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Papst Pius XII.
Enzyklika »Humani
generis«
vom 12. August 1950 über
einige falsche Ansichten, welche die Grundlagen der katholischen Lehre
zu untergraben drohen.1
An die Patriarchen, Primaten,
Erzbischöfe, Bischöfe und anderen Ortsordinarien, die Frieden und
Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle haben.
Ehrwürdige Brüder! Heilsgruß
und Apostolischen Segen!
Einleitung
Des menschlichen Geschlechtes
Uneinigkeit in den Dingen der Religion und Moral und das Abweichen von
der Wahrheit war von jeher für alle Guten, besonders die gläubigen und
aufrechten Söhne der Kirche, der Grund und die Ursache allertiefsten
Schmerzes. Heute gilt das ganz besonders, da Wir überall Angriffe gegen
die Grundlagen der christlichen Kultur selbst wahrnehmen. Es wundert Uns
zwar nicht, daß eine solche Uneinigkeit und solche Irrtümer sich
außerhalb der Kirche Christi immer fanden. Denn wenn auch der
menschliche Verstand mit seinen natürlichen Erkenntniskräften an sich
zur wahren und sicheren Erkenntnis des einen persönlichen Gottes, der
durch Seine Vorsehung die Welt schützt und regiert, sowie des
natürlichen Gesetzes, das der Schöpfer in unsere Seelen legte, kommen
kann, so bestehen doch für ihn nicht wenige Hindernisse, von seiner
ursprünglichen Fähigkeit einen wirklich fruchtbaren Gebrauch zu machen.
Denn alle Dinge, die sich auf
Gott beziehen und das zwischen Gott und den Menschen bestehende
Verhältnis angehen, ruhen in Wahrheiten, welche die Welt der
sinnenhaften Dinge überragen. Diese verlangen vom Menschen die
Eigenhingabe und Selbstverleugnung, wenn sie auf die Lebensführung
Einfluß gewinnen und dieselbe bestimmen. Der menschliche Verstand wird
in der Erkenntnis solcher Wahrheiten behindert durch die Gewalt der
Sinne und der Einbildungskraft, wie auch durch die verkehrten
Leidenschaften, die ihren Ursprung in der »Erbsünde« haben. So geschieht
es, daß sich die Menschen in diesen Dingen gern einreden es sei das
falsch oder zweifelhaft, was sie nicht als wahr haben möchten.
Darum muß gesagt werden, daß
die göttliche Offenbarung moralisch notwendig ist, damit dasjenige, was
in Sachen der Religion und der Sitten dem Verstand an sich – auch im
gegenwärtigen Zustand des menschlichen Geschlechtes – nicht unzugänglich
ist, von allen leicht, mit fester Gewißheit und ohne jede Beimischung
eines Irrtums erkannt werden kann2. Ja, zuweilen kann der menschliche
Geist sogar Schwierigkeiten haben bei der Bildung eines sicheren Urteils
der Glaubwürdigkeit bezüglich des katholischen Glaubens selbst, obwohl
so zahlreiche und wunderbare Zeichen von Gott eingerichtet sind,
aufgrund derer schon im Licht des natürlichen Verstandes der göttliche
Ursprung der christlichen Religion sicher bewiesen werden kann. Der
Mensch ist nämlich imstande – sei es durch Vorurteile verleitet, sei es
durch Begierden und schlechten Willen angestachelt – nicht nur die
überzeugende Evidenz der äußeren Zeichen zu leugnen, welche offen
sichtbar dasteht, sondern auch dem himmlischen Hauch zu widerstehen,
welchen Gott in unsere Seelen einfließen lässt. Wer heute die Menschen,
die außerhalb des Schafstalles Christi sind, beobachtet, kann unschwer
die Hauptwege erkennen, welche nicht wenige Gelehrte eingeschlagen
haben.
Einige verfechten unklug und
urteilslos die von ihnen sogenannte „Evolutionslehre“, die auf dem
eigenen Gebiet der Naturwissenschaften noch nicht sicher bewiesen ist,
für die Erklärung des Ursprungs aller Dinge. Verwegen huldigen sie der „monistischen“
und „pantheistischen“ Auffassung, daß die ganze Welt einer ständigen
„Evolution“ unterworfen sei.
Die Begünstiger des
„Kommunismus“ aber benützen mit Freuden diese Ansicht, um ihren
„dialektischen Materialismus“ wirkungsvoller zu verteidigen und zu
verbreiten, wobei sie jeden Gedanken an Gott aus den Seelen gewaltsam
entfernen. Die Behauptungen dieser „Evolutionslehre“, welche alles
zurückweist, was absolut, fest und unveränderlich ist, haben dem Irrtum
einer neueren verirrten Philosophie, die – mit dem „Idealismus“, dem „Immanentismus“
und dem „Pragmatismus“ wetteifernd – sich „Existentialismus“ nennt, die
Wege bereitet. Dieser kümmert sich nicht um das unveränderliche Wesen
der Dinge und wendet seine Aufmerksamkeit bloß der „Existenz“ der
einzelnen Dinge zu. Dazu kommt noch ein falscher „Historizismus“, der
nur auf das Geschehen im menschlichen Leben achtet, und der die
Grundlagen jeglicher absoluten Wahrheit und jeglichen Gesetzes
vernichtet, sowohl was die Philosophie, als auch was die christlichen
Glaubenssätze angeht.
Bei einer solchen Verwirrung
der Meinungen tröstet es Uns ein wenig, zu sehen, wie solche, die einst
in den Grundsätzen des „Rationalismus“ erzogen wurden, heute nicht
selten zu den von Gott zugänglich gemachten Brunnen der Wahrheit
zurückzukehren wünschen, und die das in der Heiligen Schrift enthaltene
Wort Gottes als Grundlage der Heiligen Theologie anerkennen und
verkünden. Zugleich aber ist es zu beklagen, wie nicht wenige von ihnen,
je fester sie dem Worte Gottes anhängen, desto mehr die menschliche
Vernunft herabsetzen; und je höher sie in ihrer Begeisterung die
Autorität des offenbarenden Gottes erheben, desto heftiger verachten sie
das Lehramt der Kirche, das von Christus dem Herrn eingesetzt worden
ist, um die von Gott geoffenbarten Wahrheiten zu bewahren und zu
erklären. Das steht nun aber nicht nur in offenem Widerspruch zur
Heiigen Schrift, sondern es erweist sich auch aus der Erfahrung heraus
als falsch. Häufig nämlich beklagen sich diese, welche sich von der
wahren Kirche getrennt halten, selbst offen über ihre eigene Uneinigkeit
in dogmatischen Fragen, so daß sie gegen ihren Willen die Notwendigkeit
des lebendigen Lehramtes bezeugen.
Es ist aber Pflicht der
katholischen Theologen und Philosophen, welche die schwerwiegende
Aufgabe haben, die göttliche und die menschliche Wahrheit zu verteidigen
und den Seelen der Menschen einzupflanzen, diese mehr oder weniger vom
rechten Weg abirrenden Ansichten zu kennen und auf sie zu achten. Ja,
diese Lehrmeinungen selbst sollen sie gut durchschauen: teils, weil
schon Krankheiten nicht gut geheilt werden können, wenn sie nicht
richtig erkannt sind; teils, weil in den falschen Ansichten selbst
häufig ein Körnchen Wahrheit verborgen liegt; endlich auch, weil
dieselben den Geist dazu herausfordern, bestimmte philosophische oder
theologische Wahrheiten einsichtiger zu untersuchen und genauer zu
erwägen. Wenn unsere Philosophen und Theologen aus der gründlichen
Untersuchung dieser Lehren nur solche Früchte suchen wollten, hätte das
Kirchliche Lehramt keinen Grund, Einspruch zu erheben. Aber wenn Wir
auch wissen, daß die katholischen Lehrer sich im allgemeinen vor diesen
Irrtümern hüten, so steht doch fest, daß es heute, so wie in den
apostolischen Zeiten, nicht an solchen fehlt, die allzu sehr nach
Neuerungen streben, oder auch fürchten, in den Dingen des zeitgemäßen
wissenschaftlichen Fortschritts für unwissend gehalten zu werden, und
die sich darum der Leitung des Heiligen Lehramtes zu entziehen trachten.
So laufen sie Gefahr, sich unmerklich von der von Gott geoffenbarten
Wahrheit zu entfernen und auch andere mit sich in den Irrtum zu ziehen.
Es zeigt sich auch eine andere
Gefahr, die um so größer ist, als sie mehr unter dem Schein der Tugend
verdeckt ist. Es gibt nämlich viele, welche, indem sie die Zwietracht
des menschlichen Geschlechtes und die Verwirrung der Geister betrauern,
sich von einem unklugen Seeleneifer treiben lassen und in heftiger
Begierde brennen, die Schranken abzubrechen, durch welche gute und
aufrechte Menschen voneinander getrennt werden. Sie geben sich einem
solchen „Irenismus“ hin, daß sie unter Beiseitesetzung der die Menschen
trennenden Fragen nicht nur auf den Atheismus schauen, um ihn mit
vereinten Kräften zu bekämpfen, sondern auch auf die Beseitigung der
Gegensätze in Sachen der Glaubenslehren. Und wie es einst manche gab,
welche fragten, ob nicht die herkömmliche „Apologetik“ der Kirche mehr
ein Hindernis als eine Hilfe sei, um die Seelen für Christus zu
gewinnen, so fehlt es auch heute nicht an solchen, die soweit zu gehen
wagen, daß sie ernstlich die Frage aufwerfen, ob nicht die Theologie und
deren Methode, welche auf den Gelehrtenschulen unter Billigung der
kirchlichen Autorität geübt werden, nicht bloß vervollkommnet, sondern
vielmehr gänzlich reformiert werden müßten, damit das Reich Christi
überall auf der Erde, unter Menschen jegicher Kultur und jeglicher
religiösen Anschauung wirkungsvoller verbreitet werden könne.
Wenn diese nur die Absicht
hätten, durch Einführung irgendeiner neuen Art und Weise die kirchliche
Wissenschaft und deren Methode den heutigen Verhältnissen und
Anforderungen anzupassen, so gäbe es kaum einen Grund zur Besorgnis;
aber in dem unklugen Übereifer ihres „Irenismus“ halten anscheinend
einige auch diejenigen Dinge für Hindernisse bei der Wiederherstellung
der brüderlichen Einheit, welche auf den Gesetzen und Grundsätzen
Christi und den von Ihm gegründeten Einrichtungen selbst beruhen, oder
welche als feste Schutzmittel und Stützen für die Unversehrtheit des
Glaubens dastehen: Wenn diese fallen, dann ist zwar alles geeint, aber
nur als ein Trümmerhaufen.
Die neuen Ansichten dieser
Art, ob sie nun aus der verweltlichten Sucht nach Neuerungen hervorgehen
oder ob sie einen lobenswerten Grund haben: Sie werden nicht immer in
der gleichen Abstufung, mit derselben Deutlichkeit und mit den gleichen
Ausdrücken vorgelegt, auch nicht immer unter einmütiger Zustimmung ihrer
Urheber. Denn was heute von einigen mit gewissen Einschränkungen und
Unterscheidungen, in mehr verdeckter Weise gelehrt wird, das bringen
morgen andere, die verwegener sind, offen und in maßloser Weise vor; und
zwar nicht ohne Ärgernis für viele, besonders den jüngeren Klerus, und
nicht ohne Schaden für die kirchliche Autoritat. Was bei
Veröffentlichungen in Buchform mit mehr Vorsicht behandelt zu werden
pflegt, das wird schon freier erörtert in privat verbreiteten Schriften,
sowie in Vorlesungen und Besprechungen. Solche Auffassungen finden ihre
Verbreitung nicht nur beim Welt- und Ordensklerus und in den
Priesterseminarien und Ordensinstituten, sondern auch unter den Laien,
und zwar besonders bei solchen, die im Bereich der Jugenderziehung tätig
sind.
I.
Was aber die Theologie
betrifft, so gehen einige darauf aus, den Begriff der Dogmen so weit als
möglich abzuschwächen. Das Dogma selbst möchten sie von der von der
Kirche seit langem übernommenen Ausdrucksweise und von den bei den
katholischen Lehrern üblichen philosophischen Begriffen befreien, um bei
der Erklärung der katholischen Lehre zu der Sprechweise der Heiligen
Schrift und der heiligen Väter zurückzukehren. So hoffen sie, daß das
Dogma, entblößt von allen Lehrbestandteilen, welche nach ihren Worten
außerhalb der göttlichen Offenbarung sind, zu einem fruchtbaren
Vergleich komme mit den die Glaubenssätze betreffenden Meinungen auf der
Seite der von der Einheit der Kirche Geschiedenen; und daß man auf
diesem Wege Schritt für Schritt dazu gelange, das katholische Dogma und
die Ansichten der Getrennten einander anzugleichen.
Haben sie dann die katholische
Lehre auf diesen Stand gebracht, so behaupten sie, werde der Weg
bereitet, auf dem – den heutigen Bedürfnissen entsprechend – das Dogma
auch in den Begriffen der heutigen Philosophie ausgedrückt werden könne,
ganz gleich, ob es der „Immanentismus“, der „Idealismus“, der
„Existentialismus“, oder irgendein anderes System sei. Es könne und
müsse das auch deshalb geschehen, so bekräftigen einige mit noch
größerer Verwegenheit, weil sie behaupten, daß die Geheimnisse des
Glaubens sich niemals in Begriffe fassen ließen, die vollständig der
Wahrheit entsprächen, sondern nur in Begriffe und Ausdrücke, die – wie
sie sagen – „annäherungsweise wahr“ und „jederzeit wandelbar“ sind.
Durch dieselben wird die
Wahrheit zwar einigermaßen „angedeutet“; sie wird aber auch
notwendigerweise „entstellt“. Darum halten sie es nicht für widersinnig,
sondern ganz und gar für notwendig, daß die Theologie entsprechend den
verschiedenen Philosophien, deren sie sich im Laufe der Zeit als ihrer
Werkzeuge bedient, neue Begriffe an die Stelle der alten setze, so daß
sie in verschiedenen Formen – welche untereinander vielleicht sogar in
gewissem Widerspruch stehen; welche jedoch (wie sie sagen) dasselbe
bedeuten – die gleichen göttlichen Wahrheiten in menschlicher Art
wiedergibt. Sie fügen noch hinzu, die „Geschichte der Dogmen“ bestehe in
der Wiedergabe der verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen, in welche
die geoffenbarte Wahrheit sich gekleidet habe, entsprechend den
verschiedenen Lehren und Ansichten, die im Laufe der Zeiten entstanden
sind.
Die bisherigen Ausführungen
zeigen deutlich, daß diese Versuche nicht nur zum sogenannten
dogmatischen „Relativismus“ führen, sondern ihn in Wirklichkeit bereits
enthalten. Dieser „Relativismus“ wird nur allzu sehr unterstützt durch
die Verachtung der allgemein überlieferten kirchlichen Lehre sowie der
Worte und deren Bedeutung, mittels derer dieselbe ausdrückt wird. Es
leugnet wohl niemand, daß die Worte und deren Bedeutung für diese
Begriffe, wie sie in den Gelehrtenschulen und vom Lehramt der Kirche
selbst benützt werden, vervollkommnet und ausgefeilt werden können;
außerdem ist es bekannt, daß die Kirche im Gebrauch dieser Worte nicht
immer konstant gewesen ist. Klar ist es aber, daß die Kirche sich nicht
an irgendein kurzlebiges philosophisches System binden kann: Die
Begriffe und Bezeichnungen, die von den katholischen Gelehrten in
gemeinsamer Übereinkunft im Laufe mehrerer Jahrhunderte geprägt wurden,
um eine Glaubenslehre verständlich zu machen, stützen sich wahrhaftig
nicht auf ein derart hinfälliges Fundament.
Sie stützen sich vielmehr auf
Grundlehren und Begriffe, welche aus einer wahrheitsgemäßen Erkenntnis
der geschaffenen Welt ausgearbeitet wurden. Bei der Ausarbeitung dieser
Erkenntnisse erleuchtete die von Gott geoffenbarte Wahrheit, gleichsam
wie die Sonne, durch die Kirche den menschlichen Verstand. Es ist darum
nicht verwunderlich, wenn einige dieser Begriffe von den Allgemeinen
Konzilien nicht nur angewendet, sondern auch feierlich bestätigt wurden:
Darum wäre es frevelhaft, von ihnen abzuweichen. Was durch Menschen von
überdurchschnittlicher Geisteskraft und Heiligkeit, unter der
Wachsamkeit des Heiligen Lehramtes, in der Gnade und nicht ohne das
Licht und die Führung des Heiligen Geistes, jahrhundertelang mühsam
geformt und ausgefeilt worden ist, um die im Denken erfaßten Wahrheiten
des Glaubens von Tag zu Tag genauer auszudrücken: So Vieles und so
Großes zu vernachlässigen, es zu verwerfen, oder es seiner Geltung zu
berauben, um an dessen Stelle auf Mutmaßung beruhende Begriffe und
gewisse haltlose und ungenaue Ausdrucksweisen einer „neuen Philosophie“
zu stellen, die wie die Blumen des Feldes heute bestehen und morgen
verwelken, das ist nicht nur in höchstem Maße unverständig; vielmehr
macht diese Auffassung auch das Dogma in der Tat gleichsam zu einem
Schilfrohr, das vom Winde hin- und hergetrieben wird. Die Verachtung der
Bezeichnungen und Begriffe, welche die scholastischen Theologen zu
gebrauchen pflegen, führt auch von selbst zur Schwächung der sogenannten
„spekulativen Theologie“: Dieselbe, so meinen jene, entbehre der wahren
Sicherheit und Gewißheit, weil sie sich auf theologische Beweisgründe
stütze.
Schmerzlich ist es, daß jene
eifrigen Neuerer von der Verachtung der scholastischen Theologie sehr
leicht dazu übergehen, das Lehramt der Kirche selbst zu vernachlässigen
oder gar zu verachten, welches diese Theologie mit seiner Autorität so
sehr als richtig bestätigt. Dieses Lehramt wird von ihnen als ein
„Hemmnis für den Fortschritt und als ein Hindernis für die Wissenschaft“
dargestellt. Von gewissen Nichtkatholiken wird es bereits wie ein
ungerechter Zügel angesehen, durch den einige Theologen von höherer
Bildung davon abgehalten werden, ihr Fachgebiet zu erneuern. – Dieses
heilige Lehramt muß für einen jeden Theologen in den Angelegenheiten des
Glaubens und der Sitten der nächste und allgemeine Maßstab der Wahrheit
sein: Christus, der Herr, hat ihm den ganzen hinterlegten Glaubensschatz
anvertraut – die Heilige Schrift und die göttliche Überlieferung – um
ihn zu behüten, zu verteidigen und auslegend zu erklären.
Dennoch gerät immer wieder die
Pflicht der Gläubigen in Vergessenheit, so als ob diese Pflicht nicht
bestehen würde, ebenfalls jene Irrtümer zu fliehen, die sich mehr oder
weniger der Häresie nähern, und also auch die Konstitutionen und Erlasse
zu beachten, mit denen der Heilige Stuhl falsche Ansichten dieser Art
verworfen und verboten hat3. Mit Absicht haben sich einige daran
gewöhnt, dasjenige nicht zu beachten, was in den Rundschreiben der
Römischen Päpste über die Wesensbeschaffenheit und die Einrichtung der
Kirche enthalten ist, nur um eine mehr unbestimmte Auffassung
vorherrschen zu lassen, die sie aus den Schriften der alten Väter,
besonders der griechischen, geschöpft zu haben behaupten. Die Päpste, so
pflegen sie selbst zu sagen, wollen kein Urteil abgeben in den Fragen,
über welche unter den Theologen disputiert wird; und darum sei es nötig,
zu den ersten Quellen zurückzugehen und die neueren Konstitutionen und
Erlasse des Kirchlichen Lehramtes aus den Schriften der Altvorderen
heraus zu erklären.
