie im Gegenteil sagen, die Wahrheiten, besonders die transzendenten, könnten keinen geeigneteren Ausdruck finden als in einander widersprechenden Grundlehrsätzen, die einander gegenseitig ergänzen, obwohl sie zueinander gewissermaßen im Gegensatz stehen. Darum gestehen sie es zu, daß die auf unseren Gelehrtenschulen vorgetragene Philosophie mit ihrer klaren Beschreibung der gestellten Fragen und von deren Lösung mit ihrer genauen Bestimmung der Begriffe und ihren klaren Unterscheidungen wohl nützlich sein könne zum Studium der scholastischen Theologie, welche der Denkungsart des mittelalterlichen Menschen in hervorragender Weise angepaßt war; aber sie könne keine Art und Weise des Philosophierens bieten, die unserer heutigen Kultur mit ihren Bedürfnissen entsprechen würde. Sie wenden ferner ein, daß die „philosophia perennis“ nichts als eine Philosophie der unveränderlichen Wesenheiten sei, während das heutige Denken interessiert sein müsse an der „Existenz der Einzeldinge“ und an dem „stets fließenden Leben“. – Während sie aber diese Philosophie verachten, preisen sie andere Systeme hoch: seien es antike oder neue, seien es solche östlicher oder westlicher Völker: so sehr, daß sie damit hinterhältig den Seelen das Gefühl einflößen zu wollen scheinen, jede beliebige Philosophie oder Meinung könne, unter Beifügung – wenn das vonnöten sein sollte – einiger Verbesserungen oder Ergänzungen, in Ausgleich mit dem katholischen Dogma gebracht werden.

Aber kein Katholik kann daran zweifeln, daß dies gänzlich falsch ist, besonders da es sich um jene Hirngespinste handelt, welche sie „Immanentismus“, oder „Idealismus“, oder „geschichtlichen“ und „dialektischen Materialismus“, oder auch „Existentialismus“ nennen, wobei letzterer sich entweder zum „Atheismus“ bekennt oder sich wenigstens gegen den Wert der vernunftgemäßen Schlußfolgerung im Bereich der Metaphysik wendet.

Schließlich werfen sie der Philosophie unserer Gelehrtenschulen noch dies als Mangel vor, daß sie im Erkenntnisvorgang nur den Verstand berücksichtige, die Tätigkeit des Willens aber und der Gemütsbewegungen vernachlässige. Dies entspricht nicht der Wahrheit. Denn niemals hat die christliche Philosophie den Nutzen und die Wirksamkeit geleugnet, welche die gute Ordnung der gesamten Seelenkräfte für die volle Erkenntnis und Erfassung der religiösen und sittlichen Wahrheiten hat. Vielmehr hat sie immer gelehrt, daß das Schwinden einer solchen Ordnung der Grund dafür sein kann, warum der Verstand unter dem Einfluß der Leidenschaften und des bösen Willens so sehr verdunkelt werden kann, daß er nicht mehr richtig sieht.

Mehr noch, der „Doctor communis“ hält dafür, daß der Verstand auf irgendeine Weise die höheren Güter, sei es der natürlichen oder der übernatürlichen, des Bereiches der sittlichen Ordnung erfassen könne, insofern er in der Seele eine gewisse affektive „Gemeinschaft im Wesen“9 mit diesen Gütern erfährt, sei dieselbe von Natur aus, oder sei sie durch eine geschenkte Gnade hinzugefügt10. Es versteht sich, wie sehr ein derartiges, wenn auch nur etwas dunkles Erkennen für die forschenden Bemühungen der Vernunft eine Hilfe sein kann. Dies bedeutet, dem Bereich der Stimmungen des Willens die Kraft zuzuerkennen, der Vernunft zu helfen, eine sicherere und festere Erkenntnis der sittlichen Dinge zu erlangen. Etwas ganz anderes bedeutet es aber, was diese „Neuerer“ dringend fordern: daß nämlich den Fähigkeiten des verlangenden Suchens und des begehrenden Strebens eine gewisse intuitive Kraft zuzuerkennen sei; und daß der Mensch, wo er durch Betätigung der Vernunft nicht mit Sicherheit erkennen kann, was für wahr zu halten ist, sich zum Willen hinneigen solle, mittels dessen er unter entgegengesetzten Meinungen durch einen freien Entschluß selbst eine Wahl treffen könne. Hierbei werden die Erkenntnis und die Tätigkeit des Wiliens in ein ungeordnetes Durcheinander gebracht.

Es ist nicht verwunderlich, daß diese neuen Ansichten zwei philosophische Fächer in Gefahr bringen, die ihrer Natur nach sehr eng mit der Glaubenslehre verbunden sind: nämlich die „Theodizee“ und die „Ethik“. Die Gegner sind der Ansicht, daß es nicht die Aufgabe dieser beiden Fächer sei, irgendetwas Sicheres über Gott oder ein anderes transzendentes Wesen wissenschaftlich zu beweisen, sondern vielmehr zu zeigen, wie dasjenige, was der Glaube über den persönlichen Gott und Seine Gebote lehrt, vollkommen mit den Bedürfnissen des Lebens zusammenhängt, und wie es daher von allen anzunehmen sei, um vor der Verzweiflung zu bewahren und das ewige Heil zu erreichen. Dies alles steht in offenem Widerspruch mit den Entscheidungen Unserer Vorgänger Leo XIII. und Pius X. Ebenso ist es auch unvereinbar mit den Dekreten des Vatikanischen Konzils. Es gäbe keine Veranlassung, solche Abirrungen von der Wahrheit betrauern zu müssen, wenn alle, auch auf dem Gebiet der Philosophie, ihren Sinn mit der gebührenden Ehrfurcht auf das Lehramt der Kirche richten würden. Gemäß göttlicher Einrichtung ist es dessen Aufgabe nicht nur, den Schatz der von Gott geoffenbarten Wahrheit zu bewahren und zu erklären, sondern auch über die philosophischen Fächer zu wachen, damit die katholischen Glaubenlehren durch unrichtige Grundsätze und Meinungen keinerlei Schaden leiden.

 

IV.

Es verbleibt Uns jetzt noch, zu den Fragen Stellung zu nehmen, die, wenn sie sich auch auf die sogenannten positiven Wissenschaften beziehen, dennoch mehr oder weniger mit den Wahrheiten des christlichen Glaubens zusammenhängen. Nicht wenige stellen ja dringend die Forderung, die katholische Religion möge diese „wissenschaftlichen“ Fachgebiete möglichst stark berücksichtigen. Das ist in der Tat lobenswert, wo es sich um wirklich bewiesene Tatsachen handelt; es ist jedoch mit Vorsicht aufzunehmen, wo es sich mehr um die Frage von Hypothesen handelt, auch wenn sie irgendwie auf irdischer Wissenschaft beruhen, durch welche die in der Heiligen Schrift oder in der Tradition enthaltene Glaubenslehre berührt wird. Wenn solche von Vermutungen ausgehenden Meinungen direkt oder indirekt gegen die von Gott geoffenbarte Glaubenslehre sind, dann kann eine derartige Forderung in keiner Weise zugelassen werden.

Deshalb verbietet es das Lehramt der Kirche nicht, daß die Theorie des Evolutionismus, insoweit dort Forschungen angestellt werden über die Herkunft des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie – während ja der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind – gemäß dem augenblicklichen Stand der weltlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie, Gegenstand von Untersuchungen und Besprechungen gelehrter Fachleute auf beiden Gebieten sei. Und zwar sollen die Begründungen für beide Ansichten, also der begünstigenden und auch der ablehnenden, mit gebührendem Ernst, besonnen und maßvoll abgewogen und beurteilt werden; unter der Voraussetzung, daß alle bereit sind, dem Urteil der Kirche Folge zu leisten, welcher von Christus das Amt anvertraut worden ist, sowohl die Heilige Schrift authentisch zu erklären, als auch die Dogmen des Glaubens zu schützen11.

Einige überschreiten nun in unbesonnener Verwegenheit diese Freiheit der Erörterung, indem sie so tun, als sei sozusagen der Ursprung des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene Indizien und durch Schlußfolgerungen aus diesen Indizien bereits mit vollständiger Sicherheit bewiesen; und angeblich liege aus den Quellen der göttlichen Offenbarung kein Grund vor, welcher auf diesem Gebiet die allergrößte Mäßigung und Vorsicht verlangen würde.

Wenn es sich jedoch um eine andere auf Mutmaßung beruhende Meinung handelt, nämlich den sogenannten „Polygenismus“, so genießen die Söhne der Kirche keineswegs eine derartige Freiheit. Denn die Christgläubigen können sich nicht einer Meinung anschließen, deren Anhänger entweder behaupten, daß es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, welche nicht von ihm, als dem Stammvater aller, auf dem Weg der natürlichen Zeugung abstammen; oder aber, daß „Mann“ eine Menge von Stammvätern bezeichne. Denn es wird auf keine Weise klar, wie eine derartige Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden könnte mit dem, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die »Erbsünde« sagen: daß dieselbe aus der wirklich begangenen Sünde des einen Adam hervorgeht, und daß sie durch die Geburt auf alle überging, und jedem einzelnen innewohnt und zu eigen ist12.

 

V.

Wie in den biologischen und anthropologischen Fachgebieten, so überschreiten auch in den historischen einige verwegen die von der Kirche festgelegten Grenzen und Vorsichtsmaßregeln. Besonders beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Art und Weise in der Auslegung der geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes. Um ihre Gründe zu verteidigen, berufen sich deren Begünstiger zu Unrecht auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet wurde13.

Dieses Schreiben mahnt nämlich ausdrücklich, daß die ersten elf Kapitel der Genesis – wenn sie auch eigentlich nicht derjenigen Art und Weise der Geschichtsschreibung entsprechen, wie sie von den hervorragendsten griechischen und lateinischen Schriftstellern, und auch von den Fachgelehrten unseres Zeitalters angewendet wurde – nichtsdestoweniger in einem ganz wahren Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklären ist, zur Gattung der geschichtlichen Darstellung gehören. Die gleichen Kapitel, so heißt es weiter, berichten in einer einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepaßten Sprache einerseits die Hauptwahrheiten, die für die Erlangung unseres Heiles von grundlegender Bedeutung sind; andererseits geben sie aber auch einen volkstümlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des auserwählten Volkes.

Wenn auch die alten inspirierten Verfasser der Heiligen Schrift einiges aus den volkstümlichen Erzählungen entnommen haben – was unstreitig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie vergessen, daß sie es unter dem Anhauch der göttlichen Inspiration taten, durch den sie bei Auswahl und Entscheidung betreffs jener Urkunden vor allem Irrtum von vornherein bewahrt wurden. Es können auch die in der Heiligen Schrift aufgenommenen volkstümlichen Erzählungen in keiner Weise mit Mythologien oder ähnlichem auf die gleiche Stufe gestellt werden, da letztere mehr aus einer ausschweifenden Einbildungskraft als aus einem Streben nach Wahrheit und Einfachheit hervorgehen, welches in den Büchern des Alten Testamentes so sehr in die Augen fällt. Darum muß auch von unseren inspirierten Verfassern gesagt werden, daß sie alle antiken Profanschriftsteller offenkundig übertreffen.

Wir wissen nun freilich, daß die meisten katholischen Lehrer, welche die Früchte ihrer Studien den Universitäten, den Priesterseminarien und den Kollegien der Ordensleute zukommen lassen, weit von diesen Irrtümern entfernt sind, die heute – sei es aus der Begierde nach Neuigkeit, sei es aus einem gewissen übertriebenen Eifer des Apostolates heraus – offen oder verborgen unter die Leute gebracht werden. Wir wissen aber auch, daß derlei neue Auffassungen die Unvorsichtigen anzulocken vermögen. Und darum wollen Wir ihnen lieber gleich beim Beginn entgegentreten, als dann erst das Heilmittel darreichen, wenn sich die Krankheit bereits fest eingenistet hat. Um daher Unserer heiligen Amtspflicht nicht mangelhaft nachzukommen, befehlen Wir, nach reiflicher Abwägung und Überlegung der Angelegenheit vor dem Herrn, den Bischöfen und Oberen der Ordensgemeinschaften unter schwerster Verpflichtung für ihr Gewissen, mit allergrößtem Eifer dafür zu sorgen, daß in den Gelehrtenschulen, bei Zusammenkünften und in Schriften irgendwelcher Art solcherlei Ansichten weder vorgebracht, noch auch an die Kleriker oder an die Christgläubigen auf irgendwelche Art und Weise weitergegeben werden.

Alle, die in kirchlichen Einrichtungen lehren, sollen wissen, daß sie die ihnen anvertraute Aufgabe des Lehrens nicht ruhigen Gewissens ausüben können, wenn sie die von Uns erlassenen Normen der Glaubenslehre nicht heilig annehmen und beim Unterricht der Auszubildenden genauestens befolgen. Diese schuldige Ehrfurcht und diesen Gehorsam, die sie fortwährend bei ihrer angestrengten Tätigkeit dem Lehramt der Kirche entgegenbringen müssen, sollen sie auch dem Verstand und und den Seelen der Auszubildenden einflößen.

Schluss.

Mit aller Kraft und Anstrengung mögen sie ihre Lehrfächer gedeihen lassen; aber sie sollen sich auch davor hüten, die von Uns zum Schutz der Wahrheit des Glaubens und der katholischen Lehre bestimmten Grenzen zu überschreiten. Auf die neuen Fragen, wie sie die heutige Kultur und der Fortschritt des Zeitalters in den Mittelpunkt stellt, sollen sie sehr genau ihre Aufmerksamkeit richten: jedoch mit der gebotenen Klugheit und Vorsicht. Schließlich sollen sie nicht, einem falschen „Irenismus“ huldigend, meinen, die Getrennten und Irrenden könnten glücklich zum Schoß der Kirche zurückgeführt werden, wenn man nicht allen aufrichtig die ganze unverkürzte in der Kirche blühende Wahrheit, ohne jegliche Entstellung und jeden Abstrich, vorträgt und anvertraut.

Auf diese Hoffnung gestützt, die durch Eure Hirtensorge wächst, erteilen Wir als Vorzeichen himmlischer Gaben und als den Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens Euch allen einzeln, Ehrwürdige Brüder, wie auch Eurem Klerus und Volk sehr liebevoll den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am am 12. August des Jahres 1950, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.

 

Pius PP. XII.


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1 Übersetzung nach der Fassung des Wiener Diözesanblatts.
2 Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 2, de relevatione.
3 CJC 1917 can. 1324.
4 Lc 10,16.
5 Pius IX., Inter gravissimas, vom 28.10.1870.
6 Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 1, de Deo rerum omnium creatore.
7 Mystici Corporis vom 29. Juni 1943.
8 CJC 1917 can. 1366,2.
9 „Connaturalitas“.
10 Thomas von Aquin, S.th.II-II,q.1,a.4 ad 3 sowie q.45, a.2 8 in corp.
11 Ansprache von Pius XII. an die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften vom 30.November 1941, AAS XXXIII, p.506.
12 Röm 5,12-19; Konzil von Trient, V. Sitzung, can. 1-4.
13 Schreiben vom 16. Januar 1948.


 

 

"Mystici corporis"
Enzyklika von Papst Pius XII. über den mystischen Leib Christi 29.6.1943


An die ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe, und die anderen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl leben:

Ehrwürdige Mitbrüder, Gruß und Apostolischen Segen!

Über den mystischen Leib Christi, der die Kirche ist (Kol. 1, 24), hat uns zuerst das Wort des Erlösers selbst unterrichtet. Durch diese Lehre wird die große, nie genug gepriesene Huld unserer innigen Verbindung mit einem so erhabenen Haupte in das rechte Licht gestellt. Es handelt sich also gewiß um eine Angelegenheit, die durch ihre Wichtigkeit und Würde alle Menschen, die sich von Gottes Geist führen lassen, zur Betrachtung einlädt, sie erleuchtet und dadurch in hohem Maße anspornt zu jenen heilbringenden Werken, die solchen Weisungen entsprechen. Wir halten es daher für Unsere Aufgabe, hierüber in diesem Rundschreiben mit euch zu sprechen, indem Wir davon vor allem das herausstellen und darlegen, was die streitende Kirche betrifft. Dazu bestimmt Uns nicht nur die außergewöhnliche Erhabenheit dieser Wahrheit selbst, sondern auch unsere gegenwärtige Zeitlage.

Wir beabsichtigen, vom Reichtum zu reden, der im Schoße der Kirche ruht, die Christus mit Seinem Blute erworben hat (Apg. 20, 28. 3) und deren Glieder sich ihres dornenumkrönten Hauptes rühmen. Dies ist ein leuchtendes Zeugnis dafür, daß alles Herrliche und Hohe nur aus dem Leid geboren wird, und daß wir uns sogar freuen sollen, wenn wir an Christi Leiden teilnehmen dürfen, damit wir auch bei der Offenbarung Seiner Herrlichkeit uns freuen und frohlocken können (1. Petr. 4, 13.).

Zunächst ist dies zu bedenken: wie der Erlöser des Menschengeschlechtes von denen, deren Heil zu wirken Er auf sich genommen hatte, mit Nachstellungen, Verleumdungen und Qualen überhäuft wurde, so muß die von Ihm gegründete Gemeinschaft auch hierin ihrem göttlichen Stifter ähnlich werden. Zwar leugnen Wir nicht, ja bekennen vielmehr mit Dank gegen Gott, daß es auch in unserer verworrenen Zeit nicht wenige gibt, die, obgleich getrennt von der Herde Jesu Christi, dennoch auf die Kirche wie auf den einzigen Port des Heiles schauen. Aber Wir wissen auch, daß die Kirche Gottes verachtet und hochmütig und feindselig geschmäht wird, nicht nur von solchen, die das Licht der christlichen Weisheit ablehnen und einer erbärmlichen Rückkehr zu den Lehren, Sitten und Einrichtungen einer heidnischen Vorzeit das Wort reden. Sie begegnet vielfach Verkennung, Gleichgültigkeit und selbst einem gewissen Überdruß und Abscheu auch bei vielen Christen, die sich durch den blendenden Schein des Irrtums bestricken oder von den Verlockungen und Verführungen der Welt umgarnen lassen. Wir haben daher allen Grund, Ehrwürdige Brüder, aus Gewissenspflicht und um den Wünschen vieler zu willfahren, die Schönheit, Erhabenheit und Herrlichkeit unserer Mutter, der Kirche, der wir nächst Gott alles verdanken, allen vor Augen zu stellen und sie zu preisen. Es ist zu hoffen, daß diese Unsere Weisungen und Mahnungen in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen bei den Christgläubigen reiche Fruchte bringen. Denn Wir wissen, wenn das namenlose Weh und Leid dieser sturmbewegten Zeit, das schier unzählbare Menschen aufs bitterste heimsucht, wie aus Gottes Hand in stiller Ergebung hingenommen wird, dann lenkt es wie mit Naturgewalt das Herz der Leidenden vom irdisch Vergänglichen weg dem Himmlischen und ewig Bleibenden zu, und erweckt in ihnen einen geheimen Durst und ein dringendes Verlangen nach den geistlichen Dingen. Unter dem Wirken des göttlichen Geistes fühlen sie sich angeregt und gedrängt, eifriger das Reich Gottes zu suchen. Je mehr nämlich die Menschen von den Nichtigkeiten dieser Welt und von der ungeordneten Liebe zum Diesseits losgelöst werden, desto mehr werden sie fähig zum Erfassen des Lichtes überirdischer Geheimnisse. Nun zeigt sich aber heute vielleicht deutlicher denn je die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen, da Reiche und Staaten stürzen, da ungeheure Werte und Reichtümer aller Art auf den weiten Weltmeeren versenkt, da Städte, Festungen und fruchtbare Gefilde zu grausigen Ruinen zerschlagen und durch Brudermord befleckt werden.

Wir hoffen außerdem, es werde auch für jene, die vom Schoße der katholischen Kirche getrennt sind, nicht ungelegen noch unnütz sein, was Wir nun über den mystischen Leib Jesu Christi darlegen wollen. Und dies nicht bloß deshalb, weil ihr Wohlwollen gegen die Kirche täglich zu wachsen scheint, sondern auch aus folgendem Grunde: wenn sie wahrnehmen, wie gegenwärtig Volk gegen Volk und Reich gegen Reich sich erhebt und wie Zwietracht und Mißgunst, wie der Same der Feindschaft ins Ungemessene wachsen; wenn sie dann ihr Auge auf die Kirche richten und ihre gottgegebene Einheit betrachten - wodurch alle Menschen jedweder Abstammung in brüderlichem Bunde mit Christus vereint sind -, dann werden sie sich wahrlich genötigt sehen, eine solche Gemeinschaft der Liebe zu bewundern und unter der Anregung und Hilfe der Gnade sich angezogen fühlen, an dieser Einheit und Liebe teilzuhaben.