Wenn das auch klug gesagt zu
sein scheint, so liegt doch Verstellung und Täuschung darin. Denn es ist
wahr, daß die Päpste im allgemeinen den Theologen in den Fragen Freiheit
zugestehen, in denen bewährtere Geisteslehrer verschiedene Auffassungen
vertreten; die Geschichte lehrt aber auch, daß vieles, was zuerst der
freien Erörterung unterworfen war, später keine Erörterung mehr dulden
konnte.
Man darf ebenfalls nicht
annehmen, daß dasjenige, was in den Enzykliken dargelegt wird, als
solches keine Zustimmung verlange, weil die Päpste darin nicht die
höchste Gewalt ihres Lehramtes ausübten. Denn es handelt sich dabei um
Äußerungen kraft des ordentlichen Lehramtes, von dem ja auch das Wort
Christi gilt: Wer euch hört, der hört mich4. Noch dazu gehört sehr
häufig das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, schon anderswoher
zur katholischen Glaubenslehre. Wenn also die Päpste in ihren
Verfügungen vorsätzlich ein Urteil über eine bis dahin umstrittene Sache
aussprechen, dann ist es für alle klar, daß diese Sache nach der Absicht
und dem Willen dieser Päpste nicht mehr als eine Frage gelten kann,
welche der freien Erörterung zwischen den Theologen unterliegt. Wahr ist
es auch, daß die Theologen ständig auf die Quellen der göttlichen
Offenbarung zurückgreifen müssen: Denn es ist ja ihre Aufgabe, darüber
Aufschluss zu geben, auf welche Art und Weise sich dasjenige, was das
lebendige Lehramt lehrt, in der Heiligen Schrift und in der göttlichen
Überlieferung entweder ausdrücklich oder einschlußweise findet5.
Dazu kommt noch, daß dieser
doppelte Quell der Lehre der göttlichen Offenbarung so viele und so
große Schätze der Wahrheit enthält, daß er niemals wirklich ganz
ausgeschöpft werden kann. Darum wachsen auch die heiligen Wissenschaften
durch das Studium der heiligen Quellen immer jugendlich heran; hingegen
bleibt eine Betrachtungsweise, die eine weitere Untersuchung des
heiligen Glaubensschatzes vernachlässigt, wie Wir durch Erfahrung
feststellen konnten, ohne Frucht. Aus diesem Grunde kann aber auch die
sogenannte positive Theologie richtig betrachtet nicht mit der
Geschichtswissenschaft auf eine Stufe gestellt werden, da Gott der
Kirche zusammen mit den genannten heiligen Quellen das lebendige Lehramt
schenkte, um auch diejenigen Wahrheiten zu erklären und zu entfalten,
die im Glaubensschatz nur dunkel und gleichsam einschlußweise enthalten
sind.
Eben diesen Glaubensschatz hat
der göttliche Erlöser weder den einzelnen Christgläubigen noch auch den
Theologen selbst zur authentischen Erklärung und Auslegung hinterlassen,
sondern allein dem Lehramt der Kirche. Wenn aber die Kirche, so wie es
im Laufe der Jahrhunderte oftmals geschehen ist, dieses ihr Amt ausübt,
sei es durch die ordentliche oder sei es durch die außerordentliche
Ausübung eben dieses Amtes, so steht ganz offenkundig sicher fest, daß
die Methode falsch ist, nach der man aus dunklen Hintergründen heraus
dies näher erläutern will: Im Gegenteil müssen alle den
entgegengesetzten Weg gehen. Als Unser unvergeßlicher Vorgänger, Pius
IX., daher lehrte, daß es die vornehmste Aufgabe der Theologie sei, zu
zeigen, wie eine von der Kirche definierte Lehre in den Quellen
enthalten sei, fügte er nicht ohne gewichtigen Grund die Worte hinzu: in
genau dem gleichen Sinn, in dem sie von der Kirche definiert worden ist.
II.
Kehren Wir zu den neuen
Ansichten zurück, die Wir oben berührt haben. Mehrere Dinge werden von
einigen vorgetragen und den Seelen eingeflüstert zum Schaden der
göttlichen Autorität der Heiligen Schrift. Manche verdrehen verwegen den
Sinn der Definition des Vatikanischen Konzils über Gott als den Urheber
der Heiligen Schrift; und sie erneuern die bereits öfters verworfene
Ansicht, gemäß der sich die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift einzig
und allein auf diejenigen Gegenstände bezieht welche über Gott, und über
Fragen der Moral und der Religion handeln. In falscher Weise sprechen
sie von einem „menschlichen Sinn der Heiligen Bücher“, unter dem deren
„göttlicher Sinn“ verborgen liege. Bei der Auslegung der Heiligen
Schrift wollen sie auf die ?Analogie des Glaubens? und die Überlieferung
der Kirche keine Rücksicht nehmen: so daß die Lehre der Heiligen Väter
und des kirchlichen Lehramtes eher gleichsam an der Heiligen Schrift als
Maßstab überprüft zu werden habe, und zwar so, wie dieselbe in einem
rein menschlichen Sinn von den Exegeten erklärt wird – als daß eher
diese Heilige Schrift vielmehr ausgelegt werden müsse nach dem Sinn der
Kirche, die von Christus dem Herrn als Hüterin und Auslegerin des ganzen
von Gott offenbarten Schatzes der Wahrheit aufgestellt worden ist.
Außerdem müßte der wörtliche
Sinn der Heiligen Schrift und deren Auslegung, die von so vielen und so
großen Exegeten unter der Aufsicht der Kirche ausgearbeitet wurde, nach
ihren falschen Ansichten einer neuen Schrifterklärung weichen, welche
sie die „symbolische“ oder „geistige“ nennen. Mittels dieser würden
endlich einmal die Bücher der Heiligen Schrift des Alten Testamentes,
die heute wie ein verschlossener Brunnen in der Kirche verborgen lägen,
allen geöffnet werden. Auf die gleiche Weise, so behaupten sie, würden
alle Schwierigkeiten verschwinden, die lediglich für Solche ein
Hindernis bilden, die am wörtlichen Sinn der Heiligen Schrift
festhalten. Jeder sieht, wie sich alle diese Ansichten von den
Grundsätzen und Normen der Schrifterklärung entfernen, die mit Recht
aufgestellt wurden von Unseren Vorgängern gesegneten Angedenkens: von
Leo XIII. in der Enzyklika Providentissimus Deus, von Benedikt XV. in
der Enzyklika Spiritus Paraclitus, und ebenso von Uns selbst in der
Enzyklika Divino afflante spiritu.
Es ist nicht verwunderlich,
daß „Neuerungen“ dieser Art in fast allen betreffenden Teilgebieten der
Theologie bereits verderbliche Früchte hervorgebracht haben. So wird in
Zweifel gezogen, daß die menschliche Vernunft ohne die Hilfe der
göttlichen Offenbarung und der göttlichen Gnade mit aus der Schöpfung
gezogenen Schlussfolgerungen die Existenz eines persönlichen Gottes
beweisen könne. Es wird geleugnet, daß die Welt einen Anfang gehabt hat,
und fest behauptet, daß die Erschaffung der Welt unumgänglich
erforderlich sei, da sie aus der notwendigen Freigiebigkeit der Liebe
Gottes hervorgehe. Verneint wird ebenfalls das ewige und unfehlbare
Vorherwissen Gottes um die freien Handlungen der Menschen. Alle diese
Ansichten stehen im Widerspruch zu den Erklärungen des Vatikanischen
Konzils6.
Einige werfen auch die Frage
auf, ob die Engel persönliche Geschöpfe sind; und ob der Stoff sich vom
Geist wesentlich unterscheide. Andere verfälschen die übernatürliche
Ordnung als ein freies Geschenk Gottes, mit der Behauptung: Gott könne
keine mit Verstand begabten Wesen erschaffen, ohne sie auf die
Anschauung der Seligen hinzuordnen und sie dazu zu berufen.
Damit nicht genug: Der Begriff
der „Erbsünde“ wird, unter Außerachtlassung der Entscheidungen des
Konzils von Trient, ebenso wie der Begriff der „Sünde“ überhaupt, als
eine „Beleidigung Gottes“ über den Haufen geworfen, ebenso wie auch der
Begriff der „Genugtuung“, die Christus für uns geleistet hat. Es finden
sich auch solche, die behaupten, die Lehre von der „Transsubstantiation“,
die sich auf den veralteten philosophischen Begriff der Substanz stütze,
müsse so berichtigt werden, daß die wirkliche Gegenwart Christi in der
Heiligsten Eucharistie auf einen gewissen „Symbolismus“ zurückgeführt
werde. Demnach sollen die heiligen Gestalten nur „wirksame Zeichen“ sein
der geistigen Gegenwart Christi und Seiner innigen Vereinigung mit den
gläubigen Gliedern im Mystischen Leibe Christi.
Einige halten sich nicht für
gebunden an die vor einigen Jahren in Unserer Enzyklika7 dargelegte
Lehre, die sich auf die Quellen der Offenbarung stützt, welche dartut, daß der Mystische Leib Christi und die Römisch-katholische Kirche ein
und dasselbe sind. Andere schwächen die Notwendigkeit der Zugehörigkeit
zur wahren Kirche, um das ewige Heil zu erlangen, zu einer gehaltlosen
Rechtsformel ab.
Schließlich tun wieder andere
dem Charakter der vernunftmäßigen Glaubwürdigkeit des christlichen
Glaubens Gewalt und Entehrung an. Es steht fest, daß dies und Ähnliches
sich bereits bei einigen Unserer Söhne einschleicht, die sich täuschen
ließen von einem unklugen Seeleneifer oder durch eine „Wissenschaft“,
die diesen Namen fälschlich trägt. Unter traurigen Empfindungen sind Wir
gezwungen, sowohl die allgemein bekannten Wahrheiten zu wiederholen, als
auch die klar vor Augen liegenden Irrtümer sowie die Gefahren des
Irrtums unter Kummer und Sorge öffentlich bekannt zu machen.
III.
Es ist allen bekannt, wie hoch
die Kirche den Wert der menschlichen Vernunft stellt, der es zukommt,
die Existenz des einen persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen,
wie auch die Grundlagen des christlichen Glaubens unwiderleglich durch
von Gott gegebene Zeichen als richtig darzutun. In gleicher Weise soll
die Vernunft auch das Gesetz, welches der Schöpfer in die Seelen der
Menschen hineingelegt hat, auf die rechte Weise deutlich machen. Endlich
soll sie auch zu einer beschränkten, aber äußerst fruchtbaren Erkenntnis
der (göttlichen) Geheimnisse kommen.
Aber dieser Aufgabe kann die
Vernunft nur dann entsprechendermaßen und mit Sicherheit gerecht werden,
wenn sie auf gebührende Weise ausgebildet wird: nämlich wenn sie in
jener gesunden Philosophie herangebildet wird, die schon seit langem wie
ein Erbteil früherer christlicher Jahrhunderte überliefert ist. Dieselbe
besitzt auch deswegen ein Ansehen höherer Art, weil das Lehramt der
Kirche selbst ihre Grundsätze und hauptsächlichen erklärenden Aussagen,
welche von Männern mit großem Scharfsinn nach und nach zur Erkenntnis
gebracht und genau bestimmt wurden, zum Abwägen der göttlichen
Offenbarung selbst berufen hat. Eben diese Philosophie, die in der
Kirche anerkannt und von ihr verbürgt ist, verteidigt die wahre und
echte Geltung der menschlichen Erkenntnis sowie die unerschütterlichen
Grundgesetze der Seinslehre: nämlich dem vom »hinreichenden Grund«, von
der »Ursächlichkeit« und von der »Zweckhaftigkeit«; und endlich die
»Erfassung der sicheren und unveränderlichen Wahrheit«.
In dieser Philosophie gibt es
freilich viele Darlegungen, welche sich weder unmittelbar noch mittelbar
auf Angelegenheiten des Glaubens und der Sitten beziehen und welche die
Kirche der freien Erörterung der Sachverständigen anheimstellt. Aber für
vieles andere, besonders für die Grundsätze und erklärenden Aussagen,
die Wir oben erwähnten, gilt nicht die gleiche Freiheit. Aber es kann
auch in derlei wesentlichen Fragen der Philosophie ein mehr
entsprechendes und reicheres Gewand angelegt werden; man kann dieselbe
stärken durch wirksamere Ausdrucksweisen; man kann weniger passende,
schulmäßige Hilfsmittel aufgeben; man kann sie auch behutsam bereichern
durch bestimmte Elemente des fortschreitenden menschlichen Wirkens.
Gleichwohl aber darf man sie nie zu Fall bringen; oder sie durch falsche
Grundsätze besudeln; oder sie gleichsam für ein gewaltiges, aber doch
veraltetes Denkmal ansehen. Denn die Wahrheit und jegliche
philosophische Darlegung derselben kann nicht von Tag zu Tag
Veränderungen unterworfen werden.
Das gilt besonders, wenn es
sich um die Grundsätze handelt, die der menschlichen Vernunft aus sich
heraus einleuchtend sind, die sich einerseits auf die Weisheit von
Jahrhunderten stützen, andererseits auch mit der göttlichen Offenbarung
übereinstimmen und auf derselben als Pfeiler ruhen. Was immer der
menschliche Verstand in ehrlichem Suchen an Wahrem entdecken kann, das
vermag nicht im Gegensatz zu stehen mit einer bereits entdeckten
Wahrheit. Denn Gott, die höchste Wahrheit, hat den menschlichen Verstand
erschaffen und leitet ihn – aber nicht derart, daß der Verstand den auf
rechte Weise erworbenen Erkenntnissen täglich neue entgegenstellt,
sondern um, nach Entfernung etwaiger Irrtümer, auf dem Wahren durch das
Wahre weiter nach oben zu bauen: in der gleichen Ordnung und
Zusammenfügung, wie man die Wirklichkeit der Welt selbst, aus der ja das
Wahre entnommen wird, wohlgeordnet erkennt. Darum soll der Christ,
Philosoph oder Theologe, nicht eilfertig und leichtsinnig all das in
sich aufnehmen, was immer an „neuen Ideen“ Tag für Tag ausgedacht wird,
sondern er muß sie mit größter Sorgfalt prüfen und an sie den richtigen
Maßstab anlegen, um nicht die bereits erworbene Wahrheit, mit großer
Gefahr und schwerem Schaden für den Glauben selbst, entweder zu
verlieren oder zu verfälschen.
Nach diesen Überlegungen
versteht man leicht, warum die Kirche es verlangt, daß die zukünftigen
Priester in den philosophischen Fächern unterrichtet werden nach der
Methode, der Lehre und den Grundsätzen des engelgleichen Lehrers8. Die
Kirche weiß ja nach einer Erfahrung von vielen Jahrhunderten gut, daß
die Methode und die Denkart des heiligen Thomas von Aquin, sowohl im
Unterricht für die Anfänger als auch in der Erforschung verborgener
Wahrheiten einzigartig hervorragend sind; daß fernerhin seine Lehre
gleichsam in einer Art von Harmonie mit der göttlichen Offenbarung
übereinstimmt, und daß sie in höchst wirkungsvoller Weise die
gesicherten Fundamente des Glaubens legt sowie auch brauchbar und
gefahrlos die Früchte eines gesunden Fortschritts aufliest. Darum ist es
äußerst zu beklagen, daß man die Philosophie, die von der Kirche
übernommen und anerkannt ist, heute von mancher Seite der Verachtung
preisgibt, und man sich von ihr als „veraltet in der Form“ und als
„rationalistisch“ in der Denkweise, wie sie es nennen, unverschämt
lossagt.
Die Gegner behaupten, daß
diese unsere Philosophie irrtümlicherweise die Meinung verteidige, es
gebe eine absolut gültige Metaphysik; während sie im Gegenteil sagen,
die Wahrheiten, besonders die transzendenten, könnten keinen
geeigneteren Ausdruck finden als in einander widersprechenden
Grundlehrsätzen, die einander gegenseitig ergänzen, obwohl sie
zueinander gewissermaßen im Gegensatz stehen. Darum gestehen sie es zu,
daß die auf unseren Gelehrtenschulen vorgetragene Philosophie mit ihrer
klaren Beschreibung der gestellten Fragen und von deren Lösung mit ihrer
genauen Bestimmung der Begriffe und ihren klaren Unterscheidungen wohl
nützlich sein könne zum Studium der scholastischen Theologie, welche der
Denkungsart des mittelalterlichen Menschen in hervorragender Weise
angepaßt war; aber sie könne keine Art und Weise des Philosophierens
bieten, die unserer heutigen Kultur mit ihren Bedürfnissen entsprechen
würde. Sie wenden ferner ein, daß die „philosophia perennis“ nichts als
eine Philosophie der unveränderlichen Wesenheiten sei, während das
heutige Denken interessiert sein müsse an der „Existenz der Einzeldinge“
und an dem „stets fließenden Leben“. – Während sie aber diese
Philosophie verachten, preisen sie andere Systeme hoch: seien es antike
oder neue, seien es solche östlicher oder westlicher Völker: so sehr,
daß sie damit hinterhältig den Seelen das Gefühl einflößen zu wollen
scheinen, jede beliebige Philosophie oder Meinung könne, unter Beifügung
– wenn das vonnöten sein sollte – einiger Verbesserungen oder
Ergänzungen, in Ausgleich mit dem katholischen Dogma gebracht werden.
Aber kein Katholik kann daran
zweifeln, daß dies gänzlich falsch ist, besonders da es sich um jene
Hirngespinste handelt, welche sie „Immanentismus“, oder „Idealismus“,
oder „geschichtlichen“ und „dialektischen Materialismus“, oder auch
„Existentialismus“ nennen, wobei letzterer sich entweder zum „Atheismus“
bekennt oder sich wenigstens gegen den Wert der vernunftgemäßen
Schlußfolgerung im Bereich der Metaphysik wendet.
Schließlich werfen sie der
Philosophie unserer Gelehrtenschulen noch dies als Mangel vor, daß sie
im Erkenntnisvorgang nur den Verstand berücksichtige, die Tätigkeit des
Willens aber und der Gemütsbewegungen vernachlässige. Dies entspricht
nicht der Wahrheit. Denn niemals hat die christliche Philosophie den
Nutzen und die Wirksamkeit geleugnet, welche die gute Ordnung der
gesamten Seelenkräfte für die volle Erkenntnis und Erfassung der
religiösen und sittlichen Wahrheiten hat. Vielmehr hat sie immer
gelehrt, daß das Schwinden einer solchen Ordnung der Grund dafür sein
kann, warum der Verstand unter dem Einfluß der Leidenschaften und des
bösen Willens so sehr verdunkelt werden kann, daß er nicht mehr richtig
sieht.
Mehr noch, der „Doctor
communis“ hält dafür, daß der Verstand auf irgendeine Weise die höheren
Güter, sei es der natürlichen oder der übernatürlichen, des Bereiches
der sittlichen Ordnung erfassen könne, insofern er in der Seele eine
gewisse affektive „Gemeinschaft im Wesen“9 mit diesen Gütern erfährt,
sei dieselbe von Natur aus, oder sei sie durch eine geschenkte Gnade
hinzugefügt10. Es versteht sich, wie sehr ein derartiges, wenn auch nur
etwas dunkles Erkennen für die forschenden Bemühungen der Vernunft eine
Hilfe sein kann. Dies bedeutet, dem Bereich der Stimmungen des Willens
die Kraft zuzuerkennen, der Vernunft zu helfen, eine sicherere und
festere Erkenntnis der sittlichen Dinge zu erlangen. Etwas ganz anderes
bedeutet es aber, was diese „Neuerer“ dringend fordern: daß nämlich den
Fähigkeiten des verlangenden Suchens und des begehrenden Strebens eine
gewisse intuitive Kraft zuzuerkennen sei; und daß der Mensch, wo er
durch Betätigung der Vernunft nicht mit Sicherheit erkennen kann, was
für wahr zu halten ist, sich zum Willen hinneigen solle, mittels dessen
er unter entgegengesetzten Meinungen durch einen freien Entschluß selbst
eine Wahl treffen könne. Hierbei werden die Erkenntnis und die Tätigkeit
des Wiliens in ein ungeordnetes Durcheinander gebracht.
Es ist nicht verwunderlich,
daß diese neuen Ansichten zwei philosophische Fächer in Gefahr bringen,
die ihrer Natur nach sehr eng mit der Glaubenslehre verbunden sind:
nämlich die „Theodizee“ und die „Ethik“. Die Gegner sind der Ansicht,
daß es nicht die Aufgabe dieser beiden Fächer sei, irgendetwas Sicheres
über Gott oder ein anderes transzendentes Wesen wissenschaftlich zu
beweisen, sondern vielmehr zu zeigen, wie dasjenige, was der Glaube über
den persönlichen Gott und Seine Gebote lehrt, vollkommen mit den
Bedürfnissen des Lebens zusammenhängt, und wie es daher von allen
anzunehmen sei, um vor der Verzweiflung zu bewahren und das ewige Heil
zu erreichen. Dies alles steht in offenem Widerspruch mit den
Entscheidungen Unserer Vorgänger Leo XIII. und Pius X. Ebenso ist es
auch unvereinbar mit den Dekreten des Vatikanischen Konzils. Es gäbe
keine Veranlassung, solche Abirrungen von der Wahrheit betrauern zu
müssen, wenn alle, auch auf dem Gebiet der Philosophie, ihren Sinn mit
der gebührenden Ehrfurcht auf das Lehramt der Kirche richten würden.
Gemäß göttlicher Einrichtung ist es dessen Aufgabe nicht nur, den Schatz
der von Gott geoffenbarten Wahrheit zu bewahren und zu erklären, sondern
auch über die philosophischen Fächer zu wachen, damit die katholischen
Glaubenlehren durch unrichtige Grundsätze und Meinungen keinerlei
Schaden leiden.
IV.
Es verbleibt Uns jetzt noch,
zu den Fragen Stellung zu nehmen, die, wenn sie sich auch auf die
sogenannten positiven Wissenschaften beziehen, dennoch mehr oder weniger
mit den Wahrheiten des christlichen Glaubens zusammenhängen. Nicht
wenige stellen ja dringend die Forderung, die katholische Religion möge
diese „wissenschaftlichen“ Fachgebiete möglichst stark berücksichtigen.
Das ist in der Tat lobenswert, wo es sich um wirklich bewiesene
Tatsachen handelt; es ist jedoch mit Vorsicht aufzunehmen, wo es sich
mehr um die Frage von Hypothesen handelt, auch wenn sie irgendwie auf
irdischer Wissenschaft beruhen, durch welche die in der Heiligen Schrift
oder in der Tradition enthaltene Glaubenslehre berührt wird. Wenn solche
von Vermutungen ausgehenden Meinungen direkt oder indirekt gegen die von
Gott geoffenbarte Glaubenslehre sind, dann kann eine derartige Forderung
in keiner Weise zugelassen werden.
Deshalb verbietet es das
Lehramt der Kirche nicht, daß die Theorie des Evolutionismus, insoweit
dort Forschungen angestellt werden über die Herkunft des menschlichen
Leibes aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie – während ja der
katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen
unmittelbar von Gott geschaffen sind – gemäß dem augenblicklichen Stand
der weltlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie, Gegenstand von
Untersuchungen und Besprechungen gelehrter Fachleute auf beiden Gebieten
sei. Und zwar sollen die Begründungen für beide Ansichten, also der
begünstigenden und auch der ablehnenden, mit gebührendem Ernst, besonnen
und maßvoll abgewogen und beurteilt werden; unter der Voraussetzung, daß
alle bereit sind, dem Urteil der Kirche Folge zu leisten, welcher von
Christus das Amt anvertraut worden ist, sowohl die Heilige Schrift
authentisch zu erklären, als auch die Dogmen des Glaubens zu schützen11.
Einige überschreiten nun in
unbesonnener Verwegenheit diese Freiheit der Erörterung, indem sie so
tun, als sei sozusagen der Ursprung des menschlichen Leibes aus einer
bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene
Indizien und durch Schlußfolgerungen aus diesen Indizien bereits mit
vollständiger Sicherheit bewiesen; und angeblich liege aus den Quellen
der göttlichen Offenbarung kein Grund vor, welcher auf diesem Gebiet die
allergrößte Mäßigung und Vorsicht verlangen würde.
Wenn es sich jedoch um eine
andere auf Mutmaßung beruhende Meinung handelt, nämlich den sogenannten
„Polygenismus“, so genießen die Söhne der Kirche keineswegs eine
derartige Freiheit. Denn die Christgläubigen können sich nicht einer
Meinung anschließen, deren Anhänger entweder behaupten, daß es entweder
nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, welche nicht
von ihm, als dem Stammvater aller, auf dem Weg der natürlichen Zeugung
abstammen; oder aber, daß „Mann“ eine Menge von Stammvätern bezeichne.
Denn es wird auf keine Weise klar, wie eine derartige Ansicht in
Übereinstimmung gebracht werden könnte mit dem, was die Quellen der
geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die
»Erbsünde« sagen: daß dieselbe aus der wirklich begangenen Sünde des
einen Adam hervorgeht, und daß sie durch die Geburt auf alle überging,
und jedem einzelnen innewohnt und zu eigen ist12.
V.
Wie in den biologischen und
anthropologischen Fachgebieten, so überschreiten auch in den
historischen einige verwegen die von der Kirche festgelegten Grenzen und
Vorsichtsmaßregeln. Besonders beklagenswert ist eine gewisse allzu freie
Art und Weise in der Auslegung der geschichtlichen Bücher des Alten
Testamentes. Um ihre Gründe zu verteidigen, berufen sich deren
Begünstiger zu Unrecht auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von
der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet
wurde13.
Dieses Schreiben mahnt nämlich
ausdrücklich, daß die ersten elf Kapitel der Genesis – wenn sie auch
eigentlich nicht derjenigen Art und Weise der Geschichtsschreibung
entsprechen, wie sie von den hervorragendsten griechischen und
lateinischen Schriftstellern, und auch von den Fachgelehrten unseres
Zeitalters angewendet wurde – nichtsdestoweniger in einem ganz wahren
Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklären
ist, zur Gattung der geschichtlichen Darstellung gehören. Die gleichen
Kapitel, so heißt es weiter, berichten in einer einfachen und
bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepaßten Sprache
einerseits die Hauptwahrheiten, die für die Erlangung unseres Heiles von
grundlegender Bedeutung sind; andererseits geben sie aber auch einen
volkstümlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des
auserwählten Volkes.
Wenn auch die alten
inspirierten Verfasser der Heiligen Schrift einiges aus den
volkstümlichen Erzählungen entnommen haben – was unstreitig zugegeben
werden kann –, so darf man doch nie vergessen, daß sie es unter dem
Anhauch der göttlichen Inspiration taten, durch den sie bei Auswahl und
Entscheidung betreffs jener Urkunden vor allem Irrtum von vornherein
bewahrt wurden. Es können auch die in der Heiligen Schrift aufgenommenen
volkstümlichen Erzählungen in keiner Weise mit Mythologien oder
ähnlichem auf die gleiche Stufe gestellt werden, da letztere mehr aus
einer ausschweifenden Einbildungskraft als aus einem Streben nach
Wahrheit und Einfachheit hervorgehen, welches in den Büchern des Alten
Testamentes so sehr in die Augen fällt. Darum muß auch von unseren
inspirierten Verfassern gesagt werden, daß sie alle antiken
Profanschriftsteller offenkundig übertreffen.
Wir wissen nun freilich, daß
die meisten katholischen Lehrer, welche die Früchte ihrer Studien den
Universitäten, den Priesterseminarien und den Kollegien der Ordensleute
zukommen lassen, weit von diesen Irrtümern entfernt sind, die heute –
sei es aus der Begierde nach Neuigkeit, sei es aus einem gewissen
übertriebenen Eifer des Apostolates heraus – offen oder verborgen unter
die Leute gebracht werden. Wir wissen aber auch, daß derlei neue
Auffassungen die Unvorsichtigen anzulocken vermögen. Und darum wollen
Wir ihnen lieber gleich beim Beginn entgegentreten, als dann erst das
Heilmittel darreichen, wenn sich die Krankheit bereits fest eingenistet
hat. Um daher Unserer heiligen Amtspflicht nicht mangelhaft
nachzukommen, befehlen Wir, nach reiflicher Abwägung und Überlegung der
Angelegenheit vor dem Herrn, den Bischöfen und Oberen der
Ordensgemeinschaften unter schwerster Verpflichtung für ihr Gewissen,
mit allergrößtem Eifer dafür zu sorgen, daß in den Gelehrtenschulen, bei
Zusammenkünften und in Schriften irgendwelcher Art solcherlei Ansichten
weder vorgebracht, noch auch an die Kleriker oder an die Christgläubigen
auf irgendwelche Art und Weise weitergegeben werden.
Alle, die in kirchlichen
Einrichtungen lehren, sollen wissen, daß sie die ihnen anvertraute
Aufgabe des Lehrens nicht ruhigen Gewissens ausüben können, wenn sie die
von Uns erlassenen Normen der Glaubenslehre nicht heilig annehmen und
beim Unterricht der Auszubildenden genauestens befolgen. Diese schuldige
Ehrfurcht und diesen Gehorsam, die sie fortwährend bei ihrer
angestrengten Tätigkeit dem Lehramt der Kirche entgegenbringen müssen,
sollen sie auch dem Verstand und und den Seelen der Auszubildenden
einflößen.
Schluss.
Mit aller Kraft und
Anstrengung mögen sie ihre Lehrfächer gedeihen lassen; aber sie sollen
sich auch davor hüten, die von Uns zum Schutz der Wahrheit des Glaubens
und der katholischen Lehre bestimmten Grenzen zu überschreiten. Auf die
neuen Fragen, wie sie die heutige Kultur und der Fortschritt des
Zeitalters in den Mittelpunkt stellt, sollen sie sehr genau ihre
Aufmerksamkeit richten: jedoch mit der gebotenen Klugheit und Vorsicht.
Schließlich sollen sie nicht, einem falschen „Irenismus“ huldigend,
meinen, die Getrennten und Irrenden könnten glücklich zum Schoß der
Kirche zurückgeführt werden, wenn man nicht allen aufrichtig die ganze
unverkürzte in der Kirche blühende Wahrheit, ohne jegliche Entstellung
und jeden Abstrich, vorträgt und anvertraut.
Auf diese Hoffnung gestützt,
die durch Eure Hirtensorge wächst, erteilen Wir als Vorzeichen
himmlischer Gaben und als den Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens
Euch allen einzeln, Ehrwürdige Brüder, wie auch Eurem Klerus und Volk
sehr liebevoll den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter
am am 12. August des Jahres 1950, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.
Pius PP. XII.
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1 Übersetzung nach der Fassung des Wiener Diözesanblatts.
2 Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 2, de relevatione.
3 CJC 1917 can. 1324.
4 Lc 10,16.
5 Pius IX., Inter gravissimas, vom 28.10.1870.
6 Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 1, de Deo rerum omnium
creatore.
7 Mystici Corporis vom 29. Juni 1943.
8 CJC 1917 can. 1366,2.
9 „Connaturalitas“.
10 Thomas von Aquin, S.th.II-II,q.1,a.4 ad 3 sowie q.45, a.2
8 in corp.
11 Ansprache von Pius XII. an die Mitglieder der Akademie der
Wissenschaften vom 30.November 1941, AAS XXXIII, p.506.
12 Röm 5,12-19; Konzil von Trient, V. Sitzung, can. 1-4.
13 Schreiben vom 16. Januar 1948.
"Mystici
corporis"
Enzyklika von Papst Pius XII. über den mystischen Leib Christi 29.6.1943
An die ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe,
Bischöfe, und die anderen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft
mit dem Apostolischen Stuhl leben:
Ehrwürdige Mitbrüder, Gruß und Apostolischen Segen!
Über den mystischen Leib Christi, der die Kirche ist (Kol. 1, 24),
hat uns zuerst das Wort des Erlösers selbst unterrichtet. Durch diese
Lehre wird die große, nie genug gepriesene Huld unserer innigen
Verbindung mit einem so erhabenen Haupte in das rechte Licht gestellt.
Es handelt sich also gewiß um eine Angelegenheit, die durch ihre
Wichtigkeit und Würde alle Menschen, die sich von Gottes Geist führen
lassen, zur Betrachtung einlädt, sie erleuchtet und dadurch in hohem
Maße anspornt zu jenen heilbringenden Werken, die solchen Weisungen
entsprechen. Wir halten es daher für Unsere Aufgabe, hierüber
in diesem Rundschreiben mit euch zu sprechen, indem Wir davon vor allem
das herausstellen und darlegen, was die streitende Kirche betrifft. Dazu
bestimmt Uns nicht nur die außergewöhnliche Erhabenheit dieser
Wahrheit selbst, sondern auch unsere gegenwärtige Zeitlage.
Wir beabsichtigen, vom Reichtum zu reden, der im Schoße der Kirche
ruht, die Christus mit Seinem Blute erworben hat (Apg. 20, 28. 3) und
deren Glieder sich ihres dornenumkrönten Hauptes rühmen. Dies
ist ein leuchtendes Zeugnis dafür, daß alles Herrliche und
Hohe nur aus dem Leid geboren wird, und daß wir uns sogar freuen
sollen, wenn wir an Christi Leiden teilnehmen dürfen, damit wir auch
bei der Offenbarung Seiner Herrlichkeit uns freuen und frohlocken können
(1. Petr. 4, 13.).
Zunächst ist dies zu bedenken: wie der Erlöser des Menschengeschlechtes
von denen, deren Heil zu wirken Er auf sich genommen hatte, mit Nachstellungen,
Verleumdungen und Qualen überhäuft wurde, so muß die von
Ihm gegründete Gemeinschaft auch hierin ihrem göttlichen Stifter
ähnlich werden. Zwar leugnen Wir nicht, ja bekennen vielmehr mit
Dank gegen Gott, daß es auch in unserer verworrenen Zeit nicht wenige
gibt, die, obgleich getrennt von der Herde Jesu Christi, dennoch auf die
Kirche wie auf den einzigen Port des Heiles schauen. Aber Wir wissen auch,
daß die Kirche Gottes verachtet und hochmütig und feindselig
geschmäht wird, nicht nur von solchen, die das Licht der christlichen
Weisheit ablehnen und einer erbärmlichen Rückkehr zu den Lehren,
Sitten und Einrichtungen einer heidnischen Vorzeit das Wort reden. Sie
begegnet vielfach Verkennung, Gleichgültigkeit und selbst einem gewissen
Überdruß und Abscheu auch bei vielen Christen, die sich durch
den blendenden Schein des Irrtums bestricken oder von den Verlockungen
und Verführungen der Welt umgarnen lassen. Wir haben daher allen
Grund, Ehrwürdige Brüder, aus Gewissenspflicht und um den Wünschen
vieler zu willfahren, die Schönheit, Erhabenheit und Herrlichkeit
unserer Mutter, der Kirche, der wir nächst Gott alles verdanken,
allen vor Augen zu stellen und sie zu preisen. Es ist zu hoffen, daß
diese Unsere Weisungen und Mahnungen in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen
bei den Christgläubigen reiche Fruchte bringen. Denn Wir wissen,
wenn das namenlose Weh und Leid dieser sturmbewegten Zeit, das schier
unzählbare Menschen aufs bitterste heimsucht, wie aus Gottes Hand
in stiller Ergebung hingenommen wird, dann lenkt es wie mit Naturgewalt
das Herz der Leidenden vom irdisch Vergänglichen weg dem Himmlischen
und ewig Bleibenden zu, und erweckt in ihnen einen geheimen Durst und
ein dringendes Verlangen nach den geistlichen Dingen. Unter dem Wirken
des göttlichen Geistes fühlen sie sich angeregt und gedrängt,
eifriger das Reich Gottes zu suchen. Je mehr nämlich die Menschen
von den Nichtigkeiten dieser Welt und von der ungeordneten Liebe zum Diesseits
losgelöst werden, desto mehr werden sie fähig zum Erfassen des
Lichtes überirdischer Geheimnisse. Nun zeigt sich aber heute vielleicht
deutlicher denn je die Unbeständigkeit und Vergänglichkeit alles
Irdischen, da Reiche und Staaten stürzen, da ungeheure Werte und
Reichtümer aller Art auf den weiten Weltmeeren versenkt, da Städte,
Festungen und fruchtbare Gefilde zu grausigen Ruinen zerschlagen und durch
Brudermord befleckt werden.
Wir hoffen außerdem, es werde auch für jene, die vom Schoße
der katholischen Kirche getrennt sind, nicht ungelegen noch unnütz
sein, was Wir nun über den mystischen Leib Jesu Christi darlegen
wollen. Und dies nicht bloß deshalb, weil ihr Wohlwollen gegen die
Kirche täglich zu wachsen scheint, sondern auch aus folgendem Grunde:
wenn sie wahrnehmen, wie gegenwärtig Volk gegen Volk und Reich gegen
Reich sich erhebt und wie Zwietracht und Mißgunst, wie der Same
der Feindschaft ins Ungemessene wachsen; wenn sie dann ihr Auge auf die
Kirche richten und ihre gottgegebene Einheit betrachten - wodurch alle
Menschen jedweder Abstammung in brüderlichem Bunde mit Christus vereint
sind -, dann werden sie sich wahrlich genötigt sehen, eine solche
Gemeinschaft der Liebe zu bewundern und unter der Anregung und Hilfe der
Gnade sich angezogen fühlen, an dieser Einheit und Liebe teilzuhaben.
Wir sehen noch einen Uns besonders lieben Anlaß, weshalb gerade
diese Wahrheit Uns in den Sinn kommt und Uns mit hoher Freude erfüllt.
Im vergangenen Jahr, dem fünfundzwanzigsten seit Unserer Bischofsweihe,
erlebten Wir zu Unserem großen Trost etwas, was das Bild des mystischen
Leibes Jesu Christi in allen Teilen der Welt hellstrahlend aufleuchten
ließ. Während nämlich der todbringende, lange Krieg die
brüderliche Gemeinschaft der Völker jämmerlich zerbrochen
hatte, sahen Wir allenthalben unsere Söhne in Christo in einmütiger
Gesinnung und Liebe ihr Herz zum gemeinsamen Vater erheben, der mit den
Kümmernissen und Sorgen aller beladen in so stürmischer Zeit
das Steuer der katholischen Kirche zu führen hat. Hierin erblicken
Wir nicht nur ein Zeugnis für die wunderbare Einheit der Christengemeinschaft,
sondern auch für folgende Tatsache: gleichwie Wir alle Völker
jeglicher Nation mit Vaterliebe umfangen, so schauen die Katholiken von
überall her, obgleich ihre Völker untereinander im Kampfe stehen,
zum Vertreter Jesu Christi wie zum Vater auf, der alle liebt, der von
völlig unparteilichem und unbestechlichem Urteil geleitet über
den aufgewühlten Wogen der menschlichen Wirren steht, der die Wahrheit,
Gerechtigkeit und Liebe empfiehlt und nach Kräften vertritt.
Ein nicht geringerer Trost war es für Uns, zu erfahren, daß
aus freiwilligen, lieben Gaben ein Beitrag gesammelt wurde, damit sich
in Röm ein Heiligtum erheben könne zu Ehren Unseres heiligen
Vorgängers und Namenspatrons Eugen I. Wie diese Kirche, durch den
Willen und die Spenden aller Christgläubigen errichtet, das Andenken
an dieses Festjahr verewigen soll, so wünschen Wir Unserer Dankbarkeit
durch dieses Rundschreiben bleibenden Ausdruck zu verleihen; handelt es
doch von jenen lebendigen Bausteinen, die auf dem lebendigen Eckstein,
der Christus ist, mitauferbaut werden zu einem heiligen Tempel, weit erhabener
als jeglicher Tempel von Menschenhand, zu einer Wohnung Gottes im Geiste
(Eph. 2, 21. 22; 1. Petr. 2, 5.).