Wir sehen noch einen Uns besonders lieben Anlaß, weshalb gerade diese Wahrheit Uns in den Sinn kommt und Uns mit hoher Freude erfüllt. Im vergangenen Jahr, dem fünfundzwanzigsten seit Unserer Bischofsweihe, erlebten Wir zu Unserem großen Trost etwas, was das Bild des mystischen Leibes Jesu Christi in allen Teilen der Welt hellstrahlend aufleuchten ließ. Während nämlich der todbringende, lange Krieg die brüderliche Gemeinschaft der Völker jämmerlich zerbrochen hatte, sahen Wir allenthalben unsere Söhne in Christo in einmütiger Gesinnung und Liebe ihr Herz zum gemeinsamen Vater erheben, der mit den Kümmernissen und Sorgen aller beladen in so stürmischer Zeit das Steuer der katholischen Kirche zu führen hat. Hierin erblicken Wir nicht nur ein Zeugnis für die wunderbare Einheit der Christengemeinschaft, sondern auch für folgende Tatsache: gleichwie Wir alle Völker jeglicher Nation mit Vaterliebe umfangen, so schauen die Katholiken von überall her, obgleich ihre Völker untereinander im Kampfe stehen, zum Vertreter Jesu Christi wie zum Vater auf, der alle liebt, der von völlig unparteilichem und unbestechlichem Urteil geleitet über den aufgewühlten Wogen der menschlichen Wirren steht, der die Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe empfiehlt und nach Kräften vertritt.

Ein nicht geringerer Trost war es für Uns, zu erfahren, daß aus freiwilligen, lieben Gaben ein Beitrag gesammelt wurde, damit sich in Röm ein Heiligtum erheben könne zu Ehren Unseres heiligen Vorgängers und Namenspatrons Eugen I. Wie diese Kirche, durch den Willen und die Spenden aller Christgläubigen errichtet, das Andenken an dieses Festjahr verewigen soll, so wünschen Wir Unserer Dankbarkeit durch dieses Rundschreiben bleibenden Ausdruck zu verleihen; handelt es doch von jenen lebendigen Bausteinen, die auf dem lebendigen Eckstein, der Christus ist, mitauferbaut werden zu einem heiligen Tempel, weit erhabener als jeglicher Tempel von Menschenhand, zu einer Wohnung Gottes im Geiste (Eph. 2, 21. 22; 1. Petr. 2, 5.).

Der Hauptgrund aber, weswegen Wir jetzt diese erhabene Lehre einigermaßen ausführlich behandeln wollen, ist Unsere Hirtensorge. Wohl ist vieles hierüber veröffentlicht worden, und es ist Uns nicht unbekannt, daß heute nicht wenige mit Eifer und Hingabe sich mit diesem Gedanken beschäftigen, der auch die christliche Frömmigkeit so sehr anzieht und fördert. Dies ist, wie es scheint, vorab darauf zurückzuführen, daß ein erneuertes Verständnis für die heilige Liturgie, der sich durchsetzende häufigere Empfang des eucharistischen Mahles und schließlich die heute so erfreuliche, innigere Verehrung des heiligsten Herzens Jesu viele zu einer tieferen Betrachtung der unerforschlichen Reichtümer Christi geführt haben, die in der Kirche hinterlegt sind. Dazu kommt, daß die neuerlichen Veröffentlichungen über die Katholische Aktion, die ja die Bande zwischen den Christen untereinander und mit der kirchlichen Hierarchie, besonders mit dem Bischof von Röm, immer enger knüpfen, zweifellos nicht wenig beitrugen, um die Frage gebührend zu beleuchten. Dürfen Wir uns jedoch über diese Tatsachen auch mit gutem Grunde freuen, so sind trotzdem nicht nur bei den von der wahren Kirche Getrennten schwere Irrtümer über diese Lehre verbreitet, sondern es zeigen sich unleugbar auch bei den Christgläubigen weniger richtige oder ganz verfehlte Ansichten, die vom rechten Wege der Wahrheit abziehen können.

Während nämlich auf der einen Seite noch immer ein. falscher Rationalismus alles, was menschliche Geisteskraft übersteigt und hinter sich läßt, für sinnlos betrachtet; während ein diesem verwandter Irrtum, ein flacher Naturalismus, in der Kirche Christi nichts anderes sieht noch sehen will als ein rein rechtliches und gesellschaftliches Band, schleicht sich auf der anderen Seite ein falscher Mystizismus ein, der die unverrückbaren Grenzen zwischen Geschöpf und Schöpfer zu beseitigen sucht und die Heilige Schrift mißdeutet.

Infolge dieser entgegengesetzten, einander widersprechenden und falschen Auffassungen halten manche aus ganz unbegründeter Furcht eine solch tiefere Lehre für gefährlich, ja erschrecken vor ihr wie vor einem schönen, aber verbotenen Paradiesapfel. Das ist unberechtigt; denn von Gott geoffenbarte Geheimnisse können dem Menschen nicht verderblich sein, noch dürfen sie, gleich dem verborgenen Schatz im Acker, unfruchtbar bleiben. Sie sind uns vielmehr dazu von Gott geschenkt, damit sie durch ehrfurchtsvolle Betrachtung zum geistlichen Fortschritt beitragen. So lehrt ja das Vatikanische Konzil: "Die vom Glauben erleuchtete Vernunft vermag durch eifrige, ehrfürchtige und bescheidene Erwägung mit Gottes Gnade eine gewisse Einsicht in die Geheimnisse zu gewinnen, und zwar eine überaus fruchtbare, auf Grund von Ähnlichkeiten im Bereich der natürlichen Erkenntnisse sowie aus dem Zusammenhang der Geheimnisse untereinander und mit dem letzten Ziel des Menschen." Freilich wird die Vernunft, so betont das gleiche Konzil, "niemals fähig, dieselben so zu durchdringen wie die Wahrheiten, die den ihr eigenen Erkenntnisgegenstand ausmachen" (Sessio III: Const. de fide cath., c. 4.).

Damit also die erhebende Schönheit der Kirche in neuer Herrlichkeit erstrahle; damit der unvergleichliche, übernatürliche Adel der Gläubigen, die im Leibe Christi mit ihrem Haupte verbunden sind, lichtvoller zutage trete; damit endlich den vielfachen Irrtümern hierüber jedweder Zugang verschlossen werde, hielten Wir es nach reiflicher Überlegung vor Gott für Unsere Hirtenpflicht, der gesamten Christenheit durch dieses Rundschreiben die Lehre über den mystischen Leib Jesu Christi und über die Verbindung der Gläubigen in diesem Leibe mit dem göttlichen Erlöser vorzulegen und zugleich aus dieser anziehenden Lehre einige Punkte hervorzuheben, die ein tieferes Verständnis des Geheimnisses und dadurch immer reichere Früchte der Vollkommenheit und Heiligkeit bewirken mögen.

Der Betrachtung dieser Lehre bietet sich zunächst das Apostelwort dar: "Als die Sünde übergroß geworden war, wurde die Gnade noch überwältigender (Röm. 5, 20.). Der Stammvater des ganzen Menschengeschlechtes war, wie bekannt, von Gott in einen so erhabenen Stand versetzt, daß er in seinen Nachkommen zugleich mit dem irdischen auch das überirdische Leben der himmlischen Gnade vermitteln sollte. Aber nach dem traurigen Falle Adams verlor die gesamte Menschenfamilie, von der Erbschuld angesteckt, die Teilnahme an der göttlichen Natur (2. Petr. 1, 4.), so daß wir alle Kinder des Zornes wurden (Eph. 2, 3.). Doch der erbarmungsreiche Gott "hat so sehr die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn hingab" (Joh. 3, 16.), und das Wort des Ewigen Vaters hat mit der gleichen göttlichen Liebe aus der Nachkommenschaft Adams eine menschliche Natur angenommen, freilich eine sündenlose und von jeder Makel freie, damit von dem neuen, himmlischen Adam die Gnade des Heiligen Geistes auf alle Kinder des Stammvaters niederströme. Diese waren durch die Sünde des ersten Menschen der göttlichen Kindschaft verlustig gegangen. Jetzt aber sollten sie durch das menschgewordene Wort, dem Fleische nach Brüder des eingeborenen Sohnes Gottes geworden, die Macht erlangen, Kinder Gottes zu werden (Joh. 1, 12.). So hat denn Christus durch seinen Tod am Kreuze nicht bloß der verletzten Gerechtigkeit des Ewigen Vaters Genüge getan, sondern Er hat uns als Seinen Brüdern zugleich eine unaussprechliche Fülle von Gnaden verdient. Diese hätte Er selbst unmittelbar dem gesamten Menschengeschlecht zuteilen können; Er wollte es aber tun durch die sichtbare Kirche, zu der die Menschen sich vereinigen sollten, damit so bei der Verteilung der göttlichen Erlösungsfrüchte alle Ihm gewissermaßen Helferdienste leisten könnten. Wie nämlich das Wort Gottes unsere Natur gebrauchen wollte, um durch seine Schmerzen und Peinen die Menschen zu erlösen, so gebraucht Es ähnlicherweise im Laufe der Jahrhunderte die Kirche, um dem begonnenen Werk Dauer zu verleihen (Conc. Vat., Const. de Eccl.).

Bei einer Wesenserklärung dieser wahren Kirche Christi, welche die heilige, katholische, apostolische, römische Kirche ist (ibidem, Const. de fid. cath., cap. 1.), kann nichts Vornehmeres und Vorzüglicheres, nichts Göttlicheres gefunden werden als jener Ausdruck, womit sie als "der mystische Leib Jesu Christi" bezeichnet wird. Dieser Name ergibt sich und erblüht gleichsam aus dem, was in der Heiligen Schrift und in den Schriften der heiligen Väter häufig darüber vorgebracht wird.