Der Hauptgrund aber, weswegen Wir jetzt diese erhabene Lehre einigermaßen
ausführlich behandeln wollen, ist Unsere Hirtensorge. Wohl ist vieles
hierüber veröffentlicht worden, und es ist Uns nicht unbekannt,
daß heute nicht wenige mit Eifer und Hingabe sich mit diesem Gedanken
beschäftigen, der auch die christliche Frömmigkeit so sehr anzieht
und fördert. Dies ist, wie es scheint, vorab darauf zurückzuführen,
daß ein erneuertes Verständnis für die heilige Liturgie,
der sich durchsetzende häufigere Empfang des eucharistischen Mahles
und schließlich die heute so erfreuliche, innigere Verehrung des
heiligsten Herzens Jesu viele zu einer tieferen Betrachtung der unerforschlichen
Reichtümer Christi geführt haben, die in der Kirche hinterlegt
sind. Dazu kommt, daß die neuerlichen Veröffentlichungen über
die Katholische Aktion, die ja die Bande zwischen den Christen untereinander
und mit der kirchlichen Hierarchie, besonders mit dem Bischof von Röm,
immer enger knüpfen, zweifellos nicht wenig beitrugen, um die Frage
gebührend zu beleuchten. Dürfen Wir uns jedoch über diese
Tatsachen auch mit gutem Grunde freuen, so sind trotzdem nicht nur bei
den von der wahren Kirche Getrennten schwere Irrtümer über diese
Lehre verbreitet, sondern es zeigen sich unleugbar auch bei den Christgläubigen
weniger richtige oder ganz verfehlte Ansichten, die vom rechten Wege der
Wahrheit abziehen können.
Während nämlich auf der einen Seite noch immer ein. falscher
Rationalismus alles, was menschliche Geisteskraft übersteigt und
hinter sich läßt, für sinnlos betrachtet; während
ein diesem verwandter Irrtum, ein flacher Naturalismus, in der Kirche
Christi nichts anderes sieht noch sehen will als ein rein rechtliches
und gesellschaftliches Band, schleicht sich auf der anderen Seite ein
falscher Mystizismus ein, der die unverrückbaren Grenzen zwischen
Geschöpf und Schöpfer zu beseitigen sucht und die Heilige Schrift
mißdeutet.
Infolge dieser entgegengesetzten, einander widersprechenden und falschen
Auffassungen halten manche aus ganz unbegründeter Furcht eine solch
tiefere Lehre für gefährlich, ja erschrecken vor ihr wie vor
einem schönen, aber verbotenen Paradiesapfel. Das ist unberechtigt;
denn von Gott geoffenbarte Geheimnisse können dem Menschen nicht
verderblich sein, noch dürfen sie, gleich dem verborgenen Schatz
im Acker, unfruchtbar bleiben. Sie sind uns vielmehr dazu von Gott geschenkt,
damit sie durch ehrfurchtsvolle Betrachtung zum geistlichen Fortschritt
beitragen. So lehrt ja das Vatikanische Konzil: "Die vom Glauben
erleuchtete Vernunft vermag durch eifrige, ehrfürchtige und bescheidene
Erwägung mit Gottes Gnade eine gewisse Einsicht in die Geheimnisse
zu gewinnen, und zwar eine überaus fruchtbare, auf Grund von Ähnlichkeiten
im Bereich der natürlichen Erkenntnisse sowie aus dem Zusammenhang
der Geheimnisse untereinander und mit dem letzten Ziel des Menschen."
Freilich wird die Vernunft, so betont das gleiche Konzil, "niemals
fähig, dieselben so zu durchdringen wie die Wahrheiten, die den ihr
eigenen Erkenntnisgegenstand ausmachen" (Sessio III: Const. de fide
cath., c. 4.).
Damit also die erhebende Schönheit der Kirche in neuer Herrlichkeit
erstrahle; damit der unvergleichliche, übernatürliche Adel der
Gläubigen, die im Leibe Christi mit ihrem Haupte verbunden sind,
lichtvoller zutage trete; damit endlich den vielfachen Irrtümern
hierüber jedweder Zugang verschlossen werde, hielten Wir es nach
reiflicher Überlegung vor Gott für Unsere Hirtenpflicht, der
gesamten Christenheit durch dieses Rundschreiben die Lehre über den
mystischen Leib Jesu Christi und über die Verbindung der Gläubigen
in diesem Leibe mit dem göttlichen Erlöser vorzulegen und zugleich
aus dieser anziehenden Lehre einige Punkte hervorzuheben, die ein tieferes
Verständnis des Geheimnisses und dadurch immer reichere Früchte
der Vollkommenheit und Heiligkeit bewirken mögen.
Der Betrachtung dieser Lehre bietet sich zunächst das Apostelwort
dar: "Als die Sünde übergroß geworden war, wurde
die Gnade noch überwältigender (Röm. 5, 20.). Der Stammvater
des ganzen Menschengeschlechtes war, wie bekannt, von Gott in einen so
erhabenen Stand versetzt, daß er in seinen Nachkommen zugleich mit
dem irdischen auch das überirdische Leben der himmlischen Gnade vermitteln
sollte. Aber nach dem traurigen Falle Adams verlor die gesamte Menschenfamilie,
von der Erbschuld angesteckt, die Teilnahme an der göttlichen Natur
(2. Petr. 1, 4.), so daß wir alle Kinder des Zornes wurden (Eph.
2, 3.). Doch der erbarmungsreiche Gott "hat so sehr die Welt geliebt,
daß Er Seinen eingeborenen Sohn hingab" (Joh. 3, 16.), und
das Wort des Ewigen Vaters hat mit der gleichen göttlichen Liebe
aus der Nachkommenschaft Adams eine menschliche Natur angenommen, freilich
eine sündenlose und von jeder Makel freie, damit von dem neuen, himmlischen
Adam die Gnade des Heiligen Geistes auf alle Kinder des Stammvaters niederströme.
Diese waren durch die Sünde des ersten Menschen der göttlichen
Kindschaft verlustig gegangen. Jetzt aber sollten sie durch das menschgewordene
Wort, dem Fleische nach Brüder des eingeborenen Sohnes Gottes geworden,
die Macht erlangen, Kinder Gottes zu werden (Joh. 1, 12.). So hat denn
Christus durch seinen Tod am Kreuze nicht bloß der verletzten Gerechtigkeit
des Ewigen Vaters Genüge getan, sondern Er hat uns als Seinen Brüdern
zugleich eine unaussprechliche Fülle von Gnaden verdient. Diese hätte
Er selbst unmittelbar dem gesamten Menschengeschlecht zuteilen können;
Er wollte es aber tun durch die sichtbare Kirche, zu der die Menschen
sich vereinigen sollten, damit so bei der Verteilung der göttlichen
Erlösungsfrüchte alle Ihm gewissermaßen Helferdienste
leisten könnten. Wie nämlich das Wort Gottes unsere Natur gebrauchen
wollte, um durch seine Schmerzen und Peinen die Menschen zu erlösen,
so gebraucht Es ähnlicherweise im Laufe der Jahrhunderte die Kirche,
um dem begonnenen Werk Dauer zu verleihen (Conc. Vat., Const. de Eccl.).
Bei einer Wesenserklärung dieser wahren Kirche Christi, welche die
heilige, katholische, apostolische, römische Kirche ist (ibidem,
Const. de fid. cath., cap. 1.), kann nichts Vornehmeres und Vorzüglicheres,
nichts Göttlicheres gefunden werden als jener Ausdruck, womit sie
als "der mystische Leib Jesu Christi" bezeichnet wird. Dieser
Name ergibt sich und erblüht gleichsam aus dem, was in der Heiligen
Schrift und in den Schriften der heiligen Väter häufig darüber
vorgebracht wird.
Daß die Kirche ein Leib ist, sagen die Heiligen Bücher des
öfteren. "Christus ist das Haupt des Leibes der Kirche"
(Kol. 1, 18.). Wenn aber die Kirche ein Leib ist, so muß sie etwas
Einziges und Unteilbares sein nach dem Worte des heiligen Paulus: "Viele
zwar, bilden wir doch nur einen Leib in Christus" (Röm. 12,
5.). Doch nicht bloß etwas Einziges und Unteilbares muß sie
sein, sondern auch etwas Greifbares und Sichtbares, wie Unser Vorgänger
sel. Anged. Leo XIII. in seinem Rundschreiben Satis cognitum feststellt:
"Deshalb, weil sie ein Leib ist, wird die Kirche mit den Augen wahrgenommen"
(A. S. S., XXVIII, p. 710.). Infolgedessen weicht von der göttlichen
Wahrheit ab, wer die Kirche so darstellt, als ob sie weder erfaßt
noch gesehen werden könnte; als ob sie, wie man behauptet, nur etwas
"Pneumatisches" wäre, wodurch viele christliche Gemeinschaften,
obgleich voneinander im Glauben getrennt, doch durch ein unsichtbares
Band untereinander vereint wären.
Aber ein Leib verlangt auch eine Vielheit von Gliedern, die so untereinander
verbunden sein müssen, daß sie sich gegenseitig Hilfe leisten.
Und gleichwie in unserem sterblichen Leib, wenn ein Glied leidet, alle
andern mitleiden und die gesunden Glieder den kranken zu Hilfe kommen,
so leben auch in der Kirche die einzelnen Glieder nicht einzig für
sich, sondern unterstützen auch die andern, und alle leisten sich
gegenseitig Hilfsdienste zu gegenseitigem Trost, wie besonders zum weiteren
Aufbau des ganzen Leibes.
Wie außerdem in der Natur ein Leib nicht aus einer beliebigen Zusammensetzung
von Gliedern entsteht, sondern mit Organen ausgestattet sein muß,
das heißt mit Gliedern, die verschiedene Aufgaben haben und die
in geeigneter Ordnung zusammengesetzt sind, so muß die Kirche hauptsächlich
deshalb ein Leib genannt werden, weil sie aus einer organischen Verbindung
von Teilen erwächst und mit verschiedenen, aufeinander abgestimmten
Gliedern versehen ist. Nicht anders beschreibt der Apostel die Kirche,
wenn er sagt: "Gleichwie ... wir an dem einen Leib viele Glieder
haben, aber nicht alle Glieder den gleichen Dienst verrichten, so sind
wir viele ein Leib in Christus, die einzelnen aber untereinander Glieder"
(Röm. 12, 4.).
Man darf jedoch nicht glauben, dieser organische Aufbau des Leibes der
Kirche beziehe und beschränke sich allein auf die Stufenfolge der
kirchlichen Ämter, noch auch, wie eine entgegengesetzte Meinung behauptet,
sie bestehe einzig aus Charismatikern, wenngleich solche mit wunderbaren
Gaben ausgestattete Menschen niemals in der Kirche fehlen werden. Gewiß
ist unbedingt festzuhalten, daß die mit heiliger Vollmacht in diesem
Leibe Betrauten dessen erste und vorzügliche Glieder sind, da durch
sie in Kraft der Sendung des göttlichen Erlösers selbst die
Ämter Christi, des Lehrers, Königs und Priesters für immer
fortgesetzt werden. Aber mit vollem Recht haben die Kirchenväter,
wenn sie die Dienstleistungen, Stufen, Berufe, Stellungen, Ordnungen und
Ämter dieses Leibes hervorheben, nicht nur jene vor Augen, die heilige
Weihen empfangen haben, sondern auch alle jene, die nach Übernahme
der evangelischen Räte ein tätiges Leben unter den Menschen
oder ein in der Stille verborgenes führen, oder auch beides je nach
ihrer besonderen Verfassung zu verwirklichen trachten; ferner jene, die,
obgleich in der Welt lebend, doch sich eifrig in Werken der Barmherzigkeit
betätigen, um andern seelische oder leibliche Hilfe zu leisten; endlich
auch jene, die in keuscher Ehe vermählt sind. Ja, es ist zu beachten,
daß zumal in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen, die
Familienväter und -mütter, auch die Taufpaten und namentlich
jene, die als Laien zur Ausbreitung des Reiches Christi der kirchlichen
Hierarchie hilfreiche Hand bieten, einen ehrenvollen, wenn auch oft unansehnlichen
Platz in der christlichen Gemeinschaft einnehmen, ja daß auch sie
mit Gottes Huld und Hilfe zur höchsten Heiligkeit aufsteigen können,
die gemäß den Verheißungen Jesu Christi niemals in der
Kirche fehlen wird.
Wie aber der menschliche Leib offensichtlich mit eigenen Werkzeugen ausgerüstet
ist, mit denen er für das Leben, die Gesundheit und das Wachstum
seiner selbst und der einzelnen Glieder sorgen kann, so hat der Heiland
der Menschen in seiner unendlichen Güte wunderbar für seinen
mystischen Leib vorgesorgt, indem Er ihn mit Sakramenten bereicherte,
um dadurch die Glieder gleichsam in ununterbrochener Gnadenfolge von der
Wiege bis zum letzten Atemzuge zu erhalten und zugleich für die sozialen
Bedürfnisse des ganzen Leibes reichlich zu sorgen. Durch das Bad
der Taufe werden die in dieses sterbliche Leben Geborenen nicht nur aus
dem Tode der Sünde wiedergeboren und zu Gliedern der Kirche gemacht,
sondern auch mit einem geistlichen Merkmal gezeichnet und dadurch befähigt
und instand gesetzt, die übrigen heiligen Sakramente zu empfangen.
Durch die Salbung der Firmung wird den Gläubigen neue Kraft verliehen,
daß sie die Mutter Kirche und den Glauben, den sie von ihr erhielten,
tapfer schützen und verteidigen. Durch das Sakrament der Buße
wird den Gliedern der Kirche, die in Sünde fielen, ein wirksames
Heilmittel geboten, womit nicht nur für deren eigenes Heil gesorgt,
sondern zugleich von den ändern Gliedern des mystischen Leibes die
Gefahr der Ansteckung ferngehalten und ihnen überdies ein Ansporn
und ein Tugendbeispiel gegeben wird. Doch noch nicht genug: durch die
heilige Eucharistie werden die Gläubigen mit einem und demselben
Mahle genährt und gestärkt, sowie untereinander und mit dem
göttlichen Haupte des ganzen Leibes durch ein unaussprechliches,
göttliches Band geeint. Und zuletzt steht die liebevolle Mutter Kirche
dem Todkranken bei, um ihm durch das heilige Sakrament der Ölung,
wenn Gott will, die Genesung dieses sterblichen Leibes zu spenden; wenn
nicht, so doch der wunden Seele ein himmlisches Heilmittel zu reichen
und so dem Himmel neue Bürger und sich selbst neue Anwälte zu
schenken, die Gottes Güte für ewig genießen.
Für die sozialen Bedürfnisse der Kirche hat Christus sodann
durch zwei von ihm eingesetzte Sakramente noch in besonderer Weise Sorge
getragen. Durch die Ehe, in welcher die Brautleute sich gegenseitig Spender
der Gnade sind, wird die äußere und geordnete Zunahme der christlichen
Gemeinschaft und, was noch wichtiger ist, die rechte religiöse Kindererziehung
gewährleistet, ohne die der mystische Leib aufs schwerste bedroht
wäre. Durch die heilige Priesterweihe aber werden jene Gott völlig
zum Dienste geweiht, welche die eucharistische Hostie opfern, die Schar
der Gläubigen mit dem Brote der Engel und mit der Speise der Lehre
nähren, sie mit den göttlichen Geboten und Räten leiten
und mit den übrigen himmlischen Gaben stärken sollen.
Dabei ist dies zu bedenken: wie Gott zu Beginn der Zeit den Menschen
mit einer überaus reichen körperlichen Ausstattung bedachte,
kraft deren er die Schöpfung sich unterwerfen und sich vermehrend
die Erde erfüllen sollte, so hat Er am Anfang des christlichen Zeitalters
die Kirche mit den nötigen Mitteln ausgestattet, daß sie nach
Überwindung schier unzähliger Gefahren nicht nur den ganzen
Erdkreis, sondern auch den Himmel erfülle.
Den Gliedern der Kirche aber sind in Wahrheit nur jene zuzuzählen,
die das Bad der Wiedergeburt empfingen, sich zum wahren Glauben bekennen
und sich weder selbst zu ihrem Unsegen vom Zusammenhang des Leibes getrennt
haben, noch wegen schwerer Verstöße durch die rechtmäßige
kirchliche Obrigkeit davon ausgeschlossen worden sind. "Denn - so
sagt der Apostel - durch einen Geist wurden wir alle zu einem Leibe getauft,
ob Juden oder Heiden, ob Sklaven oder Freie" (1. Kor. 12, 13.).
Wie es also in der wahren Gemeinschaft der Christgläubigen nur einen
Leib gibt, nur einen Geist, einen Herrn und eine Taufe, so kann es auch
nur einen Glauben in ihr geben (Eph. 4, 5.); und deshalb ist, wer die
Kirche zu hören sich weigert, nach dem Gebot des Herrn als Heide
und öffentlicher Sünder zu betrachten (Mt. 18, 17.). Aus diesem
Grunde können die, welche im Glauben oder in der Leitung voneinander
getrennt sind, nicht in diesem einen Leib und aus seinem einen göttlichen
Geiste leben.
Es wäre aber auch falsch zu glauben, daß der Leib der Kirche
deshalb, weil er den Namen Christi trägt, schon hienieden, zur Zeit
seiner irdischen Pilgerschaft nur aus heiligmäßigen Gliedern
oder nur aus der Schar derer bestehe, die von Gott zur ewigen Seligkeit
vorherbestimmt sind. In seiner unendlichen Barmherzigkeit versagt nämlich
unser Heiland in seinem mystischen Leib auch denen den Platz nicht, welchen
Er ihn einst beim Gastmahl nicht versagte (Mt. 9, 11; Mk. 2, 16; Lk. 15,
2.). Denn nicht jede Schuld, mag sie auch ein schweres Vergehen sein,
ist dergestalt, daß sie, wie dies die Folge der Glaubensspaltung,
des Irrglaubens und des Abfalls vom Glauben ist, ihrer Natur gemäß,
den Menschen vom Leib der Kirche trennt. Auch gehen die nicht allen übernatürlichen
Lebens verlustig, die zwar durch ihre Sünde die Liebe und heiligmachende
Gnade verloren haben und deswegen unfähig geworden sind zu übernatürlichem
Verdienst, die aber den Glauben und die christliche Hoffnung bewahren
und durch himmlisches Licht erleuchtet, durch die Einsprechungen und inneren
Antriebe des Heiligen Geistes zu heilsamer Furcht gebracht und zum Gebet
und zur Reue über ihren Fall angespornt werden.
So möge denn jeder vor der Sünde zurückschrecken, da durch
sie die mystischen Glieder des Erlösers befleckt werden; wer aber
das Unglück gehabt hat zu sündigen, ohne sich durch Verstocktheit
der Gemeinschaft der Christgläubigen unwürdig gemacht zu haben,
dem soll man mit größtem Wohlwollen begegnen und in ihm in
echter Liebe nichts anderes sehen als ein krankes Glied Jesu Christi.
Es ist nämlich besser, wie der Bischof von Hippo bemerkt, "im
Lebenszusammenhang mit der Kirche geheilt, als aus ihrem Körper als
unheilbares Glied ausgeschnitten zu werden" (August., Epist, CLVII,
3, 22: Migne, P. L., XXXIII, 686.). "Denn was noch mit dem Leibe
zusammenhängt, an dessen Heilung braucht man nicht zu verzweifeln;
was aber abgeschnitten ist, kann nicht mehr gepflegt und geheilt werden"
(August., Senn., CXXXVII, l: Migne, P. L., XXXVIII, 754.).
Aus den bisherigen Erklärungen sehen wir, Ehrwürdige Brüder,
daß die Kirche derart gestaltet ist, daß man sie einem Leibe
vergleichen kann; nunmehr müssen wir deutlich und genau darlegen,
warum sie nicht ein beliebiger Leib, sondern der Leib Jesu Christi genannt
werden muß. Das aber geht daraus hervor, daß unser Herr Schöpfer,
Haupt, Erhalter und Erlöser dieses mystischen Leibes ist.
Während Wir in Kürze auseinandersetzen wollen, auf welche Weise
Christus den Leib Seiner Gemeinschaft gebildet hat, bietet sich Uns zu
Beginn folgender Ausspruch Leos XIII., Unseres Vorgängers sel. Ang.,
dar: "Die Kirche, die bereits vorher empfangen, aus der Seite des
zweiten, am Kreuze gleichsam schlummernden Adam hervorgegangen war, trat
zum erstenmal in erkennbarer Weise ans Licht der Welt am hochheiligen
Pfingstfest" (Leo XIII. Divinum Illud: A. S. S., XXIX, p. 649.).
Der göttliche Erlöser begann nämlich den Bau des mystischen
Tempels seiner Kirche damals, als Er predigend seine Gebote verkündete.
Er vollendete ihn dann, als Er verherrlicht am Kreuze hing, und offenbarte
und übergab ihn schließlich der Öffentlichkeit, als Er
seinen Jüngern in sichtbarer Weise den Heiligen Geist als Tröster
sandte.
Während Er nämlich das Amt des Predigers ausübte, wählte
Er die Apostel und sandte sie aus, wie Er selber vom Vater gesandt war
(Joh. 17,18.), als Lehrer, als Lenker und als Spender der Heiligkeit inmitten
der Gläubigen. Er bestimmte ihr Haupt und seinen Stellvertreter auf
Erden (Mt. 16, 18-19.), offenbarte ihnen alles, was Er vom Vater gehört
hatte (Joh. 15, 15; 17, 8 & 14.), ordnete die Taufe an (Joh. 3,5.),
durch welche die Gläubigen dem Leibe der Kirche eingegliedert werden
sollten. Schließlich, am Abend seines Lebens angelangt, setzte Er
die heilige Eucharistie als wunderbares Opfer und wunderbares Sakrament
ein.
Daß Christus sein Werk am Kreuzesstamme vollendet hat, versichern
in ununterbrochener Reihenfolge die Zeugnisse der heiligen Väter,
die darauf hinweisen, daß die "Kirche am Kreuz aus der Seite
des Erlösers geboren worden sei als neue Eva und Mutter aller Lebendigen
(Gen. 3,20.). Wo der große Ambrosius von der durchbohrten Seite
Christi spricht, führt er aus: "Jetzt wird sie gebaut, jetzt
gestaltet, jetzt ... gebildet, und jetzt erschaffen. ... Jetzt erhebt
sich der geistliche Bau zum heiligen Priestertum" (Ambros., In Lk.
2, 87: Migne, P. L. XV, 1585.). Wer in diese verehrungswürdige Lehre
fRömmen Sinnes eindringt, wird leicht die Gründe erkennen, auf
die sie sich stützt.
Fürs erste nämlich folgte auf den durch den Tod des Erlösers
aufgehobenen Alten Bund der Neue. Damals wurde das Gesetz Christi mit
Seinen Geheimnissen, Satzungen, Einrichtungen und heiligen Bräuchen
für den ganzen Erdkreis im Blute Christi besiegelt. Denn während
der göttliche Erlöser noch in den engen Grenzen seines Landes
predigte - Er war ja nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt
(Mt. 15, 24.) - liefen Gesetz und Evangelium nebeneinander her (S. Thom.,
I-II, p. 103, a. 3, ad 2.). Doch am Stamme des Kreuzes hob Jesus durch
seinen Tod das Gesetz mit seinen Vorschriften auf (Eph. 2,15.), heftete
den Schuldschein des Alten Bundes ans Kreuz (Kol. 2,14.) und gründete
in seinem Blute, das Er für das gesamte Menschengeschlecht vergoß,
den Neuen Bund (Mt. 26, 28 et 1. Kor. 11,25.). "Derart augenscheinlich",
so sagt der heilige Leo der Große, wo er vom Kreuze des Herrn spricht,
"wurde der Übergang vom Gesetz zum Evangelium, von der Synagoge
zur Kirche, von der Vielfalt der Opfer zum einzigen Opfer bewerkstelligt,
daß, als unser Herr seinen Geist aufgab, jener geheimnisvolle Vorhang,
der das verborgene, innerste Heiligtum, des Tempels abschloß, plötzlich
gewaltsam, von oben bis unten zerriß" (Leo M., Sem., LXVIII
3: Migne, P.'L. LIV, 374.).
Am Kreuze also starb das alte Gesetz, das bald begraben und todbringend
werden sollte (Hier. et August., Epist. CXLI, 14 et CXVI, 16: Migne, P.
L. XXII, 924 et 943; S. Thom., I-II,q. 103, a. 3 ad 2; a. 4 ad l; Concil.
Flor., pro lacob.: Mansi. XXXI, 1738.), um dem Neuen Bund Platz zu machen,
zu dessen geeigneten Dienern Christus die Apostel erwählt hatte (2.
Kor. 3, 6.). In der Kraft des Kreuzes übt unser Heiland, obwohl schon
im Schoße der Jungfrau zum Haupt der gesamten Menschenfamilie bestellt,
das Amt des Hauptes in seiner Kirche in vollem Umfang aus. "Denn
durch den Sieg des Kreuzes verdiente Er sich", nach der Ansicht des
engelgleichen, allgemeinen Lehrers, "die Macht und Herrschaft über
die Völker" (S. Thom., III, q. 42, a. 1.). Durch diesen Sieg
vermehrte Er für uns ins unermeßliche jenen Gnadenschatz, den
Er glorreich im Himmel regierend seinen sterblichen Gliedern unaufhörlich
austeilt. Durch sein am Kreuze vergossenes Blut beseitigte Er das Hemmnis
des göttlichen Zornes, so daß aus den Quellen des Heilandes
alle Gaben des Himmels, zumal die heiligen Sakramente des Neuen und Ewigen
Bundes, zum Heile der Menschen, besonders der Gläubigen, erfließen
konnten. Am Kreuzesbaum erkaufte Er sich schließlich seine Kirche,
das heißt alle Glieder seines geheimnisvollen Leibes, die durch
das Bad der Taufe diesem mystischen Leibe einzig eingegliedert werden
konnten durch die heilbringende Kraft des Kreuzes, an dem sie schon in
vollstem Maße Christus zu eigen geworden waren.
Wenn nun unser Erlöser durch seinen Tod im Vollsinn des Wortes Haupt
der Kirche geworden ist, dann wurde der Kirche auch durch sein Blut die
Fülle des Heiligen Geistes mitgeteilt, durch die sie seit der Erhebung
und Verherrlichung des Menschensohnes am Kreuze auf göttliche Weise
erleuchtet wird. Bis dahin nämlich, so bemerkt Augustinus (De pecc.
orig., XXV. 29: Migne, P. L. XLIV, 400.), war der Gnadentau des Trösters
nur auf Gedeons Vlies, das heißt auf das Volk Israel, herabgestiegen.
Jetzt aber, als der Tempelvorhang zerriß, überströmte
er in reicher Fülle, während das Vlies trocken und verlassen
blieb, die gesamte Erde, das heißt die katholische Kirche, die durch
keine Schranken weder der Stammes- noch der Landeszugehörigkeit begrenzt
werden sollte. Wie also im ersten Augenblick der Menschwerdung der Sohn
des Ewigen Vaters die mit Ihm wesensvereinigte Menschennatur mit dem Vollmaß
des Heiligen Geistes ausstattete, damit sie ein geeignetes Werkzeug der
Gottheit beim blutigen Erlösungswerk würde, so wollte Er in
der Stunde seines kostbaren Todes seine Kirche durch reichere Gäben
des Trösters bereichert sehen, damit sie beim Austeilen der göttlichen
Erlösungsfrüchte ein fähiges, niemals versagendes Werkzeug
des fleischgewordenen Wortes würde. Die rechtliche Sendung der Kirche
nämlich und ihre Befugnis zu lehren, zu leiten und die Sakramente
zu spenden, besitzen deshalb die himmlische Kraft und Gewalt, Christi
Leib aufzubauen, weil Christus Jesus am Kreuz seiner Kirche den Quell
göttlicher Gaben eröffnete. So ward sie instandgesetzt, den
Menschen eine stets unfehlbare Lehre zu künden, sie durch die von
Gott erleuchteten Hirten heilbringend zu leiten und mit himmlischen Gnaden
zu überschütten.
Wenn wir alle diese Geheimnisse des Kreuzes aufmerksam betrachten, sind
uns die Worte des Apostels an die Epheser nicht mehr dunkel, Christus
habe durch sein Blut die Juden und die Heiden vereint, "da Er in
seinem Fleische die Scheidewand niederriß", die beide Völker
trennte; Er habe zugleich das Alte Gesetz aufgehoben, "um aus den
zweien in seiner Person einen neuen Menschen zu schaffen", das heißt
die Kirche, "und beide in einem Leibe mit Gott zu versöhnen
durch sein Kreuz" (Eph. 2,l4-16.). So hatte Er also die Kirche durch
sein Blut gegründet. Am Pfingstfeste aber stärkte Er sie mit
der ihr eigenen Kraft vom Himmel. Denn als Er den schon früher zu
seinem Stellvertreter bestimmten Apostelfürsten feierlich in sein
erhabenes Amt eingesetzt hatte, war Er zum Himmel gefahren und wollte
nunmehr, sitzend zur Rechten des Vaters, seine Braut durch die sichtbare
Herabkunft des Heiligen Geistes unter dem Brausen eines gewaltigen Sturmes
und unter feurigen Zungen (Apg. 2,1-4.) offenbaren und kundmachen. - Christus
der Herr war ja selber beim Beginn seiner Lehrtätigkeit von seinem
ewigen Vater durch den Heiligen Geist, der in leiblicher Gestalt gleich
einer Taube herabkam und über ihm blieb (Lk. 3,22; Mk. 1, 10.), geoffenbart
worden. So sandte nun auch Er, als die Apostel ihr heiliges Predigtamt
antreten sollten, seinen Geist vom Himmel herab, der sie mittels feuriger
Zungen berührte und auf die übernatürliche Sendung und
das übernatürliche Amt der Kirche wie mit göttlichem Finger
hinweisen sollte.
Daß der mystische Leib, den die Kirche bildet, Christi Namen trägt,
geht an zweiter Stelle daraus hervor, daß Christus tatsächlich
von allen als Haupt der Kirche angesehen werden muß. "Er ist",
wie Paulus sagt, "das Haupt des Leibes, der Kirche" (Kol. 1,
18.). Er ist das Haupt, von dem der ganze Leib in passender Ordnung zusammengehalten
wird, heranwächst und zunimmt zu seinem Aufbau (Eph.4, 16; Kol. 2,
19.).
Es ist Euch wohlbekannt. Ehrwürdige Brüder, wie lichtvoll und
klar die Meister der scholastischen Theologie, vor allem der engelgleiche,
allgemeine Lehrer, über diese Wahrheit gehandelt haben. Ihr wißt
auch sicher, daß die von St. Thomas vorgebrachten Beweise den Ansichten
der heiligen Väter getreu entsprechen, die übrigens nichts anderes
wiedergaben und erläuterten als die Aussprüche der Heiligen
Schrift.
Dennoch möchten Wir hier zum allgemeinen Nutzen diesen Punkt genauer
besprechen. Zunächst ist es klar, daß Gottes und der seligen
Jungfrau Sohn wegen seiner einzigartigen Stellung Haupt der Kirche genannt
werden muß. Nimmt doch das Haupt die höchste Stelle im Leibe
ein. Wer ist aber höher gestellt als Christus, unser Gott, der, Wort
des Ewigen Vaters, als der "Erstgeborene aller Schöpfung"
(Kol. 1, 15. 4) angesehen werden muß ? Wer steht auf erhabenerem
Gipfel als Christus der Mensch, der, von der makellosen Jungfrau geboren,
wahrer und wirklicher Sohn Gottes ist und nach seinem Sieg über den
Tod durch die wunderbare, glorreiche Auferstehung der "Erstgeborene
unter den Toten" ward? (Kol. 1, 18; Offb. 1, 5. 5) Wer endlich hat
höheren Rang zu beanspruchen als der, welcher, "alleiniger Mittler
... zwischen Gott und den Menschen" (1. Tim. 2, 5.), auf ganz wunderbare
Weise die Erde mit dem Himmel verbindet, der am Kreuz erhöht, wie
von einem Thron der Barmherzigkeit alles an sich zog (Joh. 12, 32.); der
als Menschensohn, erwählt aus Zehntausenden, mehr von Gott geliebt
wird als alle Menschen, alle Engel und die ganze Schöpfung? (Cyr.
Alex., Comm. in Ioh. 1, 4: Migne, P. G. LXXIII, 69; S. Thom., I, q. 20,
a. 4, ad I.) Weil aber Christus eine so erhabene Stelle einnimmt, lenkt
und regiert Er allein mit Fug und Recht die Kirche. Darum ist Er auch
aus diesem Grunde mit dem Haupt zu vergleichen. Das Haupt ist ja, um ein
Wort des heiligen Ambrosius zu gebrauchen, die "königliche Burg"
des Leibes (Hexaem. 6, 55: Migne, P. L. XIV, 265.). Von ihm, als dem mit
den vorzüglicheren Fähigkeiten ausgestatteten Glied, werden
naturgemäß alle übrigen geleitet über die es gesetzt
ist, um für sie Sorge zu tragen (August., De Agon. Christ., XX, 22:
Migne, P. L. XL. 301.). So führt der Erlöser das Steuer über
die gesamte christliche Gemeinschaft und lenkt sie. Und da eine Gemeinschaft
von Menschen zu leiten nichts anderes bedeutet, als sie durch zweckmäßiges
Planen und geeignete Mittel auf rechtem Weg zum vorbestimmten Ziele zu
führen (S. Thom., L, q. 22, a. 1-4.), so ist leicht einzusehen, daß
unser Heiland, Vorbild und Beispiel der guten Hirten (Joh. 10, 1-18; 1.
Petr. 5, 1-5.), all dies auf ganz wunderbare Weise ausübt.
Er selbst lehrte uns nämlich, als Er auf Erden weilte, durch Vorschriften,
Räte und Mahnungen mit Worten, die niemals vergehen und die für
die Menschen aller Zeiten Geist und Leben sein werden (Joh. 6, 63.). Und
überdies erteilte Er seinen Aposteln und deren Nachfolgern eine dreifache
Gewalt: zu lehren, zu leiten und die Menschen zur Heiligkeit zu führen.
Diese mit besonderen Vorschriften, Rechten und Pflichten umschriebene
Gewalt stellte Er als Grundsatz der ganzen Kirche auf.
Aber unser göttlicher Erlöser lenkt und leitet auch selbst
unmittelbar die von Ihm gegründete Gesellschaft. Er selber regiert
nämlich im Geiste und Herzen der Menschen, beugt und spornt nach
seinem Wohlgefallen sogar den widerspenstigen Willen, "Das Herz des
Königs ist in der Hand des Herrn. Er lenkt es, wohin Er will"
(Sprüche 21, 1.). Durch diese innere Leitung sorgt Er nicht nur als
"Hirte und Bischof unserer Seelen" (1. Petr. 2, 25.) für
die einzelnen, sondern trägt auch Fürsorge für die Gesamtkirche.
Bald erleuchtet und stärkt Er ihre Vorsteher, damit jeder von ihnen
getreu und fruchtbar sein Amt ausübe. Bald - und dies zumal in schwierigen
Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer
und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den
übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das
Wachstum seines geheimnisvollen Leibes. Mit besonderer Liebe aber blickt
Christus vom Himmel auf seine makellose Braut, die hier auf Erden in der
Verbannung leidet. Sieht Er sie in Gefahr, so entreißt Er sie der
Sturmflut persönlich oder durch seine Engel (Act. 8, 26; 9, 1-19;
10,1-7; 12, 3-10.), oder durch sie, die wir als Hilfe der Christen anrufen,
und durch andere himmlische Helfer. Haben sich dann die Wogen gelegt und
beruhigt dann tröstet Er sie mit jenem Frieden, "der alle Vorstellung
übersteigt" (Phil. 4, 7.).
Man darf aber nicht glauben, Er leite sie nur auf unsichtbare (Leo XIII,
Satis Cognitum: A. S. S" XXVIII, 725.) oder außerordentliche
Weise. Unser göttlicher Erlöser übt auch eine sichtbare,
ordentliche Leitung über seinen mystischen Leib aus durch seinen
Stellvertreter auf Erden. Ihr wißt ja, Ehrwürdige Brüder,
daß Christus, unser Herr, während seiner irdischen Pilgerfahrt
"die kleine Herde" (Lk. 12, 32.) zwar persönlich und auf
wahrnehmbare Weise regiert hat. Als Er aber die Welt dann verlassen und
zum Vater zurückkehren wollte, hat Er die sichtbare Leitung der ganzen
von Ihm gegründeten Gesellschaft dem Apostelfürsten übertragen.
In seiner Weisheit konnte Er ja den von Ihm geschaffenen gesellschaftlichen
Leib der Kirche keineswegs ohne sichtbares Haupt lassen. Man kann auch
nicht, um diese Wahrheit in Abrede zu stellen, behaupten, durch den in
der Kirche aufgestellten Rechtsprimat sei dieser mystische Leib mit einem
doppelten Haupte versehen. Denn Petrus ist kraft des Primates nur der
Stellvertreter Christi, und daher gibt es nur ein einziges Haupt dieses
Leibes, nämlich Christus. Er hört zwar nicht auf, die Kirchen
auf geheimnisvolle Weise in eigener Person zu regieren, auf sichtbare
Weise jedoch leitet Er sie durch den, der auf Erden seine Stelle vertritt.
Bereits nach seiner glorreichen Himmelfahrt war die Kirche nicht nur auf
Ihm selber, sondern auch auf Petrus als dem sichtbaren Grundstein erbaut.
Daß Christus und sein Stellvertreter auf Erden nur ein einziges
Haupt ausmachen, hat Bonifaz VIII., Unser Vorgänger unvergeßlichen
Andenkens, durch das apostolische Schreiben Unam Sanctam feierlich erklärt
(Korp. Iur. Can., Extr. comm., I, 8, 1.), und seine Nachfolger haben diese
Lehre immerfort wiederholt.
In einem gefährlichen Irrtum befinden sich also jene, die meinen,
sie könnten Christus als Haupt der Kirche verehren, ohne seinem Stellvertreter
auf Erden die Treue zu wahren. Denn wer das sichtbare Haupt außer
acht läßt und die sichtbaren Bande der Einheit zerreißt,
der entstellt den mystischen Leib des Erlösers zu solcher Unkenntlichkeit,
daß er von denen nicht mehr gesehen noch gefunden werden kann, die
den sicheren Port des ewigen Heiles suchen.
Was Wir aber hier von der allgemeinen Kirche sagten, das muß auch
von den besonderen christlichen Gemeinschaften gesagt werden, sowohl von
den orientalischen wie von den lateinischen, aus denen die eine katholische
Kirche besteht und sich zusammensetzt. Jede von ihnen wird von Christus
Jesus durch das Wort und die Regierungsgewalt ihres eigenen Bischofs geleitet.
Deshalb sind die kirchlichen Oberhirten nicht bloß als vorzüglichere
Glieder der allgemeinen Kirche anzusehen, weil sie durch ein ganz eigenartiges
Band mit dem göttlichen Haupte des ganzen Leibes verbunden und daher
mit Recht "die wichtigsten Teile der Glieder des Herrn" (Greg.
Magn., Moral., XIV, 35, 43: Migne, P. L. LXXV, 1062.) genannt werden,
sondern jeder einzelne in seinem Sprengel weidet und leitet im Namen Christi
als wahrer Hirte seine eigene ihm anvertraute Herde (Conc. Vat., Const.
de Ecci., cap. 3.). Bei dieser Tätigkeit sind sie freilich nicht
völlig eigenen Rechtes, sondern der dem Römischen Papst gebührenden
Gewalt unterstellt, wiewohl sie eine ordentliche Jurisdiktionsgewalt besitzen,
die ihnen unmittelbar gleichfalls vom Papste erteilt wird. Deshalb müssen
sie als Nachfolger der Apostel zufolge göttlicher Einsetzung (Cod.