Daß die Kirche ein Leib ist, sagen die Heiligen Bücher des öfteren. "Christus ist das Haupt des Leibes der Kirche" (Kol. 1, 18.). Wenn aber die Kirche ein Leib ist, so muß sie etwas Einziges und Unteilbares sein nach dem Worte des heiligen Paulus: "Viele zwar, bilden wir doch nur einen Leib in Christus" (Röm. 12, 5.). Doch nicht bloß etwas Einziges und Unteilbares muß sie sein, sondern auch etwas Greifbares und Sichtbares, wie Unser Vorgänger sel. Anged. Leo XIII. in seinem Rundschreiben Satis cognitum feststellt: "Deshalb, weil sie ein Leib ist, wird die Kirche mit den Augen wahrgenommen" (A. S. S., XXVIII, p. 710.). Infolgedessen weicht von der göttlichen Wahrheit ab, wer die Kirche so darstellt, als ob sie weder erfaßt noch gesehen werden könnte; als ob sie, wie man behauptet, nur etwas "Pneumatisches" wäre, wodurch viele christliche Gemeinschaften, obgleich voneinander im Glauben getrennt, doch durch ein unsichtbares Band untereinander vereint wären.

Aber ein Leib verlangt auch eine Vielheit von Gliedern, die so untereinander verbunden sein müssen, daß sie sich gegenseitig Hilfe leisten. Und gleichwie in unserem sterblichen Leib, wenn ein Glied leidet, alle andern mitleiden und die gesunden Glieder den kranken zu Hilfe kommen, so leben auch in der Kirche die einzelnen Glieder nicht einzig für sich, sondern unterstützen auch die andern, und alle leisten sich gegenseitig Hilfsdienste zu gegenseitigem Trost, wie besonders zum weiteren Aufbau des ganzen Leibes.

Wie außerdem in der Natur ein Leib nicht aus einer beliebigen Zusammensetzung von Gliedern entsteht, sondern mit Organen ausgestattet sein muß, das heißt mit Gliedern, die verschiedene Aufgaben haben und die in geeigneter Ordnung zusammengesetzt sind, so muß die Kirche hauptsächlich deshalb ein Leib genannt werden, weil sie aus einer organischen Verbindung von Teilen erwächst und mit verschiedenen, aufeinander abgestimmten Gliedern versehen ist. Nicht anders beschreibt der Apostel die Kirche, wenn er sagt: "Gleichwie ... wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder den gleichen Dienst verrichten, so sind wir viele ein Leib in Christus, die einzelnen aber untereinander Glieder" (Röm. 12, 4.).

Man darf jedoch nicht glauben, dieser organische Aufbau des Leibes der Kirche beziehe und beschränke sich allein auf die Stufenfolge der kirchlichen Ämter, noch auch, wie eine entgegengesetzte Meinung behauptet, sie bestehe einzig aus Charismatikern, wenngleich solche mit wunderbaren Gaben ausgestattete Menschen niemals in der Kirche fehlen werden. Gewiß ist unbedingt festzuhalten, daß die mit heiliger Vollmacht in diesem Leibe Betrauten dessen erste und vorzügliche Glieder sind, da durch sie in Kraft der Sendung des göttlichen Erlösers selbst die Ämter Christi, des Lehrers, Königs und Priesters für immer fortgesetzt werden. Aber mit vollem Recht haben die Kirchenväter, wenn sie die Dienstleistungen, Stufen, Berufe, Stellungen, Ordnungen und Ämter dieses Leibes hervorheben, nicht nur jene vor Augen, die heilige Weihen empfangen haben, sondern auch alle jene, die nach Übernahme der evangelischen Räte ein tätiges Leben unter den Menschen oder ein in der Stille verborgenes führen, oder auch beides je nach ihrer besonderen Verfassung zu verwirklichen trachten; ferner jene, die, obgleich in der Welt lebend, doch sich eifrig in Werken der Barmherzigkeit betätigen, um andern seelische oder leibliche Hilfe zu leisten; endlich auch jene, die in keuscher Ehe vermählt sind. Ja, es ist zu beachten, daß zumal in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen, die Familienväter und -mütter, auch die Taufpaten und namentlich jene, die als Laien zur Ausbreitung des Reiches Christi der kirchlichen Hierarchie hilfreiche Hand bieten, einen ehrenvollen, wenn auch oft unansehnlichen Platz in der christlichen Gemeinschaft einnehmen, ja daß auch sie mit Gottes Huld und Hilfe zur höchsten Heiligkeit aufsteigen können, die gemäß den Verheißungen Jesu Christi niemals in der Kirche fehlen wird.

Wie aber der menschliche Leib offensichtlich mit eigenen Werkzeugen ausgerüstet ist, mit denen er für das Leben, die Gesundheit und das Wachstum seiner selbst und der einzelnen Glieder sorgen kann, so hat der Heiland der Menschen in seiner unendlichen Güte wunderbar für seinen mystischen Leib vorgesorgt, indem Er ihn mit Sakramenten bereicherte, um dadurch die Glieder gleichsam in ununterbrochener Gnadenfolge von der Wiege bis zum letzten Atemzuge zu erhalten und zugleich für die sozialen Bedürfnisse des ganzen Leibes reichlich zu sorgen. Durch das Bad der Taufe werden die in dieses sterbliche Leben Geborenen nicht nur aus dem Tode der Sünde wiedergeboren und zu Gliedern der Kirche gemacht, sondern auch mit einem geistlichen Merkmal gezeichnet und dadurch befähigt und instand gesetzt, die übrigen heiligen Sakramente zu empfangen. Durch die Salbung der Firmung wird den Gläubigen neue Kraft verliehen, daß sie die Mutter Kirche und den Glauben, den sie von ihr erhielten, tapfer schützen und verteidigen. Durch das Sakrament der Buße wird den Gliedern der Kirche, die in Sünde fielen, ein wirksames Heilmittel geboten, womit nicht nur für deren eigenes Heil gesorgt, sondern zugleich von den ändern Gliedern des mystischen Leibes die Gefahr der Ansteckung ferngehalten und ihnen überdies ein Ansporn und ein Tugendbeispiel gegeben wird. Doch noch nicht genug: durch die heilige Eucharistie werden die Gläubigen mit einem und demselben Mahle genährt und gestärkt, sowie untereinander und mit dem göttlichen Haupte des ganzen Leibes durch ein unaussprechliches, göttliches Band geeint. Und zuletzt steht die liebevolle Mutter Kirche dem Todkranken bei, um ihm durch das heilige Sakrament der Ölung, wenn Gott will, die Genesung dieses sterblichen Leibes zu spenden; wenn nicht, so doch der wunden Seele ein himmlisches Heilmittel zu reichen und so dem Himmel neue Bürger und sich selbst neue Anwälte zu schenken, die Gottes Güte für ewig genießen.

Für die sozialen Bedürfnisse der Kirche hat Christus sodann durch zwei von ihm eingesetzte Sakramente noch in besonderer Weise Sorge getragen. Durch die Ehe, in welcher die Brautleute sich gegenseitig Spender der Gnade sind, wird die äußere und geordnete Zunahme der christlichen Gemeinschaft und, was noch wichtiger ist, die rechte religiöse Kindererziehung gewährleistet, ohne die der mystische Leib aufs schwerste bedroht wäre. Durch die heilige Priesterweihe aber werden jene Gott völlig zum Dienste geweiht, welche die eucharistische Hostie opfern, die Schar der Gläubigen mit dem Brote der Engel und mit der Speise der Lehre nähren, sie mit den göttlichen Geboten und Räten leiten und mit den übrigen himmlischen Gaben stärken sollen.

Dabei ist dies zu bedenken: wie Gott zu Beginn der Zeit den Menschen mit einer überaus reichen körperlichen Ausstattung bedachte, kraft deren er die Schöpfung sich unterwerfen und sich vermehrend die Erde erfüllen sollte, so hat Er am Anfang des christlichen Zeitalters die Kirche mit den nötigen Mitteln ausgestattet, daß sie nach Überwindung schier unzähliger Gefahren nicht nur den ganzen Erdkreis, sondern auch den Himmel erfülle.

Den Gliedern der Kirche aber sind in Wahrheit nur jene zuzuzählen, die das Bad der Wiedergeburt empfingen, sich zum wahren Glauben bekennen und sich weder selbst zu ihrem Unsegen vom Zusammenhang des Leibes getrennt haben, noch wegen schwerer Verstöße durch die rechtmäßige kirchliche Obrigkeit davon ausgeschlossen worden sind. "Denn - so sagt der Apostel - durch einen Geist wurden wir alle zu einem Leibe getauft, ob Juden oder Heiden, ob Sklaven oder Freie" (1. Kor. 12, 13.).

Wie es also in der wahren Gemeinschaft der Christgläubigen nur einen Leib gibt, nur einen Geist, einen Herrn und eine Taufe, so kann es auch nur einen Glauben in ihr geben (Eph. 4, 5.); und deshalb ist, wer die Kirche zu hören sich weigert, nach dem Gebot des Herrn als Heide und öffentlicher Sünder zu betrachten (Mt. 18, 17.). Aus diesem Grunde können die, welche im Glauben oder in der Leitung voneinander getrennt sind, nicht in diesem einen Leib und aus seinem einen göttlichen Geiste leben.

Es wäre aber auch falsch zu glauben, daß der Leib der Kirche deshalb, weil er den Namen Christi trägt, schon hienieden, zur Zeit seiner irdischen Pilgerschaft nur aus heiligmäßigen Gliedern oder nur aus der Schar derer bestehe, die von Gott zur ewigen Seligkeit vorherbestimmt sind. In seiner unendlichen Barmherzigkeit versagt nämlich unser Heiland in seinem mystischen Leib auch denen den Platz nicht, welchen Er ihn einst beim Gastmahl nicht versagte (Mt. 9, 11; Mk. 2, 16; Lk. 15, 2.). Denn nicht jede Schuld, mag sie auch ein schweres Vergehen sein, ist dergestalt, daß sie, wie dies die Folge der Glaubensspaltung, des Irrglaubens und des Abfalls vom Glauben ist, ihrer Natur gemäß, den Menschen vom Leib der Kirche trennt. Auch gehen die nicht allen übernatürlichen Lebens verlustig, die zwar durch ihre Sünde die Liebe und heiligmachende Gnade verloren haben und deswegen unfähig geworden sind zu übernatürlichem Verdienst, die aber den Glauben und die christliche Hoffnung bewahren und durch himmlisches Licht erleuchtet, durch die Einsprechungen und inneren Antriebe des Heiligen Geistes zu heilsamer Furcht gebracht und zum Gebet und zur Reue über ihren Fall angespornt werden.