Iur. Can., can. 329, 1.) vom Volke verehrt werden. Und mehr als von den
Regierenden dieser Welt, auch den allerhöchsten, gilt von den Bischöfen,
da sie mit der Salbung des Heiligen Geistes versehen sind, das Schriftwort:
"Vergreift euch nicht an meinem Gesalbten!" (1Chro 16,22; Ps.
104,15.6).
Wir werden darum von tiefer Wehmut ergriffen, wenn Uns berichtet wird,
daß nicht wenige aus Unseren Brüdern im Bischofsamte Verfolgungen
und Mißhandlungen erleiden, weil sie lebendiges Vorbild für
ihre Herde (1. Petr. 5, 3.) geworden sind und das heilige, ihnen anvertraute
"Glaubensgut" (1. Tim. 6, 20.) mit geziemender Tapferkeit und
Treue behüten; weil sie auf das Einhalten der heiligsten Gesetze
dringen, die von Gott in die Herzen geschrieben sind; weil sie die ihnen
anvertraute Herde nach dem Beispiel des höchsten Hirten gegen räuberische
Wölfe beschützen. Und dies wird nicht nur ihnen persönlich
zugefügt, sondern - was sie noch grausamer und härter empfinden
- auch den ihrer Obsorge anvertrauten Gläubigen, ihren Gehilfen in
der apostolischen Arbeit, ja sogar den gottgeweihten Jungfrauen. Ein derartiges
Unrecht erachten Wir als Uns selber persönlich angetan und wiederholen
den erhabenen Ausspruch Gregors des Großen, Unseres Vorgängers
unvergeßlichen Andenkens: "Unsere Ehre ist die allgemeine Ehre
der Kirche. Unsere Ehre ist die feste Kraft Unserer Brüder; nur dann
sind Wir wahrhaft geehrt, wenn jedem einzelnen die ihm gebührende
Ehre nicht verweigert wird" (Ep. ad Eulog., 30: Migne, P. L. LXXVII,
933.).
Man darf aber nicht glauben, daß Christus, unser Haupt, weil Er
eine so überragende Stellung einnimmt, nicht nach der Hilfe seines
mystischen Leibes verlangt. Denn auch von diesem gilt, was Paulus vom
menschlichen Organismus aussagt: "Das Haupt kann nicht zu den Füßen
. .. sprechen: Ich bedarf euer nicht" (1. Kor. 12, 21.).
Es ist offenkundig, daß die Christgläubigen unbedingt der
Hilfe des göttlichen Erlösers bedürfen, da Er selber sagte:
"0hne mich könnt ihr nichts tun" (Joh. 15, 5.), und da
nach des Apostels Ausspruch jeder Zuwachs beim Aufbau dieses mystischen
Leibes von Christus, dem Haupte, sich herleitet (Eph. 4, 16; Kol. 2, 19.).
Jedoch muß auch festgehalten werden, so seltsam es erscheinen mag,
daß Christus nach der Hilfe seiner Glieder verlangt. Und dies gilt
vor allem vom obersten Hirten, insoweit er die Stelle Jesu Christi vertritt:
um der Last des Hirtenamtes nicht zu erliegen, muß er andere zur
Teilnahme an nicht wenigen seiner Obliegenheiten berufen, und bedarf täglich
der Unterstützung durch die Gebetshilfe der Gesamtkirche. Überdies
will unser Erlöser, soweit Er persönlich auf unsichtbare Weise
die Kirche regiert, die Mitwirkung der Glieder seines mystischen Leibes
bei der Ausführung des Erlösungswerkes. Das geschieht nicht
aus Bedürftigkeit und Schwäche, sondern vielmehr deshalb, weil
Er selber zur größeren Ehre seiner makellosen Braut es so angeordnet
hat. Während Er nämlich am Kreuze starb, hat Er den unermeßlichen
Schatz der Erlösung seiner Kirche vermacht, ohne daß sie ihrerseits
dazu beitrug. Wo es sich aber darum handelt, den Schatz auszuteilen, läßt
Er seine unbefleckte Braut an diesem Werke der Heiligung nicht nur teilnehmen,
sondern will, daß dies sogar in gewissem Sinne durch ihre Tätigkeit
bewirkt werde. Ein wahrhaft schauererregendes Mysterium, das man niemals
genug betrachten kann: daß nämlich das Heil vieler abhängig
ist von den Gebeten und freiwilligen Bußübungen der Glieder
des geheimnisvollen Leibes Jesu Christi, die sie zu diesem Zweck auf sich
nehmen; und von der Mitwirkung, die die Hirten und Gläubigen, besonders
die Familienväter und -mütter, unserem göttlichen Erlöser
zu leisten haben.
Den eben auseinandergesetzten Gründen, aus denen hervorgeht, daß
Christus der Herr das Haupt seines gesellschaftlichen Leibes genannt werden
muß, sind jetzt noch drei andere hinzuzufügen, die miteinander
in engem Zusammenhang stehen.
Wir beginnen mit der Gleichförmigkeit, die offensichtlich zwischen
Haupt und Gliedern auf Grund der gleichen Natur besteht. Dazu ist zu bemerken:
unsere Natur erreicht zwar nicht die der Engel, hat jedoch durch Gottes
Güte vor der Engelnatur einen Vorzug: "Christus ist nämlich",
wie der Aquinate sagt, "das Haupt der Engel. Denn Christus steht
über den Engeln auch seiner Menschheit nach ... Ebenso erleuchtet
und beeinflußt Er die Engel auch als Mensch. Soweit jedoch die Naturgleichheit
in Frage kommt, ist Christus nicht das Haupt der Engel, weil Er sich nach
dem Wort des Apostels nicht der Engel, sondern der Kinder Abrahams annahm"
(Comm. in ep. ad Eph., cap. 1, lect. 8; Hebr. 2, 16-17.). Aber nicht nur
unsere Natur hat Christus angenommen, sondern Er ist auch in der Gebrechlichkeit,
Leidensfähigkeit und Sterblichkeit seines Leibes unser Blutsverwandter
geworden. Wenn aber das Wort "sich selbst entäußerte und
Knechtsgestalt annahm" (Phil. 2, 7.), so geschah dies auch deshalb,
um uns, seine Brüder dem Fleische nach, der göttlichen Natur
teilhaft zu machen (2. Petr. 1, 4.): hier in unserer irdischen Verbannung
durch die heiligmachende Gnade, und dort in der ewigen Heimat durch Erlangung
der ewigen Seligkeit. Deshalb wollte der Eingeborene des Ewigen Vaters
Menschensohn sein, damit wir dem Bilde des Sohnes Gottes gleichförmig
würden (Röm. 8, 29.) und nach dem Bilde unseres Schöpfers
uns erneuerten (Kol. 3,10.). Alle jene also, die sich des christlichen
Namens rühmen, müssen nicht nur unseren göttlichen Erlöser
als erhabenes und vollkommenstes Vorbild aller Tugenden betrachten, sondern
auch durch weise FLkht vor der Sünde und eifriges Heiligkeitsstreben
so seine Lehre und sein Leben in ihrem sittlichen Verhalten zum Ausdruck
bringen, daß sie, wenn der Herr erscheint, Ihm in seiner Herrlichkeit
ähnlich werden, und Ihn sehen, wie Er ist (1.Joh.3,2.).
Wie aber Christus will, daß die einzelnen Glieder Ihm ähnlich
werden, so wünscht Er es auch vom ganzen Leib der Kirche. Und das
geschieht in der Tat, indem die Kirche nach dem Vorbild ihres Stifters
lehrt, leitet und das göttliche Opfer darbringt. Außerdem stellt
sie durch Befolgung der evangelischen Räte die Armut, den Gehorsam
und die unberührte Keuschheit des Erlösers in sich dar. In ihren
zahlreichen und verschiedenartigen religiösen Genossenschaften, die
gleichsam ihre Kleinode bilden, zeigt sie uns gewissermaßen Christus
selbst, wie Er auf dem Berge betrachtend betet oder den Volksscharen predigt
oder die Kranken und Verletzten heilt, die Sünder zum Guten bekehrt,
oder allen Wohltaten spendet. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die
Kirche, solange sie hier auf Erden weilt, nach dem Beispiel Christi auch
mit Verfolgungen, Mißhandlungen und Leiden heimgesucht wird.
Überdies muß Christus deshalb als Haupt der Kirche gelten,
weil sein mystischer Leib aus der Fülle und Vollkommenheit der übernatürlichen
Gaben schöpft, die Er ihm spendet. Wie nämlich - worauf mehrere
Väter hinweisen - das Haupt unseres sterblichen Leibes im Besitz
aller Sinne ist, während die übrigen Glieder unseres Organismus
nur am Gefühlssinn teilhaben, so strahlen auch alle Tugenden, Gaben
und Gnadenvorzüge der christlichen Gemeinschaft in Christus dem Haupte
aufs vollkommenste wieder. "Es war Gottes "Wille, in Ihm die
ganze Fülle wohnen zu lassen" (Kol. 1, 19.). Ihn zieren jene
übernatürlichen Gaben, welche die hypostatische Vereinigung
der beiden Naturen im Gefolge hat: in Ihm wohnt der Heilige Geist in einer
derartigen Gnadenfülle, daß sie größer nicht gedacht
werden kann. Ihm ist gegeben "die Macht über alles Fleisch"
(Joh. 17, 2.), überreich sind in Ihm "alle Schätze der
Weisheit und Erkenntnis" (Kol. 2,3.). Auch jene Erkenntnis, die man
Erkenntnis der Gottschauung nennt, besitzt Er in solcher Fülle, daß
sie an Umfang und Klarheit die beseligende Schau aller Heiligen im Himmel
weit überragt. Und schließlich ist Er so reich an Gnade und
Wahrheit, daß wir alle aus seiner unerschöpflichen Fülle
empfangen (Joh. l, 14-16.).
Diese Worte des Jüngers, dem Jesus seine besondere Liebe schenkte,
geben Uns Anlaß, den letzten, besonders einleuchtenden Beweisgrund
dafür anzuführen, daß Christus der Herr das Haupt seines
mystischen Leibes zu nennen ist. Wie nämlich die Nerven vom Haupte
in alle Glieder unseres Leibes sich verteilen und ihnen die Fähigkeit
verleihen, zu fühlen und sich zu bewegen, so flößt unser
Erlöser seiner Kirche die Kraft und die Stärke ein, vermöge
deren die Christgläubigen die göttlichen Dinge klarer erkennen
und eifriger erstreben. Von Ihm strahlt in den Leib der Kirche alles Licht
aus, wodurch die Gläubigen übernatürliche Erleuchtung empfangen
und jegliche Gnade, durch die sie heilig werden, wie Er selber heilig
ist.
Seine gesamte Kirche erleuchtet Christus; das kann fast aus unzähligen
Stellen der Heiligen Schrift und der heiligen Väter bewiesen werden.
"Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoße
des Vaters ruht, der hat Kunde von ihm gebracht" (Joh. 1, 18.).
Als Lehrer von Gott kommend (Joh. 3,2.), um der Wahrheit Zeugnis zu geben
(Joh. 18,37.), erleuchtete Er die junge Kirche der Apostel mit seinem
Lichte derart, daß der Apostelfürst ausrief: "Herr, zu
wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh. 6, 68.).
Den Evangelisten stand Er vom Himmel aus in der Weise bei, daß sie
gleichsam als Glieder Christi aufzeichneten, was sie sozusagen durch das
Diktat des Hauptes erkannten (August., De cons. evang., I, 35, 54: Migne,
P; L. XXXIV, 1070.). Und so ist Er auch heute noch für uns, die wir
hier in der irdischen Verbannung weilen, Begründer des Glaubens,
wie Er in der Heimat dessen Vollender (Hebr. 12, 2.) ist. Er ist es, der
den Gläubigen das Licht des Glaubens eingießt; der die Hirten
und Lehrer und besonders seinen Stellvertreter auf Erden mit den übernatürlichen
Gaben der Erkenntnis, der Einsicht und Weisheit bereichert, damit sie
den Schatz des Glaubens getreu bewahren, mutig verteidigen, fRömm
und eifrig erklären und sichern. Er ist es schließlich, der,
wenn auch unsichtbar, die Konzilien der Kirche leitet und erleuchtet (Cyr.
Alex., Ep. 55 de Symb.: Migne, P. G. LXXVII, 293.).
Christus ist Begründer und Urheber der Heiligkeit. Denn es gibt
keinen heilbringenden Akt, der nicht aus Ihm als seiner übernatürlichen
Quelle sich herleitete. "Ohne Mich", sagt Er, "könnt
ihr nichts tun" (Joh. 15, 5.). Wenn wir ob begangener Schuld von
Seelenschmerz und Reue bewegt werden; wenn wir uns in kindlicher Furcht
und Hoffnung zu Gott bekehren, immer werden wir von seiner Kraft geführt.
Gnade und Glorie entspringen aus seiner unerschöpflichen Fülle.
Besonders die hervorragenderen Glieder seines mystischen Leibes beschenkt
unser Erlöser unaufhörlich mit den Gaben des Rates, der Stärke,
der Furcht und der Frömmigkeit, damit der gesamte Leib von Tag zu
Tag mehr und mehr zunehme an Heiligkeit und Reinheit des Lebens. Und wenn
die Sakramente der Kirche mit einem äußeren Ritus gespendet
werden, dann bringt Er selber die Wirkung in den Seelen hervor (S. Thom.,
III, q. 64, a. 3. 2). Ebenso ist Er es, der die Erlösten mit seinem
Fleische und Blute nährt und die wirren, erregten Leidenschaften
beruhigt. Er vermehrt die Gnade und bereitet die Glorie für Seele
und Leib. Diese Schätze der göttlichen Güte erteilt Er
den Gliedern seines mystischen Leibes nicht bloß darum, weil Er
sie als eucharistisches Opferlamm auf Erden und als verklärtes im
Himmel durch Hinweis auf seine Wunden und mit innigem Flehen vom Ewigen
Vater erbittet, sondern auch darum, weil Er für jeden Einzelnen jede
einzelne Gnade "in dem Maße, in dem Christus sie austeilt"
(Eph. 4,7.), auswählt, bestimmt und zuwendet. Daraus folgt, daß
vom göttlichen Erlöser wie aus der Hauptkraftquelle "der
ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten wird mit Hilfe aller
Gelenke, die ihren Dienst verrichten nach der Tätigkeit, die jedem
Gliede zugewiesen ist. So vollzieht sich das Wachstum des Leibes, und
baut er sich auf in Liebe". (Eph. 4,16; Kol. 2,19.)
Oben haben Wir, Ehrwürdige Brüder, kurz und klar dargelegt,
wie Christus der Herr seine reichen Gaben aus seiner göttlichen Fülle
heraus in die Kirche einströmen lassen will, damit sie Ihm möglichst
gleichgestaltet werde. Diese Erörterung dient gewiß auch der
Klarstellung des dritten Grundes, aus dem sich ergibt, weshalb der gesellschaftliche
Leib der Kirche den herrlichen Namen Christi trägt: dieser Grund
liegt darin, daß unser Erlöser selbst die von Ihm gestiftete
Kirche mit göttlicher Kraft erhält. Wie Bellarmin (De Röm.
Pont., I, 9; De Concil., II, 19.) fein und scharfsinnig bemerkt hat, ist
diese Benennung des Leibes Christi nicht bloß daraus zu erklären,
daß Christus das Haupt seines mystischen Leibes genannt werden muß,
sondern auch aus der Tatsache, daß Er derart Träger der Kirche
ist und in ihr gewissermaßen derart lebt, daß sie selbst gleichsam
ein zweiter Christus wird. Gerade das behauptet der Völkerapostel,
wenn er im Schreiben an die Korinther (1. Kor. 12, 12.) die Kirche einfachhin
"Christus" nennt, indem er offensichtlich den Meister selbst
nachahmt, der ihm, als er die Kirche verfolgte, vom Himmel zurief (Apg.
9, 4; 22, 7; 26, 14.): "Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?"
Ja, wenn wir Gregor von Nyssa (Greg. Nyss., De vita Moysis: Migne, P.
G. XLIV, 385.) glauben dürfen, wird die Kirche vom Apostel öfter
"Christus" geheißen; auch ist euch, ehrwürdige Brüder,
das Wort Augustins nicht unbekannt: "Christus predigt Christus"
(Serm., CCCLIV, 1: Migne, P. L. XXXIX, 1563.).
Diese erhabene Benennung ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob das
unaussprechliche Band, womit der Sohn Gottes eine bestimmte menschliche
Natur mit sich vereinigte, auch die Gesamtkirche umfasse. Sie hat vielmehr
ihren Grund darin, daß unser Erlöser die Güter, die Ihm
vornehmlich eigen sind, so seiner Kirche mitteilt, daß diese in
ihrem ganzen Leben, dem sichtbaren wie dem geheimnisumhüllten, Christi
Bild möglichst vollkommen zum Ausdruck bringt. Denn zufolge der rechtlichen
Sendung, womit der göttliche Erlöser die Apostel in die Welt
sandte, wie Er selbst vom Vater gesandt war (Joh. 17, 18 et 20, 21.),
ist Er es, der durch die Kirche tauft, lehrt und regiert, löst und
bindet, darbringt und opfert. Mittels jener höheren, ganz inneren
und erhabenen Schenkung, die Wir oben berührt haben, wo Wir nämlich
die Art der Einflußnahme des Hauptes auf die Glieder beschrieben,
läßt Christus der Herr die Kirche an seinem übernatürlichen
Leben teilnehmen, durchdringt ihren ganzen Leib mit seiner göttlichen
Kraft und nährt und erhält die einzelnen Glieder gemäß
dem Rang, den sie im Leibe einnehmen, ungefähr in der Weise, in welcher
der Weinstock die mit ihm verbundenen Rebzweige nährt und fruchtbar
macht (Leo XIII, Sapientiae Christianae: A. S. S. XXII, 392; Satis cognitum:
ibidem, XXVIII, 710.).
Wenn wir nun aufmerksam dieses göttliche von Christus gegebene Lebens-
und Kraftprinzip in sich selbst betrachten, insofern es die Quelle einer
jeden geschaffenen Gabe und Gnade bildet, werden wir leicht verstehen,
daß es nichts anderes ist als der Tröster Geist, der vom Vater
und vom Sohne ausgeht, und der in besonderer Weise Geist Christi und Geist
des Sohnes genannt wird (Röm. 8, 9; 2. Kor. 3, 17; Gal. 4, 6.). Denn
mit diesem Geist der Wahrheit und Gnade hat der Sohn Gottes im unversehrten
Schoße der Jungfrau seine Seele gesalbt. Dieser Geist betrachtet
es als seine Wonne, im lebenspendenden Erlöserherzen als in seinem
bevorzugten Tempel zu wohnen. Diesen Geist hat uns Christus am Kreuze
durch sein eigenes Blut verdient. Ihn hauchte Er über die Apostel
aus und schenkte ihn so der Kirche zur Nachlassung der Sünden (Joh.
20. 22.). Während jedoch nur Christus diesen Geist in ungemessener
Fülle empfing (Joh. 3, 34.), wird er den Gliedern des mystischen
Leibes aus der Fülle Christi selbst nur in dem Grade verliehen, als
Christus ihn gibt (Eph. 1, 8; 4, 7.). Nachdem Christus am Kreuze verherrlicht
ist, wird sein Geist der Kirche in reichstem Maße mitgeteilt, damit
sie selbst und ihre einzelnen Glieder von Tag zu Tag unserem Erlöser
ähnlicher werden. Der Geist Christi ist es, der uns zu Adoptivkindern
Gottes gemacht hat (Röm. 8, 14-17; Gal. 4, 6-7.), damit wir einst
"alle mit unverhülltem Antlitz die Herrlichkeit,des Herrn schauen
und so von Herrlichkeit zu Herrlichkeit zu dem gleichen Bilde umgestaltet
werden" (2. Kor. 3, 18.).
Dem Geiste Christi als dem unsichtbaren Prinzip kommt auch die Aufgabe
zu, alle Teile des Leibes untereinander sowie mit ihrem erhabenen Haupte
zu verbinden, da Er ja ganz im Haupte ist, ganz im Leibe, ganz in den
einzelnen Gliedern. Diesen letzteren aber teilt er seine Gegenwart und
seinen Beistand in verschiedenem Grade mit, je nach ihren verschiedenen
Aufgaben und Ämtern und je nach dem höheren oder geringeren
Maße ihrer geistlichen Gesundheit. Er ist es, der infolge seines
himmlischen Odems in allen Teilen des Leibes als das Prinzip jeder wirklich
zum Heile ersprießlichen Lebensbetätigung angesehen werden
muß. Er ist es, der, obwohl selbst in allen Gliedern gegenwärtig
und in ihnen in göttlicher Weise tätig, dennoch in den untergeordneten
auch durch die Dienstleistung der übergeordneten wirkt. Er ist es
endlich, der der Kirche unter dem Wehen seiner Gnade fortwährend
neues Wachstum verleiht, es aber verschmäht, in den vom Leibe völlig
getrennten Gliedern durch die heiligmachende Gnade zu wohnen. Gerade diese
Gegenwart Und Wirksamkeit des Geistes Jesu Christi hat Unser weiser Vorgänger
unsterblichen Andenkens Leo XIII. in seiner Enzyklika Divinum illud mit
folgenden Worten kurz und treffend ausgedrückt: "Es genüge
der eine Satz: Christus ist das Haupt der Kirche, der Heilige Geist ihre
Seele" (A. S. S., XXIX, p. 650.).
Wenn wir hingegen die innere Lebenskraft, mittels deren die ganze Christengemeinschaft
von ihrem Stifter erhalten wird, nun nicht in sich selbst, sondern in
den aus ihr entspringenden geschöpflichen Wirkungen betrachten, so
besteht sie in den übernatürlichen Gnaden, die unser Erlöser
zugleich mit seinem Geiste der Kirche verleiht, und zugleich mit seinem
Geiste, als dem Spender übernatürlichen Lichtes und Wirker der
Heiligkeit, hervorbringt. Die Kirche kann also ebenso wie alle ihre heiligen
Glieder das große Wort des Apostels sich zu eigen machen: "Ich
lebe, vielmehr nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Gal. 2,
20.).
Unsere Darlegungen über das "mystische Haupt" (Ambros.,
De Elia et ieiun., 10 36-37 et in Psalm 118, serm. 20 2: Migne, P. L.
XIV, 710 et XV, 1483.) würden unvollkommen bleiben, wenn Wir nicht,
wenigstens kurz, auch den folgenden Satz desselben Apostels berührten:
"Christus ist das Haupt der Kirche, Er der Erlöser seines Leibes"
(Eph. 5, 23.). Denn in diesen Worten liegt die Hindeutung auf den letzten
Grund, weshalb der Leib der Kirche den Namen Christi trägt. Christus
ist nämlich der göttliche Erlöser dieses Leibes. Wird Er
doch mit vollem Recht von den Samaritern als "der Heiland der Welt
gepriesen" (Joh. 4, 42.); ja, man muß Ihn ohne Zweifel als
den "Heiland aller" ansprechen, wenngleich man mit Paulus hinzufügen
muß, "vornehmlich der Gläubigen" (1. Tim. 4, 10.).
Vor allen andern nämlich hat Er seine Glieder, die die Kirche bilden,
mit seinem Blute erkauft (Apg. 20, 28.). Es erübrigt jedoch, diesen
Gedanken weiter zu erörtern, nachdem Wir oben über die aus dem
Kreuze entsprossene Kirche, über Christus, den Spender des Lichtes,
den Wirker der Heiligkeit und den Erhalter seines mystischen Leibes ausführlich
genug gehandelt haben. Vielmehr haben wir Grund, Gott unaufhörlich
dafür zu danken und demütigen Sinnes aufmerksam darüber
nachzudenken. Was unser Erlöser aber einst am Kreuze begonnen hat,
das setzt Er in seiner himmlischen Herrlichkeit ohne Unterlaß fort.
"Unser Haupt - so Augustinus - legt Fürsprache für uns
ein: die einen Glieder nimmt Er zu sich, andere züchtigt Er, andere
läutert Er, andere tröstet Er, andere erschafft Er, andere beruft
Er, andere ruft Er zurück, andere bessert Er, andere erneuert Er"
(Enarr. in ps., LXXXV, 5: Migne, P. L. XXXVII, 1085.). Uns aber ist die
Aufgabe geworden, Christus in diesem Heilswirken hilfreiche Hand zu leisten,
"die wir aus dem Einen und durch den Einen erlöst sind und selbst
erlösen" (Clem. Alex., StRöm., VII, 2: Migne, P. G. IX,
413.).
Gehen wir nun einen Schritt weiter, Ehrwürdige Brüder, und
erörtern wir den Punkt, der den Grund, warum Christi Leib, die Kirche,
mystisch, d. h. geheimnisvoll genannt werden muß, ins gehörige
Licht rücken soll. Diese Benennung, die schon bei mehreren Kirchenschriftstellern
der Vorzeit üblich war, wird durch nicht wenige Dokumente der Päpste
bestätigt. Aber nicht bloß aus einem Grund ist dieses Wort
berechtigt. Es unterscheidet zunächst den gesellschaftlichen Leib
der Kirche, dessen Haupt und Lenker Christus ist, von dessen physischem
Leib, der, aus der jungfräulichen Gottesmutter geboren, jetzt zur
Rechten des Vaters thront und unter den eucharistischen Gestalten verborgen
ist. Ebenso - und dies ist wegen der Zeitirrtümer von großer
Bedeutung - schließt diese Bezeichnung jeden natürlichen Leib,
sei es einen physischen, sei es einen sogenannten moralischen, aus.
In einem natürlichen Leibe nämlich verbindet das einigende
Prinzip die einzelnen Teile derart, daß sie kein eigenes Fürsichsein
mehr besitzen. Im mystischen Leib dagegen verbindet das einigende Prinzip,
obschon es bis ins Innerste geht, die Glieder so untereinander, daß
die einzelnen ihre Eigenpersönlichkeit vollauf bewahren. Wenn wir
sodann das gegenseitige Verhältnis zwischen dem Ganzen und den einzelnen
Gliedern betrachten, so ergibt sich folgendes: in jedem lebendigen physischen
Leibe sind alle einzelnen Glieder in letzter Linie einzig zum Wohle des
ganzen Organismus da, während jede gesellschaftliche Gliederung von
Menschen, wenn man auf deren letzten Nützlichkeitszweck sieht, hingeordnet
ist auf den Nutzen aller und zugleich jedes einzelnen Gliedes, da diese
ja Personen sind. Um also auf unsere Sache zurückzukommen, wie der
Sohn des Ewigen Vaters um des ewigen Heiles unser aller willen vom Himmel
herabgestiegen ist, so hat Er den Leib der Kirche gebildet und mit dem
göttlichen Geiste beseelt zu dem Zwecke, das ewige Glück der
unsterblichen Seelen zu wirken und zu sichern, gemäß dem Ausspruch
des Apostels: "Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus
und Christus Gott" (1. Kor. 3, 23; Pius XI., Divini Redemptoris:
A. A. S., 1937, p. 80.). Wie nämlich die Kirche zum Wohl der Gläubigen
da ist, so hat sie die Bestimmung, Gott und den Er gesandt hat, Christus
Jesus zu verherrlichen.
Vergleichen wir sodann den mystischen Leib mit einer sogenannten moralischen
Körperschaft, so müssen wir auch da einen keineswegs geringfügigen,
sondern höchst bedeutungsvollen und schwerwiegenden Unterschied feststellen.
In der moralischen Körperschaft nämlich ist das einigende Prinzip
nichts anderes als der gemeinsame Zweck und das gemeinsame Zusammenwirken
aller zu demselben Zweck mittels einer gesellschaftlichen Obrigkeit. Im
mystischen Leibe dagegen, von dem wir handeln, kommt zu diesem Zusammenwirken
noch ein anderes inneres Prinzip, das sowohl dem ganzen Organismus wie
den einzelnen Gliedern wirklich und kraftvoll innewohnt und von solcher
Erhabenheit ist, daß es in sich betrachtet alle einigenden Bande,
die einen physischen oder einen moralischen Leib zusammenhalten, unermeßlich
weit überragt. Dieses Prinzip gehört, wie oben gesagt, nicht
der natürlichen, sondern der übernatürlichen Ordnung an;
ja es ist in sich selber geradezu unendlich und unerschaffen: der Geist
Gottes, der, wie der engelgleiche Lehrer sagt, "der Zahl nach ein
und derselbe, die ganze Kirche erfüllt und einigt" (De Veritate,
q. 29, a. 4, c.).
Die richtige Bedeutung der Bezeichnung "mystisch" erinnert
also daran, daß die Kirche, die als eine in ihrer Art vollkommene
Gesellschaft anzusehen ist, nicht bloß aus gesellschaftlichen und
rechtlichen Bestandteilen und Beziehungen besteht. Sie ist ja weit vorzüglicher
als irgendwelche andern menschlichen Körperschaften (Leo XIII, Sapientiae
christianae: A. S. S., XXII, p. 392.), die sie überragt, wie die
Gnade die Natur hinter sich läßt und wie das Unsterbliche alles
Vergängliche (Leo XIII, Satis cognitum: A. S. S., XXVIII, p. 724.).
Jene rein menschliche Gesellschaften, namentlich der Staat, sind gewiß
nicht zu verachten oder geringzuschätzen. Allein die Kirche als ganze
gehört nicht der Ordnung dieser Dinge an, gleichwie der Mensch als
ganzer nicht mit dem Gebilde unseres sterblichen Leibes, zusammenfällt
(Ibidem, p. 710.). Denn die rechtlichen Beziehungen, auf welchen die Kirche
ebenfalls beruht und welche zu ihren Bestandteilen gehören, stammen
zwar aus ihrer göttlichen von Christus gegebenen Verfassung und haben
ihren Anteil bei Erreichung ihres übernatürlichen Zieles. Doch
was die Kirche über jedwede natürliche Ordnung hoch hinaushebt,
ist der Geist unseres Erlösers, der als Quelle aller Gnaden, Gaben
und Charismen fortwährend und zuinnerst die Kirche erfüllt und
in ihr wirkt. Wie der Bau unseres sterblichen Leibes zwar ein wundervolles
Werk unseres Schöpfers ist, jedoch weit unter der erhabenen Würde
unserer Seele zurückbleibt, geradeso hat das gesellschaftliche Gefüge
der christlichen Gemeinschaft, wie sehr es auch die Weisheit seines göttlichen
Meisters verkündet, doch nur einen ganz untergeordneten Rang, sobald
man es vergleicht mit den geistlichen Gaben, mit denen die Kirche ausgestattet
ist und von denen sie lebt, sowie mit deren göttlichem Ursprung.
Aus alledem, was Wir in unserem Schreiben an Euch, Ehrwürdige Brüder,
bisher dargelegt haben, geht klar hervor, daß sich jene in einem
schweren Irrtum befinden, die sich nach eigener Willkür eine verborgene,
ganz unsichtbare Kirche vorstellen, ebenso wie jene, die sich die Kirche
als eine Art menschlicher Organisation denken mit einer bestimmten satzungsmäßigen
Ordnung und mit äußeren Riten, aber ohne Mitteilung übernatürlichen
Lebens (Ibidem, p. 710.). Nein, wie Christus, das Haupt und Urbild der
Kirche, "nicht ganz ist, wenn man in Ihm entweder nur die menschliche,
sichtbare ..., oder bloß die göttliche, unsichtbare Natur betrachtet
..., sondern wie Er Einer aus beiden und in beiden Naturen ist ...: so
sein mystischer Leib" (Ibidem, p. 710.); hat doch das Wort Gottes
eine menschliche leidensfähige Natur angenommen, damit nach der Gründung
einer sichtbaren und mit dem göttlichen Blute geweihten Gesellschaft
"der Mensch durch eine sichtbare Leitung den Weg zum Unsichtbaren
zurückfinde" (S. Thomas, De veritate, q. 29, a. 4, a. 3.).
Deshalb bedauern und verwerfen Wir auch den verhängnisvollen Irrtum
jener, die sich eine selbstersonnene Kirche erträumen, nämlich
eine nur durch Liebe aufgebaute und erhaltene Gesellschaft, der sie -
mit einer gewissen Verächtlichkeit - eine andere, die sie die Rechtskirche
nennen, gegenüberstellen. Eine solche Unterscheidung einzuführen
ist ganz verfehlt. Sie verkennt, daß der göttliche Erlöser
die von Ihm gegründete Gemeinschaft von Menschen als eine in ihrer
Art vollkommene Gesellschaft mit allen rechtlichen und gesellschaftlichen
Bestandteilen gerade zu dem Zwecke wollte, damit sie dem Heilswerk der
Erlösung hier auf Erden dauernden Bestand sichere (Conc. Vat., Sess.
IV, Const. dogm. de Eccl.), und daß Er sie zur Erreichung desselben
Zweckes vom Tröster Geist mit himmlischen Gnaden und Gaben reich
ausgestattet wissen wollte. Gewiß, sie sollte nach dem Willen des
Ewigen Vaters "das Reich des Sohnes seiner Liebe" (Kol. 1, 13.)
sein, dabei aber in Wahrheit ein solches Reich, in welchem alle durch
ihren Glauben eine vollkommene Unterwerfung des Verstandes und Willens
darbringen (Conc. Vat., Sess. III, Const. de fide cath., cap. 3.) und
in Demut und Gehorsam Dem ähnlich werden sollten, der für uns
"gehorsam ward bis zum Tode" (Phil. 2, 8.). Es kann also kein
wirklicher Gegensatz oder Widerspruch bestehen zwischen der unsichtbaren
Sendung des Heiligen Geistes und dem rechtlich von Christus empfangenen
Amt der Hirten und Lehrer. Beide ergänzen und vervollkommnen einander
wie in uns Leib und Seele, und gehen von Einem und demselben aus, unserem
Erlöser: Er hat gewiß seinen Aposteln den göttlichen Odem
eingehaucht mit den Worten: "Empfanget den Heiligen Geist" (Joh.
20,22.), aber Er hat ihnen auch den klaren Auftrag erteilt: "Wie
mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh. 20,21.), und
in gleichem Sinne gesagt: "Wer euch hört, der hört mich"
(Lk. 10, 16.).
Wenn man aber in der Kirche einiges wahrnimmt, was die Schwäche
unserer menschlichen Natur verrät, so fällt das nicht ihrer
rechtlichen Verfassung zur Last, sondern vielmehr der beklagenswerten
Neigung der Einzelnen zum Bösen. Diese Schwäche duldet ihr göttlicher
Stifter auch in den höheren Gliedern seines mystischen Leibes deswegen,
damit die Tugend der Herde und der Hirten erprobt werde und in allen die
Verdienste des christlichen Glaubens wachsen. Denn, wie oben gesagt, Christus
wollte die Sünder aus der von Ihm gegründeten Gemeinschaft nicht
ausgeschlossen wissen. Wenn also manche Glieder an geistlichen Gebrechen
leiden, so ist das kein Grund, unsere Liebe zur Kirche zu vermindern,
sondern vielmehr mit ihren Gliedern größeres Mitleid zu haben.
Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter in ihren Sakramenten,
durch die sie ihre Kinder gebiert und nährt; im Glauben, den sie
jederzeit unversehrt bewahrt; in ihren heiligen Gesetzen, durch die sie
alle bindet, und in den evangelischen Räten, zu denen sie ermuntert;
endlich in den himmlischen. Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher
Fruchtbarkeit (Conc. Vat., Sess. III, Const. de fide cath., cap. 3.) unabsehbare
Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt. Ihr
kann man es nicht zum Vorwurf machen, wenn einige ihrer Glieder krank
oder wund sind. Sie fleht ja in deren Namen selbst täglich Gott an:
"Vergib uns unsere Schulden", und widmet sich unablässig
ihrer geistlichen Pflege mit mütterlich starkem Herzen. Wenn wir
also den Ausdruck "mystischer" Leib Christi gebrauchen, so liegen
schon in der Bedeutung dieses Wortes sehr ernste Lehren für uns.
Solche Mahnung klingt an in den Worten des heiligen Leo: "Erkenne,
Christ, deine Würde, und der göttlichen Natur einmal teilhaft
geworden, kehre nicht durch unwürdiges Betragen zum alten erbärmlichen
Zustand zurück! Denke daran, wessen Hauptes und wessen Leibes Glied
du' bist!" (Serm. XXI, 3: Migne, P. L. LIV, 192-193.).
Wir möchten jetzt, Ehrwürdige Brüder, in ganz besonderer
Weise über unsere enge Verbindung mit Christus im Leibe der Kirche
sprechen. Ist diese - wie mit Recht der heilige Augustinus sagt (August.,
Contra Faust., 21, 8: Migne, P. L. XLII, 392.) - etwas Erhabenes, Geheimnisvolles
und Göttliches, so wird sie doch oft gerade aus diesem Grund von
einigen falsch verstanden und dargestellt. Zunächst ist es klar,
daß diese Verbindung mit Christus sehr innig ist. In der Heiligen
Schrift wird sie mit dem Band einer keuschen Ehe, mit der lebensvollen
Einheit von Weinstock und Rebzweigen und mit dem Organismus unseres Leibes
verglichen (Eph. 5, 22-23; Joh. 15, 1-5; Eph. 4, 16.). Sie wird als so
tiefinnerlich dargestellt, daß es nach dem Wort des Völkerapostels:
"Er (Christus) ist das Haupt des Leibes, der Kirche" (Kol. 1,
18.), die uralte, ständig von den Vätern weitergegebene Lehre
ist, der göttliche Erlöser bilde zusammen mit seinem gesellschaftlichen
Leibe nur eine einzige mystische Person oder, wie Augustinus sagt, "den
ganzen Christus" (Enarr in Ps" 17,51 et XC, II, I: Migne, P.
L. XXXVI, 154 et XXXVII 1159.). Ja, unser Heiland selbst zögerte
nicht, in seinem hohepriesterlichen Gebet diese Vereinigung mit jener
wunderbaren Einheit zu vergleichen, durch die der Sohn im Vater ist und
der Vater im Sohn (Joh. 17, 21-23.).
Unsere Vereinigung in Christus und mit Christus aber ergibt sich an erster
Stelle aus der Tatsache, daß die christliche Gemeinschaft nach dem
Willen ihres Stifters einen vollkommenen Gesellschaftskörper bildet
und infolgedessen in ihr alle Glieder vereint sein müssen durch das
einheitliche Streben zum gleichen Ziel. Je edler aber das Ziel ist, auf
das sich dieses Streben richtet, je göttlicher die Quelle ist, aus
der es entspringt, um so erhabener gestaltet sich ohne Zweifel auch die
Einheit. Nun ist aber sein Ziel das allerhöchste, nämlich die
fortgesetzte Heiligung der Glieder dieses Leibes selbst zur Ehre Gottes
und des Lammes, das geopfert ist (Offb. 5, 12-13.). Seine Quelle aber
ist ganz göttlich: der Ratschluß des Ewigen Vaters und der
liebestarke Wille unseres Heilandes, aber auch die Erleuchtungen und Antrieb
des Heiligen Geistes im Innersten unserer Seele. Wenn wir nicht den geringsten
heilbringenden Akt setzen können, es sei denn im Heiligen Geiste,
wie konnten da ungezählte Scharen verschiedenster Volkszugehörigkeit
und Abstammung in voller Eintracht die Ehre des dreieinigen Gottes erstreben
ohne die Kraft jenes Odems, der vom Vater und Sohn in einer einzigen,
ewigen Liebe ausgeht?