So möge denn jeder vor der Sünde zurückschrecken, da durch sie die mystischen Glieder des Erlösers befleckt werden; wer aber das Unglück gehabt hat zu sündigen, ohne sich durch Verstocktheit der Gemeinschaft der Christgläubigen unwürdig gemacht zu haben, dem soll man mit größtem Wohlwollen begegnen und in ihm in echter Liebe nichts anderes sehen als ein krankes Glied Jesu Christi. Es ist nämlich besser, wie der Bischof von Hippo bemerkt, "im Lebenszusammenhang mit der Kirche geheilt, als aus ihrem Körper als unheilbares Glied ausgeschnitten zu werden" (August., Epist, CLVII, 3, 22: Migne, P. L., XXXIII, 686.). "Denn was noch mit dem Leibe zusammenhängt, an dessen Heilung braucht man nicht zu verzweifeln; was aber abgeschnitten ist, kann nicht mehr gepflegt und geheilt werden" (August., Senn., CXXXVII, l: Migne, P. L., XXXVIII, 754.).

Aus den bisherigen Erklärungen sehen wir, Ehrwürdige Brüder, daß die Kirche derart gestaltet ist, daß man sie einem Leibe vergleichen kann; nunmehr müssen wir deutlich und genau darlegen, warum sie nicht ein beliebiger Leib, sondern der Leib Jesu Christi genannt werden muß. Das aber geht daraus hervor, daß unser Herr Schöpfer, Haupt, Erhalter und Erlöser dieses mystischen Leibes ist.

Während Wir in Kürze auseinandersetzen wollen, auf welche Weise Christus den Leib Seiner Gemeinschaft gebildet hat, bietet sich Uns zu Beginn folgender Ausspruch Leos XIII., Unseres Vorgängers sel. Ang., dar: "Die Kirche, die bereits vorher empfangen, aus der Seite des zweiten, am Kreuze gleichsam schlummernden Adam hervorgegangen war, trat zum erstenmal in erkennbarer Weise ans Licht der Welt am hochheiligen Pfingstfest" (Leo XIII. Divinum Illud: A. S. S., XXIX, p. 649.). Der göttliche Erlöser begann nämlich den Bau des mystischen Tempels seiner Kirche damals, als Er predigend seine Gebote verkündete. Er vollendete ihn dann, als Er verherrlicht am Kreuze hing, und offenbarte und übergab ihn schließlich der Öffentlichkeit, als Er seinen Jüngern in sichtbarer Weise den Heiligen Geist als Tröster sandte.

Während Er nämlich das Amt des Predigers ausübte, wählte Er die Apostel und sandte sie aus, wie Er selber vom Vater gesandt war (Joh. 17,18.), als Lehrer, als Lenker und als Spender der Heiligkeit inmitten der Gläubigen. Er bestimmte ihr Haupt und seinen Stellvertreter auf Erden (Mt. 16, 18-19.), offenbarte ihnen alles, was Er vom Vater gehört hatte (Joh. 15, 15; 17, 8 & 14.), ordnete die Taufe an (Joh. 3,5.), durch welche die Gläubigen dem Leibe der Kirche eingegliedert werden sollten. Schließlich, am Abend seines Lebens angelangt, setzte Er die heilige Eucharistie als wunderbares Opfer und wunderbares Sakrament ein.

Daß Christus sein Werk am Kreuzesstamme vollendet hat, versichern in ununterbrochener Reihenfolge die Zeugnisse der heiligen Väter, die darauf hinweisen, daß die "Kirche am Kreuz aus der Seite des Erlösers geboren worden sei als neue Eva und Mutter aller Lebendigen (Gen. 3,20.). Wo der große Ambrosius von der durchbohrten Seite Christi spricht, führt er aus: "Jetzt wird sie gebaut, jetzt gestaltet, jetzt ... gebildet, und jetzt erschaffen. ... Jetzt erhebt sich der geistliche Bau zum heiligen Priestertum" (Ambros., In Lk. 2, 87: Migne, P. L. XV, 1585.). Wer in diese verehrungswürdige Lehre fRömmen Sinnes eindringt, wird leicht die Gründe erkennen, auf die sie sich stützt.

Fürs erste nämlich folgte auf den durch den Tod des Erlösers aufgehobenen Alten Bund der Neue. Damals wurde das Gesetz Christi mit Seinen Geheimnissen, Satzungen, Einrichtungen und heiligen Bräuchen für den ganzen Erdkreis im Blute Christi besiegelt. Denn während der göttliche Erlöser noch in den engen Grenzen seines Landes predigte - Er war ja nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (Mt. 15, 24.) - liefen Gesetz und Evangelium nebeneinander her (S. Thom., I-II, p. 103, a. 3, ad 2.). Doch am Stamme des Kreuzes hob Jesus durch seinen Tod das Gesetz mit seinen Vorschriften auf (Eph. 2,15.), heftete den Schuldschein des Alten Bundes ans Kreuz (Kol. 2,14.) und gründete in seinem Blute, das Er für das gesamte Menschengeschlecht vergoß, den Neuen Bund (Mt. 26, 28 et 1. Kor. 11,25.). "Derart augenscheinlich", so sagt der heilige Leo der Große, wo er vom Kreuze des Herrn spricht, "wurde der Übergang vom Gesetz zum Evangelium, von der Synagoge zur Kirche, von der Vielfalt der Opfer zum einzigen Opfer bewerkstelligt, daß, als unser Herr seinen Geist aufgab, jener geheimnisvolle Vorhang, der das verborgene, innerste Heiligtum, des Tempels abschloß, plötzlich gewaltsam, von oben bis unten zerriß" (Leo M., Sem., LXVIII 3: Migne, P.'L. LIV, 374.).

Am Kreuze also starb das alte Gesetz, das bald begraben und todbringend werden sollte (Hier. et August., Epist. CXLI, 14 et CXVI, 16: Migne, P. L. XXII, 924 et 943; S. Thom., I-II,q. 103, a. 3 ad 2; a. 4 ad l; Concil. Flor., pro lacob.: Mansi. XXXI, 1738.), um dem Neuen Bund Platz zu machen, zu dessen geeigneten Dienern Christus die Apostel erwählt hatte (2. Kor. 3, 6.). In der Kraft des Kreuzes übt unser Heiland, obwohl schon im Schoße der Jungfrau zum Haupt der gesamten Menschenfamilie bestellt, das Amt des Hauptes in seiner Kirche in vollem Umfang aus. "Denn durch den Sieg des Kreuzes verdiente Er sich", nach der Ansicht des engelgleichen, allgemeinen Lehrers, "die Macht und Herrschaft über die Völker" (S. Thom., III, q. 42, a. 1.). Durch diesen Sieg vermehrte Er für uns ins unermeßliche jenen Gnadenschatz, den Er glorreich im Himmel regierend seinen sterblichen Gliedern unaufhörlich austeilt. Durch sein am Kreuze vergossenes Blut beseitigte Er das Hemmnis des göttlichen Zornes, so daß aus den Quellen des Heilandes alle Gaben des Himmels, zumal die heiligen Sakramente des Neuen und Ewigen Bundes, zum Heile der Menschen, besonders der Gläubigen, erfließen konnten. Am Kreuzesbaum erkaufte Er sich schließlich seine Kirche, das heißt alle Glieder seines geheimnisvollen Leibes, die durch das Bad der Taufe diesem mystischen Leibe einzig eingegliedert werden konnten durch die heilbringende Kraft des Kreuzes, an dem sie schon in vollstem Maße Christus zu eigen geworden waren.

Wenn nun unser Erlöser durch seinen Tod im Vollsinn des Wortes Haupt der Kirche geworden ist, dann wurde der Kirche auch durch sein Blut die Fülle des Heiligen Geistes mitgeteilt, durch die sie seit der Erhebung und Verherrlichung des Menschensohnes am Kreuze auf göttliche Weise erleuchtet wird. Bis dahin nämlich, so bemerkt Augustinus (De pecc. orig., XXV. 29: Migne, P. L. XLIV, 400.), war der Gnadentau des Trösters nur auf Gedeons Vlies, das heißt auf das Volk Israel, herabgestiegen. Jetzt aber, als der Tempelvorhang zerriß, überströmte er in reicher Fülle, während das Vlies trocken und verlassen blieb, die gesamte Erde, das heißt die katholische Kirche, die durch keine Schranken weder der Stammes- noch der Landeszugehörigkeit begrenzt werden sollte. Wie also im ersten Augenblick der Menschwerdung der Sohn des Ewigen Vaters die mit Ihm wesensvereinigte Menschennatur mit dem Vollmaß des Heiligen Geistes ausstattete, damit sie ein geeignetes Werkzeug der Gottheit beim blutigen Erlösungswerk würde, so wollte Er in der Stunde seines kostbaren Todes seine Kirche durch reichere Gäben des Trösters bereichert sehen, damit sie beim Austeilen der göttlichen Erlösungsfrüchte ein fähiges, niemals versagendes Werkzeug des fleischgewordenen Wortes würde. Die rechtliche Sendung der Kirche nämlich und ihre Befugnis zu lehren, zu leiten und die Sakramente zu spenden, besitzen deshalb die himmlische Kraft und Gewalt, Christi Leib aufzubauen, weil Christus Jesus am Kreuz seiner Kirche den Quell göttlicher Gaben eröffnete. So ward sie instandgesetzt, den Menschen eine stets unfehlbare Lehre zu künden, sie durch die von Gott erleuchteten Hirten heilbringend zu leiten und mit himmlischen Gnaden zu überschütten.

Wenn wir alle diese Geheimnisse des Kreuzes aufmerksam betrachten, sind uns die Worte des Apostels an die Epheser nicht mehr dunkel, Christus habe durch sein Blut die Juden und die Heiden vereint, "da Er in seinem Fleische die Scheidewand niederriß", die beide Völker trennte; Er habe zugleich das Alte Gesetz aufgehoben, "um aus den zweien in seiner Person einen neuen Menschen zu schaffen", das heißt die Kirche, "und beide in einem Leibe mit Gott zu versöhnen durch sein Kreuz" (Eph. 2,l4-16.). So hatte Er also die Kirche durch sein Blut gegründet. Am Pfingstfeste aber stärkte Er sie mit der ihr eigenen Kraft vom Himmel. Denn als Er den schon früher zu seinem Stellvertreter bestimmten Apostelfürsten feierlich in sein erhabenes Amt eingesetzt hatte, war Er zum Himmel gefahren und wollte nunmehr, sitzend zur Rechten des Vaters, seine Braut durch die sichtbare Herabkunft des Heiligen Geistes unter dem Brausen eines gewaltigen Sturmes und unter feurigen Zungen (Apg. 2,1-4.) offenbaren und kundmachen. - Christus der Herr war ja selber beim Beginn seiner Lehrtätigkeit von seinem ewigen Vater durch den Heiligen Geist, der in leiblicher Gestalt gleich einer Taube herabkam und über ihm blieb (Lk. 3,22; Mk. 1, 10.), geoffenbart worden. So sandte nun auch Er, als die Apostel ihr heiliges Predigtamt antreten sollten, seinen Geist vom Himmel herab, der sie mittels feuriger Zungen berührte und auf die übernatürliche Sendung und das übernatürliche Amt der Kirche wie mit göttlichem Finger hinweisen sollte.

Daß der mystische Leib, den die Kirche bildet, Christi Namen trägt, geht an zweiter Stelle daraus hervor, daß Christus tatsächlich von allen als Haupt der Kirche angesehen werden muß. "Er ist", wie Paulus sagt, "das Haupt des Leibes, der Kirche" (Kol. 1, 18.). Er ist das Haupt, von dem der ganze Leib in passender Ordnung zusammengehalten wird, heranwächst und zunimmt zu seinem Aufbau (Eph.4, 16; Kol. 2, 19.).

Es ist Euch wohlbekannt. Ehrwürdige Brüder, wie lichtvoll und klar die Meister der scholastischen Theologie, vor allem der engelgleiche, allgemeine Lehrer, über diese Wahrheit gehandelt haben. Ihr wißt auch sicher, daß die von St. Thomas vorgebrachten Beweise den Ansichten der heiligen Väter getreu entsprechen, die übrigens nichts anderes wiedergaben und erläuterten als die Aussprüche der Heiligen Schrift.

Dennoch möchten Wir hier zum allgemeinen Nutzen diesen Punkt genauer besprechen. Zunächst ist es klar, daß Gottes und der seligen Jungfrau Sohn wegen seiner einzigartigen Stellung Haupt der Kirche genannt werden muß. Nimmt doch das Haupt die höchste Stelle im Leibe ein. Wer ist aber höher gestellt als Christus, unser Gott, der, Wort des Ewigen Vaters, als der "Erstgeborene aller Schöpfung" (Kol. 1, 15. 4) angesehen werden muß ? Wer steht auf erhabenerem Gipfel als Christus der Mensch, der, von der makellosen Jungfrau geboren, wahrer und wirklicher Sohn Gottes ist und nach seinem Sieg über den Tod durch die wunderbare, glorreiche Auferstehung der "Erstgeborene unter den Toten" ward? (Kol. 1, 18; Offb. 1, 5. 5) Wer endlich hat höheren Rang zu beanspruchen als der, welcher, "alleiniger Mittler ... zwischen Gott und den Menschen" (1. Tim. 2, 5.), auf ganz wunderbare Weise die Erde mit dem Himmel verbindet, der am Kreuz erhöht, wie von einem Thron der Barmherzigkeit alles an sich zog (Joh. 12, 32.); der als Menschensohn, erwählt aus Zehntausenden, mehr von Gott geliebt wird als alle Menschen, alle Engel und die ganze Schöpfung? (Cyr. Alex., Comm. in Ioh. 1, 4: Migne, P. G. LXXIII, 69; S. Thom., I, q. 20, a. 4, ad I.) Weil aber Christus eine so erhabene Stelle einnimmt, lenkt und regiert Er allein mit Fug und Recht die Kirche. Darum ist Er auch aus diesem Grunde mit dem Haupt zu vergleichen. Das Haupt ist ja, um ein Wort des heiligen Ambrosius zu gebrauchen, die "königliche Burg" des Leibes (Hexaem. 6, 55: Migne, P. L. XIV, 265.). Von ihm, als dem mit den vorzüglicheren Fähigkeiten ausgestatteten Glied, werden naturgemäß alle übrigen geleitet über die es gesetzt ist, um für sie Sorge zu tragen (August., De Agon. Christ., XX, 22: Migne, P. L. XL. 301.). So führt der Erlöser das Steuer über die gesamte christliche Gemeinschaft und lenkt sie. Und da eine Gemeinschaft von Menschen zu leiten nichts anderes bedeutet, als sie durch zweckmäßiges Planen und geeignete Mittel auf rechtem Weg zum vorbestimmten Ziele zu führen (S. Thom., L, q. 22, a. 1-4.), so ist leicht einzusehen, daß unser Heiland, Vorbild und Beispiel der guten Hirten (Joh. 10, 1-18; 1. Petr. 5, 1-5.), all dies auf ganz wunderbare Weise ausübt.

Er selbst lehrte uns nämlich, als Er auf Erden weilte, durch Vorschriften, Räte und Mahnungen mit Worten, die niemals vergehen und die für die Menschen aller Zeiten Geist und Leben sein werden (Joh. 6, 63.). Und überdies erteilte Er seinen Aposteln und deren Nachfolgern eine dreifache Gewalt: zu lehren, zu leiten und die Menschen zur Heiligkeit zu führen. Diese mit besonderen Vorschriften, Rechten und Pflichten umschriebene Gewalt stellte Er als Grundsatz der ganzen Kirche auf.

Aber unser göttlicher Erlöser lenkt und leitet auch selbst unmittelbar die von Ihm gegründete Gesellschaft. Er selber regiert nämlich im Geiste und Herzen der Menschen, beugt und spornt nach seinem Wohlgefallen sogar den widerspenstigen Willen, "Das Herz des Königs ist in der Hand des Herrn. Er lenkt es, wohin Er will" (Sprüche 21, 1.). Durch diese innere Leitung sorgt Er nicht nur als "Hirte und Bischof unserer Seelen" (1. Petr. 2, 25.) für die einzelnen, sondern trägt auch Fürsorge für die Gesamtkirche. Bald erleuchtet und stärkt Er ihre Vorsteher, damit jeder von ihnen getreu und fruchtbar sein Amt ausübe. Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum seines geheimnisvollen Leibes. Mit besonderer Liebe aber blickt Christus vom Himmel auf seine makellose Braut, die hier auf Erden in der Verbannung leidet. Sieht Er sie in Gefahr, so entreißt Er sie der Sturmflut persönlich oder durch seine Engel (Act. 8, 26; 9, 1-19; 10,1-7; 12, 3-10.), oder durch sie, die wir als Hilfe der Christen anrufen, und durch andere himmlische Helfer. Haben sich dann die Wogen gelegt und beruhigt dann tröstet Er sie mit jenem Frieden, "der alle Vorstellung übersteigt" (Phil. 4, 7.).

Man darf aber nicht glauben, Er leite sie nur auf unsichtbare (Leo XIII, Satis Cognitum: A. S. S" XXVIII, 725.) oder außerordentliche Weise. Unser göttlicher Erlöser übt auch eine sichtbare, ordentliche Leitung über seinen mystischen Leib aus durch seinen Stellvertreter auf Erden. Ihr wißt ja, Ehrwürdige Brüder, daß Christus, unser Herr, während seiner irdischen Pilgerfahrt "die kleine Herde" (Lk. 12, 32.) zwar persönlich und auf wahrnehmbare Weise regiert hat. Als Er aber die Welt dann verlassen und zum Vater zurückkehren wollte, hat Er die sichtbare Leitung der ganzen von Ihm gegründeten Gesellschaft dem Apostelfürsten übertragen. In seiner Weisheit konnte Er ja den von Ihm geschaffenen gesellschaftlichen Leib der Kirche keineswegs ohne sichtbares Haupt lassen. Man kann auch nicht, um diese Wahrheit in Abrede zu stellen, behaupten, durch den in der Kirche aufgestellten Rechtsprimat sei dieser mystische Leib mit einem doppelten Haupte versehen. Denn Petrus ist kraft des Primates nur der Stellvertreter Christi, und daher gibt es nur ein einziges Haupt dieses Leibes, nämlich Christus. Er hört zwar nicht auf, die Kirchen auf geheimnisvolle Weise in eigener Person zu regieren, auf sichtbare Weise jedoch leitet Er sie durch den, der auf Erden seine Stelle vertritt. Bereits nach seiner glorreichen Himmelfahrt war die Kirche nicht nur auf Ihm selber, sondern auch auf Petrus als dem sichtbaren Grundstein erbaut. Daß Christus und sein Stellvertreter auf Erden nur ein einziges Haupt ausmachen, hat Bonifaz VIII., Unser Vorgänger unvergeßlichen Andenkens, durch das apostolische Schreiben Unam Sanctam feierlich erklärt (Korp. Iur. Can., Extr. comm., I, 8, 1.), und seine Nachfolger haben diese Lehre immerfort wiederholt.

In einem gefährlichen Irrtum befinden sich also jene, die meinen, sie könnten Christus als Haupt der Kirche verehren, ohne seinem Stellvertreter auf Erden die Treue zu wahren. Denn wer das sichtbare Haupt außer acht läßt und die sichtbaren Bande der Einheit zerreißt, der entstellt den mystischen Leib des Erlösers zu solcher Unkenntlichkeit, daß er von denen nicht mehr gesehen noch gefunden werden kann, die den sicheren Port des ewigen Heiles suchen.

Was Wir aber hier von der allgemeinen Kirche sagten, das muß auch von den besonderen christlichen Gemeinschaften gesagt werden, sowohl von den orientalischen wie von den lateinischen, aus denen die eine katholische Kirche besteht und sich zusammensetzt. Jede von ihnen wird von Christus Jesus durch das Wort und die Regierungsgewalt ihres eigenen Bischofs geleitet. Deshalb sind die kirchlichen Oberhirten nicht bloß als vorzüglichere Glieder der allgemeinen Kirche anzusehen, weil sie durch ein ganz eigenartiges Band mit dem göttlichen Haupte des ganzen Leibes verbunden und daher mit Recht "die wichtigsten Teile der Glieder des Herrn" (Greg. Magn., Moral., XIV, 35, 43: Migne, P. L. LXXV, 1062.) genannt werden, sondern jeder einzelne in seinem Sprengel weidet und leitet im Namen Christi als wahrer Hirte seine eigene ihm anvertraute Herde (Conc. Vat., Const. de Ecci., cap. 3.). Bei dieser Tätigkeit sind sie freilich nicht völlig eigenen Rechtes, sondern der dem Römischen Papst gebührenden Gewalt unterstellt, wiewohl sie eine ordentliche Jurisdiktionsgewalt besitzen, die ihnen unmittelbar gleichfalls vom Papste erteilt wird. Deshalb müssen sie als Nachfolger der Apostel zufolge göttlicher Einsetzung (Cod. Iur. Can., can. 329, 1.) vom Volke verehrt werden. Und mehr als von den Regierenden dieser Welt, auch den allerhöchsten, gilt von den Bischöfen, da sie mit der Salbung des Heiligen Geistes versehen sind, das Schriftwort: "Vergreift euch nicht an meinem Gesalbten!" (1Chro 16,22; Ps. 104,15.6).

Wir werden darum von tiefer Wehmut ergriffen, wenn Uns berichtet wird, daß nicht wenige aus Unseren Brüdern im Bischofsamte Verfolgungen und Mißhandlungen erleiden, weil sie lebendiges Vorbild für ihre Herde (1. Petr. 5, 3.) geworden sind und das heilige, ihnen anvertraute "Glaubensgut" (1. Tim. 6, 20.) mit geziemender Tapferkeit und Treue behüten; weil sie auf das Einhalten der heiligsten Gesetze dringen, die von Gott in die Herzen geschrieben sind; weil sie die ihnen anvertraute Herde nach dem Beispiel des höchsten Hirten gegen räuberische Wölfe beschützen. Und dies wird nicht nur ihnen persönlich zugefügt, sondern - was sie noch grausamer und härter empfinden - auch den ihrer Obsorge anvertrauten Gläubigen, ihren Gehilfen in der apostolischen Arbeit, ja sogar den gottgeweihten Jungfrauen. Ein derartiges Unrecht erachten Wir als Uns selber persönlich angetan und wiederholen den erhabenen Ausspruch Gregors des Großen, Unseres Vorgängers unvergeßlichen Andenkens: "Unsere Ehre ist die allgemeine Ehre der Kirche. Unsere Ehre ist die feste Kraft Unserer Brüder; nur dann sind Wir wahrhaft geehrt, wenn jedem einzelnen die ihm gebührende Ehre nicht verweigert wird" (Ep. ad Eulog., 30: Migne, P. L. LXXVII, 933.).

Man darf aber nicht glauben, daß Christus, unser Haupt, weil Er eine so überragende Stellung einnimmt, nicht nach der Hilfe seines mystischen Leibes verlangt. Denn auch von diesem gilt, was Paulus vom menschlichen Organismus aussagt: "Das Haupt kann nicht zu den Füßen . .. sprechen: Ich bedarf euer nicht" (1. Kor. 12, 21.).

Es ist offenkundig, daß die Christgläubigen unbedingt der Hilfe des göttlichen Erlösers bedürfen, da Er selber sagte: "0hne mich könnt ihr nichts tun" (Joh. 15, 5.), und da nach des Apostels Ausspruch jeder Zuwachs beim Aufbau dieses mystischen Leibes von Christus, dem Haupte, sich herleitet (Eph. 4, 16; Kol. 2, 19.). Jedoch muß auch festgehalten werden, so seltsam es erscheinen mag, daß Christus nach der Hilfe seiner Glieder verlangt. Und dies gilt vor allem vom obersten Hirten, insoweit er die Stelle Jesu Christi vertritt: um der Last des Hirtenamtes nicht zu erliegen, muß er andere zur Teilnahme an nicht wenigen seiner Obliegenheiten berufen, und bedarf täglich der Unterstützung durch die Gebetshilfe der Gesamtkirche. Überdies will unser Erlöser, soweit Er persönlich auf unsichtbare Weise die Kirche regiert, die Mitwirkung der Glieder seines mystischen Leibes bei der Ausführung des Erlösungswerkes. Das geschieht nicht aus Bedürftigkeit und Schwäche, sondern vielmehr deshalb, weil Er selber zur größeren Ehre seiner makellosen Braut es so angeordnet hat. Während Er nämlich am Kreuze starb, hat Er den unermeßlichen Schatz der Erlösung seiner Kirche vermacht, ohne daß sie ihrerseits dazu beitrug. Wo es sich aber darum handelt, den Schatz auszuteilen, läßt Er seine unbefleckte Braut an diesem Werke der Heiligung nicht nur teilnehmen, sondern will, daß dies sogar in gewissem Sinne durch ihre Tätigkeit bewirkt werde. Ein wahrhaft schauererregendes Mysterium, das man niemals genug betrachten kann: daß nämlich das Heil vieler abhängig ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi, die sie zu diesem Zweck auf sich nehmen; und von der Mitwirkung, die die Hirten und Gläubigen, besonders die Familienväter und -mütter, unserem göttlichen Erlöser zu leisten haben.

Den eben auseinandergesetzten Gründen, aus denen hervorgeht, daß Christus der Herr das Haupt seines gesellschaftlichen Leibes genannt werden muß, sind jetzt noch drei andere hinzuzufügen, die miteinander in engem Zusammenhang stehen.

Wir beginnen mit der Gleichförmigkeit, die offensichtlich zwischen Haupt und Gliedern auf Grund der gleichen Natur besteht. Dazu ist zu bemerken: unsere Natur erreicht zwar nicht die der Engel, hat jedoch durch Gottes Güte vor der Engelnatur einen Vorzug: "Christus ist nämlich", wie der Aquinate sagt, "das Haupt der Engel. Denn Christus steht über den Engeln auch seiner Menschheit nach ... Ebenso erleuchtet und beeinflußt Er die Engel auch als Mensch. Soweit jedoch die Naturgleichheit in Frage kommt, ist Christus nicht das Haupt der Engel, weil Er sich nach dem Wort des Apostels nicht der Engel, sondern der Kinder Abrahams annahm" (Comm. in ep. ad Eph., cap. 1, lect. 8; Hebr. 2, 16-17.). Aber nicht nur unsere Natur hat Christus angenommen, sondern Er ist auch in der Gebrechlichkeit, Leidensfähigkeit und Sterblichkeit seines Leibes unser Blutsverwandter geworden. Wenn aber das Wort "sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm" (Phil. 2, 7.), so geschah dies auch deshalb, um uns, seine Brüder dem Fleische nach, der göttlichen Natur teilhaft zu machen (2. Petr. 1, 4.): hier in unserer irdischen Verbannung durch die heiligmachende Gnade, und dort in der ewigen Heimat durch Erlangung der ewigen Seligkeit. Deshalb wollte der Eingeborene des Ewigen Vaters Menschensohn sein, damit wir dem Bilde des Sohnes Gottes gleichförmig würden (Röm. 8, 29.) und nach dem Bilde unseres Schöpfers uns erneuerten (Kol. 3,10.). Alle jene also, die sich des christlichen Namens rühmen, müssen nicht nur unseren göttlichen Erlöser als erhabenes und vollkommenstes Vorbild aller Tugenden betrachten, sondern auch durch weise FLkht vor der Sünde und eifriges Heiligkeitsstreben so seine Lehre und sein Leben in ihrem sittlichen Verhalten zum Ausdruck bringen, daß sie, wenn der Herr erscheint, Ihm in seiner Herrlichkeit ähnlich werden, und Ihn sehen, wie Er ist (1.Joh.3,2.).

Wie aber Christus will, daß die einzelnen Glieder Ihm ähnlich werden, so wünscht Er es auch vom ganzen Leib der Kirche. Und das geschieht in der Tat, indem die Kirche nach dem Vorbild ihres Stifters lehrt, leitet und das göttliche Opfer darbringt. Außerdem stellt sie durch Befolgung der evangelischen Räte die Armut, den Gehorsam und die unberührte Keuschheit des Erlösers in sich dar. In ihren zahlreichen und verschiedenartigen religiösen Genossenschaften, die gleichsam ihre Kleinode bilden, zeigt sie uns gewissermaßen Christus selbst, wie Er auf dem Berge betrachtend betet oder den Volksscharen predigt oder die Kranken und Verletzten heilt, die Sünder zum Guten bekehrt, oder allen Wohltaten spendet. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die Kirche, solange sie hier auf Erden weilt, nach dem Beispiel Christi auch mit Verfolgungen, Mißhandlungen und Leiden heimgesucht wird.

Überdies muß Christus deshalb als Haupt der Kirche gelten, weil sein mystischer Leib aus der Fülle und Vollkommenheit der übernatürlichen Gaben schöpft, die Er ihm spendet. Wie nämlich - worauf mehrere Väter hinweisen - das Haupt unseres sterblichen Leibes im Besitz aller Sinne ist, während die übrigen Glieder unseres Organismus nur am Gefühlssinn teilhaben, so strahlen auch alle Tugenden, Gaben und Gnadenvorzüge der christlichen Gemeinschaft in Christus dem Haupte aufs vollkommenste wieder. "Es war Gottes "Wille, in Ihm die ganze Fülle wohnen zu lassen" (Kol. 1, 19.). Ihn zieren jene übernatürlichen Gaben, welche die hypostatische Vereinigung der beiden Naturen im Gefolge hat: in Ihm wohnt der Heilige Geist in einer derartigen Gnadenfülle, daß sie größer nicht gedacht werden kann. Ihm ist gegeben "die Macht über alles Fleisch" (Joh. 17, 2.), überreich sind in Ihm "alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis" (Kol. 2,3.). Auch jene Erkenntnis, die man Erkenntnis der Gottschauung nennt, besitzt Er in solcher Fülle, daß sie an Umfang und Klarheit die beseligende Schau aller Heiligen im Himmel weit überragt. Und schließlich ist Er so reich an Gnade und Wahrheit, daß wir alle aus seiner unerschöpflichen Fülle empfangen (Joh. l, 14-16.).

Diese Worte des Jüngers, dem Jesus seine besondere Liebe schenkte, geben Uns Anlaß, den letzten, besonders einleuchtenden Beweisgrund dafür anzuführen, daß Christus der Herr das Haupt seines mystischen Leibes zu nennen ist. Wie nämlich die Nerven vom Haupte in alle Glieder unseres Leibes sich verteilen und ihnen die Fähigkeit verleihen, zu fühlen und sich zu bewegen, so flößt unser Erlöser seiner Kirche die Kraft und die Stärke ein, vermöge deren die Christgläubigen die göttlichen Dinge klarer erkennen und eifriger erstreben. Von Ihm strahlt in den Leib der Kirche alles Licht aus, wodurch die Gläubigen übernatürliche Erleuchtung empfangen und jegliche Gnade, durch die sie heilig werden, wie Er selber heilig ist.

Seine gesamte Kirche erleuchtet Christus; das kann fast aus unzähligen Stellen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter bewiesen werden. "Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ruht, der hat Kunde von ihm gebracht" (Joh. 1, 18.).

Als Lehrer von Gott kommend (Joh. 3,2.), um der Wahrheit Zeugnis zu geben (Joh. 18,37.), erleuchtete Er die junge Kirche der Apostel mit seinem Lichte derart, daß der Apostelfürst ausrief: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh. 6, 68.). Den Evangelisten stand Er vom Himmel aus in der Weise bei, daß sie gleichsam als Glieder Christi aufzeichneten, was sie sozusagen durch das Diktat des Hauptes erkannten (August., De cons. evang., I, 35, 54: Migne, P; L. XXXIV, 1070.). Und so ist Er auch heute noch für uns, die wir hier in der irdischen Verbannung weilen, Begründer des Glaubens, wie Er in der Heimat dessen Vollender (Hebr. 12, 2.) ist. Er ist es, der den Gläubigen das Licht des Glaubens eingießt; der die Hirten und Lehrer und besonders seinen Stellvertreter auf Erden mit den übernatürlichen Gaben der Erkenntnis, der Einsicht und Weisheit bereichert, damit sie den Schatz des Glaubens getreu bewahren, mutig verteidigen, fRömm und eifrig erklären und sichern. Er ist es schließlich, der, wenn auch unsichtbar, die Konzilien der Kirche leitet und erleuchtet (Cyr. Alex., Ep. 55 de Symb.: Migne, P. G. LXXVII, 293.).

Christus ist Begründer und Urheber der Heiligkeit. Denn es gibt keinen heilbringenden Akt, der nicht aus Ihm als seiner übernatürlichen Quelle sich herleitete. "Ohne Mich", sagt Er, "könnt ihr nichts tun" (Joh. 15, 5.). Wenn wir ob begangener Schuld von Seelenschmerz und Reue bewegt werden; wenn wir uns in kindlicher Furcht und Hoffnung zu Gott bekehren, immer werden wir von seiner Kraft geführt. Gnade und Glorie entspringen aus seiner unerschöpflichen Fülle. Besonders die hervorragenderen Glieder seines mystischen Leibes beschenkt unser Erlöser unaufhörlich mit den Gaben des Rates, der Stärke, der Furcht und der Frömmigkeit, damit der gesamte Leib von Tag zu Tag mehr und mehr zunehme an Heiligkeit und Reinheit des Lebens. Und wenn die Sakramente der Kirche mit einem äußeren Ritus gespendet werden, dann bringt Er selber die Wirkung in den Seelen hervor (S. Thom., III, q. 64, a. 3. 2). Ebenso ist Er es, der die Erlösten mit seinem Fleische und Blute nährt und die wirren, erregten Leidenschaften beruhigt. Er vermehrt die Gnade und bereitet die Glorie für Seele und Leib. Diese Schätze der göttlichen Güte erteilt Er den Gliedern seines mystischen Leibes nicht bloß darum, weil Er sie als eucharistisches Opferlamm auf Erden und als verklärtes im Himmel durch Hinweis auf seine Wunden und mit innigem Flehen vom Ewigen Vater erbittet, sondern auch darum, weil Er für jeden Einzelnen jede einzelne Gnade "in dem Maße, in dem Christus sie austeilt" (Eph. 4,7.), auswählt, bestimmt und zuwendet. Daraus folgt, daß vom göttlichen Erlöser wie aus der Hauptkraftquelle "der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten wird mit Hilfe aller Gelenke, die ihren Dienst verrichten nach der Tätigkeit, die jedem Gliede zugewiesen ist. So vollzieht sich das Wachstum des Leibes, und baut er sich auf in Liebe". (Eph. 4,16; Kol. 2,19.)

Oben haben Wir, Ehrwürdige Brüder, kurz und klar dargelegt, wie Christus der Herr seine reichen Gaben aus seiner göttlichen Fülle heraus in die Kirche einströmen lassen will, damit sie Ihm möglichst gleichgestaltet werde. Diese Erörterung dient gewiß auch der Klarstellung des dritten Grundes, aus dem sich ergibt, weshalb der gesellschaftliche Leib der Kirche den herrlichen Namen Christi trägt: dieser Grund liegt darin, daß unser Erlöser selbst die von Ihm gestiftete Kirche mit göttlicher Kraft erhält. Wie Bellarmin (De Röm. Pont., I, 9; De Concil., II, 19.) fein und scharfsinnig bemerkt hat, ist diese Benennung des Leibes Christi nicht bloß daraus zu erklären, daß Christus das Haupt seines mystischen Leibes genannt werden muß, sondern auch aus der Tatsache, daß Er derart Träger der Kirche ist und in ihr gewissermaßen derart lebt, daß sie selbst gleichsam ein zweiter Christus wird. Gerade das behauptet der Völkerapostel, wenn er im Schreiben an die Korinther (1. Kor. 12, 12.) die Kirche einfachhin "Christus" nennt, indem er offensichtlich den Meister selbst nachahmt, der ihm, als er die Kirche verfolgte, vom Himmel zurief (Apg. 9, 4; 22, 7; 26, 14.): "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?" Ja, wenn wir Gregor von Nyssa (Greg. Nyss., De vita Moysis: Migne, P. G. XLIV, 385.) glauben dürfen, wird die Kirche vom Apostel öfter "Christus" geheißen; auch ist euch, ehrwürdige Brüder, das Wort Augustins nicht unbekannt: "Christus predigt Christus" (Serm., CCCLIV, 1: Migne, P. L. XXXIX, 1563.).

Diese erhabene Benennung ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob das unaussprechliche Band, womit der Sohn Gottes eine bestimmte menschliche Natur mit sich vereinigte, auch die Gesamtkirche umfasse. Sie hat vielmehr ihren Grund darin, daß unser Erlöser die Güter, die Ihm vornehmlich eigen sind, so seiner Kirche mitteilt, daß diese in ihrem ganzen Leben, dem sichtbaren wie dem geheimnisumhüllten, Christi Bild möglichst vollkommen zum Ausdruck bringt. Denn zufolge der rechtlichen Sendung, womit der göttliche Erlöser die Apostel in die Welt sandte, wie Er selbst vom Vater gesandt war (Joh. 17, 18 et 20, 21.), ist Er es, der durch die Kirche tauft, lehrt und regiert, löst und bindet, darbringt und opfert. Mittels jener höheren, ganz inneren und erhabenen Schenkung, die Wir oben berührt haben, wo Wir nämlich die Art der Einflußnahme des Hauptes auf die Glieder beschrieben, läßt Christus der Herr die Kirche an seinem übernatürlichen Leben teilnehmen, durchdringt ihren ganzen Leib mit seiner göttlichen Kraft und nährt und erhält die einzelnen Glieder gemäß dem Rang, den sie im Leibe einnehmen, ungefähr in der Weise, in welcher der Weinstock die mit ihm verbundenen Rebzweige nährt und fruchtbar macht (Leo XIII, Sapientiae Christianae: A. S. S. XXII, 392; Satis cognitum: ibidem, XXVIII, 710.).

Wenn wir nun aufmerksam dieses göttliche von Christus gegebene Lebens- und Kraftprinzip in sich selbst betrachten, insofern es die Quelle einer jeden geschaffenen Gabe und Gnade bildet, werden wir leicht verstehen, daß es nichts anderes ist als der Tröster Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht, und der in besonderer Weise Geist Christi und Geist des Sohnes genannt wird (Röm. 8, 9; 2. Kor. 3, 17; Gal. 4, 6.). Denn mit diesem Geist der Wahrheit und Gnade hat der Sohn Gottes im unversehrten Schoße der Jungfrau seine Seele gesalbt. Dieser Geist betrachtet es als seine Wonne, im lebenspendenden Erlöserherzen als in seinem bevorzugten Tempel zu wohnen. Diesen Geist hat uns Christus am Kreuze durch sein eigenes Blut verdient. Ihn hauchte Er über die Apostel aus und schenkte ihn so der Kirche zur Nachlassung der Sünden (Joh. 20. 22.). Während jedoch nur Christus diesen Geist in ungemessener Fülle empfing (Joh. 3, 34.), wird er den Gliedern des mystischen Leibes aus der Fülle Christi selbst nur in dem Grade verliehen, als Christus ihn gibt (Eph. 1, 8; 4, 7.). Nachdem Christus am Kreuze verherrlicht ist, wird sein Geist der Kirche in reichstem Maße mitgeteilt, damit sie selbst und ihre einzelnen Glieder von Tag zu Tag unserem Erlöser ähnlicher werden. Der Geist Christi ist es, der uns zu Adoptivkindern Gottes gemacht hat (Röm. 8, 14-17; Gal. 4, 6-7.), damit wir einst "alle mit unverhülltem Antlitz die Herrlichkeit,des Herrn schauen und so von Herrlichkeit zu Herrlichkeit zu dem gleichen Bilde umgestaltet werden" (2. Kor. 3, 18.).

Dem Geiste Christi als dem unsichtbaren Prinzip kommt auch die Aufgabe zu, alle Teile des Leibes untereinander sowie mit ihrem erhabenen Haupte zu verbinden, da Er ja ganz im Haupte ist, ganz im Leibe, ganz in den einzelnen Gliedern. Diesen letzteren aber teilt er seine Gegenwart und seinen Beistand in verschiedenem Grade mit, je nach ihren verschiedenen Aufgaben und Ämtern und je nach dem höheren oder geringeren Maße ihrer geistlichen Gesundheit. Er ist es, der infolge seines himmlischen Odems in allen Teilen des Leibes als das Prinzip jeder wirklich zum Heile ersprießlichen Lebensbetätigung angesehen werden muß. Er ist es, der, obwohl selbst in allen Gliedern gegenwärtig und in ihnen in göttlicher Weise tätig, dennoch in den untergeordneten auch durch die Dienstleistung der übergeordneten wirkt. Er ist es endlich, der der Kirche unter dem Wehen seiner Gnade fortwährend neues Wachstum verleiht, es aber verschmäht, in den vom Leibe völlig getrennten Gliedern durch die