Da nun aber dieser gesellschaftliche Leib Christi, wie Wir oben dargelegt
haben, nach dem Willen seines Stifters sichtbar sein muß, so folgt
notwendig, daß auch jenes Zusammenwirken aller Glieder äußerlich
in die Erscheinung treten muß durch das Bekenntnis desselben Glaubens,
durch die Gemeinschaft derselben Sakramente und die Teilnahme am selben
Opfer, wie auch durch die tätige Beobachtung derselben Gebote. Zudem
muß durchaus ein allen sichtbares Oberhaupt vorhanden sein, von
dem die Tätigkeit und die Zusammenarbeit aller wirksam auf die Erreichung
des vorgesteckten Zieles gerichtet wird: Wir meinen den Stellvertreter
Jesü Christi auf Erden. Wie nämlich der göttliche Erlöser
den Beistand, den Geist der Wahrheit, gesandt hat, damit Er an seiner
Statt (Joh. 14,16 et 26.) die unsichtbare Leitung der Kirche übernehme,
so hat Er dem Petrus und seinen Nachfolgern aufgetragen, Ihn auf Erden
zu vertreten und die sichtbare Leitung der christlichen Gemeinschaft zu
übernehmen. Zu diesen rechtlichen Banden, die für sich allein
schon die Bindungen jeder anderen, selbst der höchsten menschlichen
Gesellschaft, weit übertreffen, kommt notwendig noch eine andere
Einheitsgrundlage: es sind jene drei Tugenden, durch die wir mit Gott
und untereinander aufs engste verbunden werden: der christliche Glaube,
die Hoffnung und die Liebe.
In der Tat, es ist nur "ein Herr", wie der Apostel mahnt, "nur
ein Glaube" (Eph.4,5.), jener Glaube nämlich, durch den wir
dem einen Gott anhangen und Ihm, den Er gesandt hat, Jesus Christus (Eph.4,5.).
Wie stark wir durch diesen Glauben mit Gott verbunden werden, zeigen die
Worte des Liebesjüngers Jesu: "Wer immer bekennt, daß
Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott, und er bleibt in Gott"
(1. Joh. 4, 15.). Ebenso innig werden wir aber durch dieser christlichen
Glauben untereinander und mit unserem Haupte verbunden. Denn da wir alle,
die wir gläubig sind, "denselben Geist des Glaubens haben"
(2. Kor. 4, 13.), werden wir auch von demselben Lichte Christi erleuchtet,
durch dieselbe Speise Christi ernährt, durch dasselbe Lehramt und
dieselbe Amtsvollmacht Christi geleitet. Wenn nun derselbe Glaubensgeist
uns alle beseelt, leben wir auch alle dasselbe Leben "im Glauben
an den Sohn Gottes, der uns geliebt und sich für uns dahingegeben
hat" (Gal. 2, 20.); und wie Christus, unser Haupt, der Urheber unseres
Glaubens ist, wenn Er, mit lebendigem Glauben aufgenommen, in unserem
Herzen wohnt (Eph. 3, 17.), so wird Er auch sein Vollender sein (Hebr.
12, 2.).
Wie wir aber durch den Glauben hier auf Erden Gott anhangen als der Quelle
der Wahrheit, so erstreben wir Ihn durch die Tugend der christlichen Hoffnung
als die Quelle der Seligkeit, "indem wir die selige Hoffnung und
die herrliche Erscheinung des großen Gottes erwarten" (Tit.
2, 13.). Ob dieses gemeinsamen Verlangens nach dem Himmelreich, womit
wir im Diesseits nicht unsere bleibende Heimat sehen, sondern die zukünftige
suchen (Hebr. 13, 14.) und die Glorie des Himmels ersehnen, sagt der Völkerapostel
ohne Bedenken: "Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid
zu einer Hoffnung eurer Berufung" (Eph. 4, 4.); ja, Christus selbst
wohnt in uns gleichsam als die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol. 1, 27.).
Die Bande des Glaubens und der Hoffnung, durch die wir mit unserem göttlichen
Erlöser in seinem mystischen Leibe verbunden werden, sind gewiß
von großer Wichtigkeit und höchster Bedeutung. Aber sicher
nicht weniger wichtig und wirksam sind die Bande der Liebe. Denn wenn
schon im natürlichen Bereich die Liebe, aus der die wahre Freundschaft
entspringt, etwas sehr Erhabenes ist, was muß man dann nicht von
jener übernatürlichen Liebe sagen, die von Gott selbst in unsere
Herzen ausgegossen wird ? "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe
bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm" (1.Joh.4,16.). Diese Liebe
hat, gleichsam nach einem von Gott selbst gegebenen Gesetz die Wirkung,
daß sie in unsere liebenden Herzen Ihn selbst in Gegenliebe hinabsteigen
läßt gemäß dem Wort: "Wenn jemand mich liebt
..., wird auch mein Vater ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und
Wohnung bei ihm nehmen" (Joh.14,23.). Die Liebe verbindet uns also
enger mit Christus als jede andere Tugend. Von ihrer himmlischen Glut
erfaßt, haben so viele Kinder der Kirche freudig für Ihn Schmach
erlitten und bis zum letzten Atemzug und Blutstropfen jegliche, auch die
schlimmsten Qualen und Prüfungen, ausgestanden. Deshalb mahnt uns
unser göttlicher Heiland so eindringlich: "Bleibt in meiner
Liebe!" und da ja eine Liebe schwächlich und völlig inhaltslos
bleibt, wenn sie sich nicht in guten Werken entfaltet und Gestalt annimmt,
fügt Er sogleich hinzu: "Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt
ihr in meiner Liebe, wie auch Ich die Weisungen meines Vaters gehalten
habe und in seiner Liebe verbleibe" (Joh.15,9-10.).
Aber dieser Liebe zu Gott und zu Christus muß die Liebe zum Nächsten
entsprechen. Wie könnten wir denn auch behaupten, unseren göttlichen
Erlöser zu lieben, wenn wir diejenigen haßten, die Er selbst
mit seinem kostbaren Blute erlöst hat, um sie zu Gliedern seines
mystischen Leibes zu machen? Aus diesem Grunde ermahnt uns auch der Liebesjünger
Jesu mit den Worten: "Wenn einer sagt: Ich liebe Gott, dabei aber
seinen Bruder haßt, so ist er ein Lügner. Denn wie kann einer
Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den
er sieht? Wir haben dies Gebot von Gott: Wer Gott liebt, der muß
auch seinen Bruder lieben!" (1. Joh. 4, 20-21.). Sogar dies ist Tatsache:
wir werden desto mehr mit Gott und Christus verbunden sein, je mehr wir
einer des anderen Glieder sind (Röm. 12, 5.), in einmütiger
Sorge füreinander (1. Kor. 12, 25.). Und wir selbst werden untereinander
desto mehr in Liebe verbunden und zusammengeschlossen sein, je glühender
die Liebe ist, womit wir Gott und unserem göttlichen Haupte anhangen.
Uns aber hat der eingeborene Sohn Gottes schon vor Grundlegung der Welt
mit seiner anfanglosen, unendlichen Erkenntnis und seiner ewigen Liebe
umfangen. Und um diese seine Liebe auf eine ganz augenscheinliche und
wunderbare Weise zu offenbaren, erhob Er unsere Menschennatur zu persönlicher
Einigung mit sich selbst, so daß, wie Maximus von Turin mit schlichter
Einfachheit bemerkt, "in Christus unser eigenes Fleisch uns liebt"
(Serm. XXIX: Migne, P. L. LVII, 594.).
Jene liebevolle Erkenntnis aber, womit uns der göttliche Erlöser
vom ersten Augenblick seiner Menschwerdung an entgegenkam, übertrifft
alles menschliche Bemühen und Begreifen. Denn vermöge jener
seligen Gottschau, deren Er sich sogleich nach der Empfängnis im
Schoße der Gottesmutter erfreute, sind Ihm alle Glieder seines mystischen
Leibes unablässig und jeden Augenblick gegenwärtig und umfängt
Er sie alle mit seiner heilbringenden Liebe. O wunderbare Herablassung
der göttlichen Güte zu uns; o unbegreifliche Tiefe einer Liebe
ohne Grenzen! In der Krippe, am Kreuz, in der ewigen Glorie des Vaters
hat Christus immerdar alle Glieder der Kirche vor Augen und im Herzen,
mit weit größerer Klarheit und Liebe als eine Mutter ihr Kind
auf dem Schoße, als ein jeder sich selbst kennt und liebt.
Aus dem Gesagten wird ersichtlich, Ehrwürdige Brüder, warum
der Apostel Paulus so häufig schreibt, Christus lebe in uns und wir
in Christus. Dafür gibt es aber auch noch einen tieferen Grund: nach
unseren Ausführungen lebt Christus in uns durch seinen Geist, den
Er uns mitteilt, und durch den Er so in uns tätig ist, daß
alle übernatürlichen Wirkungen des Heiligen Geistes in den Seelen
auch Christus zugeschrieben werden müssen (S. Thom., Comm. in Ep.
ad Eph., cap. II, lect. 5.). "Wenn jemand den Geist Christi nicht
hat, sagt der Apostel, gehört er Ihm nicht an. Ist dagegen Christus
in euch ..., so lebt der Geist wegen der Rechtfertigung" (Röm.
8, 9-10.). Dieselbe Mitteilung des Geistes Christi, womit alle Gaben,
Tugenden und Charismen, die im Haupte auf überragende, überreiche
und wirksame Weise wohnen, in alle Glieder der Kirche übergeleitet
und in ihnen, gemäß der Stellung, die sie im mystischen Leibe
Jesu Christi einnehmen, von Tag zu Tag vervollkommnet werden, hat auch
zur Folge, daß die Kirche gleichsam, die Fülle und Ergänzung
des Erlösers ist und Christus in jeder Beziehung in der Kirche gleichsam
Erfüllung findet (S. Thom., Comm. in Ep. ad Eph., cap. I, lect. 8.).
Mit diesen Worten haben Wir den tiefsten Grund berührt, warum nach
der Ansicht des heiligen Augustin, die Wir schon kurz erwähnten,
das mystische Haupt, welches Christus ist, und die Kirche, die hier auf
Erden wie ein zweiter Christus seine Stelle vertritt, den einen neuen
Menschen darstellen, durch den bei der unaufhörlichen Fortsetzung
des Heilswerkes am Kreuze Himmel und Erde verbunden werden: Wir meinen
Christus als Haupt und Leib, den ganzen Christus.
Wir wissen sehr gut, daß das Verständnis und die Erklärung
dieser geheimnisvollen Lehre über unsere Verbindung mit dem göttlichen
Heiland und zumal über das Wohnen des Heiligen Geistes in der Seele
durch mannigfache Schleier gehindert wird und infolge der Schwäche
des forschenden Menschengeistes in ein gewisses Dunkel gehüllt ist.
Aber Wir wissen auch, daß aus dem rechten und eifrigen Studium dieses
Gegenstandes und aus dem Widerstreit und der Erörterung der verschiedenen
Meinungen und Ansichten, sofern solches Forschen sich leiten läßt
von der Liebe zur Wahrheit und von dem schuldigen Gehorsam gegenüber
der Kirche, reiche und kostbare Erkenntnisse ersprießen, durch die
auch in diesen heiligen Wissensgebieten ein wirklicher Fortschritt erzielt
wird. Deshalb machen Wir denen keinen Vorwurf, die verschiedene Wege und
Weisen aufsuchen, um dem erhabenen Geheimnis unserer wundervollen Verbindung
mit Christus näherzukommen und es nach Kräften aufzuhellen.
Um aber dabei nicht von der wahren Lehre und dem rechten Lehramt der Kirche
abzuirren, gelte für alle als gemeinsamer, unumstößlicher
Grundsatz, jede Art von mystischer Vereinigung abzulehnen, wodurch die
Gläubigen irgendwie die Grenzen des Geschöpfes überschreiten
und so verwegen in den Bereich des Göttlichen einzudringen suchen,
daß sie sich auch nur eine einzige Eigenschaft der ewigen Gottheit
gleichsam selbst beilegen. Außerdem sollen alle ohne Schwanken daran
festhalten, daß in diesen Dingen alles, was Gott als letzte Wirkursache
betrifft, der ganzen Heiligsten Dreifaltigkeit zugeschrieben werden muß.
Ferner soll man wohl bedenken, daß es sich hier um ein verborgenes
Geheimnis handelt, das wir während dieser irdischen Verbannung nie
ganz enthüllt durchschauen und in menschlicher Sprache ausdrücken
können. Man spricht von einer Einwohnung der göttlichen Personen,
insofern sie in den geschaffenen, vernunftbegabten Lebewesen auf unerforschliche
Weise zugegen sind und den Gegenstand ihrer Erkenntnis und Liebe bilden
(S. Thom., I, q. 43, a. 3.); jedoch auf eine Weise, die alle geschöpfliche
Fähigkeit übersteigt und tief innerlich und einzigartig ist.
Wollen wir sie uns wenigstens in etwa nahebringen, so dürfen wir
die vom Vatikanischen Konzil (Sess. 3, Const. de fid. cath., cap.4.) für
solche Dinge dringend empfohlene Anweisung nicht außer acht lassen.
Sie besteht darin, daß wir beim Bemühen um eine wenn auch noch
so geringe Vermehrung unserer Erkenntnis göttlicher Geheimnisse,
diese untereinander und mit dem höchsten Ziel, auf das sie hingeordnet
sind, vergleichen sollen. Mit Recht wendet also Unser weiser, unvergeßlicher
Vorgänger Leo XIII., da er von unserer Verbindung mit Christus und
über den uns innewohnenden göttlichen Tröster spricht,
die Augen zu jener beseligenden Schau, in der einst im Himmel diese mystische
Verbindung ihren Abschluß und ihre Vollendung finden wird. "Diese
wunderbare Vereinigung, sagt er, die man Einwohnung nennt, ist nur quantitativ,
d. h. dem Grade nach von jener verschieden, in der Gott die Himmelsbewohner
beseligend umfängt" (Divinum illud: A. S. S" XXIX, p. 653.).
In jener Schau wird es uns auf ganz unsagbare Weise gestattet sein, den
Vater, den Sohn und den Heiligen Geist mit den durch das Glorienlicht
geschärften Augen des Geistes zu betrachten, die Ausgänge der
göttlichen Personen durch alle Ewigkeit hindurch aus nächster
Nähe mitzuerleben und ein Glück zu verkosten, jenem ähnlich,
wodurch die allerheiligste und ungeteilte Dreifaltigkeit selig ist.
Was Wir bisher über die enge Verbindung des mystischen Leibes Jesu
Christi mit seinem Haupte dargelegt haben, würde Uns indes unvollkommen
scheinen, wenn Wir hier nicht wenigstens einiges hinzufügten über
die hochheilige Eucharistie, wodurch jene Vereinigung in diesem sterblichen
Leben gleichsam zu ihrem Gipfelpunkt geführt wird.
Christus der Herr wollte nämlich, daß die wunderbare, nie
genug gepriesene Verbindung zwischen uns und unserem göttlichen Haupte
durch das eucharistische Opfer den Gläubigen in besonderer Weise
offenbar werde. Dabei vertreten nämlich die Priester nicht nur die
Stelle unseres Heilandes, sondern auch die des ganzen mystischen Leibes
und der einzelnen Gläubigen. Ebenso bringen aber auch die Gläubigen
selbst das unbefleckte Opfer, das einzig durch des Priesters Wort auf
dem Altare zugegen ward, durch die Hände desselben Priesters in betender
Gemeinschaft mit ihm dem Ewigen Vater dar als ein wohlgefälliges
Lob und Sühneopfer für die Anliegen der ganzen Kirche. Und so
wie der göttliche Erlöser sterbend am Kreuze sich selbst als
Haupt des ganzen Menschengeschlechtes dem Ewigen Vater zum Opfer brachte,
so opfert Er in dieser "reinen Opfergabe" (Mal. 1, 11.) nicht
nur sich selbst als Haupt der Kirche dem himmlischen Vater, sondern in
sich selbst auch seine mystischen Glieder, die Er ja alle, mögen
sie auch schwach und krank sein, liebevoll in sein Herz geschlossen hat.
Das Sakrament der heiligen Eucharistie aber, das ein lebendiges und wunderbares
Bild der Einheit der Kirche ist - da ja das zur Verwandlung bestimmte
Brot aus vielen Körnern eins wird (Didache 9, 4.) - schenkt uns den
Urheber der übernatürlichen Gnade selbst, damit wir aus Ihm
jenen Geist der Liebe schöpfen, der uns antreibt, nicht mehr unser
eigenes, sondern Christi Leben zu fuhren, und in allen Gliedern seines
gesellschaftlichen Leibes den Erlöser selbst zu lieben.
Gibt es bei den traurigen Zeitverhältnissen, unter denen wir gegenwärtig
leiden, viele, die Christus dem Herrn, verborgen unter den Schleiern der
heiligen Eucharistie, derart anhangen, daß weder Trübsal noch
Angst, weder Hunger noch Blöße, weder Gefahr noch Verfolgung
und Schwert sie zu trennen vermöchten von seiner Liebe (Röm.
8, 35.), so kann ohne Zweifel das heilige Gastmahl, das nicht ohne göttliche
Fügung in unserer Zeit von Kindheit auf wieder häufiger empfangen
wird, die Quelle jener Seelenstärke werden, die nicht selten in der
Christenheit auch Helden zu erwecken und zu erhalten vermag.
Das sind die Lehren, Ehrwürdige Brüder, die die Gläubigen
recht erkennen und fRömm und treu festhalten sollen. Dann können
sie sich auch leicht vor jenen Irrtümern hüten, die von mancher
Seite infolge einer willkürlichen Erforschung dieses schwierigen
Gegenstandes nicht ohne große Gefahr für den katholischen Glauben
und große Verwirrung der Seelen erwachsen.
Manche bedenken zu wenig, daß der Apostel Paulus nur bildlich über
diesen Gegenstand gesprochen hat; unterlassen die so notwendige Unterscheidung
zwischen physischem, moralischem und mystischem Leib und bringen so einen
ganz verkehrten Begriff von Einheit auf. Sie lassen nämlich den göttlichen
Erlöser und die Glieder der Kirche zu einer einzigen physischen Person
zusammenwachsen; und während sie den Menschen göttliche Attribute
beilegen, unterwerfen sie Christus den Herrn dem Irrtum und der menschlichen
Neigung zum Bösen. Solch irreführende Lehre steht in vollem
Widerspruch zum katholischen Glauben, zur Überlieferung der Väter
und ebenso zur Ansicht und zum Geist des Völkerapostels. Er weiß
zwar um die wunderbar innige Verbindung Christi mit seinem mystischen
Leib, aber er stellt sie dennoch wie Braut und Bräutigam einander
gegenüber (Eph. 5, 22-23.).
Nicht weniger entfernt sich von der Wahrheit der gefährliche Irrtum
derer, die aus unserer geheimnisvollen Verbindung mit Christus einen ungesunden
Quietismus herleiten wollen. Danach wird das ganze geistliche Leben der
Christen und ihr Fortschritt in der Tugend nur der Wirksamkeit des Heiligen
Geistes zugeschrieben unter völliger Verkennung und Beiseitelassung
der persönlichen Mitwirkung, die wir Ihm schulden. Gewiß kann
keiner leugnen, daß der Heilige Geist Jesu Christi die einzige Quelle
ist, aus der alles übernatürliche Leben in die Kirche und ihre
Glieder herabfließt. Denn die "Gnade und Glorie verleiht der
Herr" (Ps., 83,12.), sagt der Psalmist. Daß aber die Menschen
beständig in den Werken der Heiligkeit verharren, daß sie unverdrossen
in der Gnade und Tugend voranschreiten, daß sie selbst mannhaft
zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit emporstreben und auch andere
nach Kräften dazu anspornen, das alles will der Geist Gottes nur
dann wirken, wenn die Menschen selbst durch tägliches, tatkräftiges
Bemühen ihren Teil dazu beitragen. "Nicht den Schlafenden",
sagt der heilige Ambrosius, "sondern den Eifrigen werden die göttlichen
Wohltaten gespendet" (Expos. Evang. sec. Lk. 4, 49: Migne, P. L.
XV, 1626.). Wenn nämlich schon in unserem sterblichen Leib die Glieder
nur bei ständiger Übung gesund und kräftig bleiben, so
gilt das noch in viel höherem Grad vom gesellschaftlichen Leib Jesu
Christi, in dem ja die einzelnen Glieder alle ihre persönliche Freiheit
und Verantwortlichkeit behalten. Deswegen konnte auch derselbe, der das
Wort aussprach: "Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus
lebt in mir" (Gal. 2, 20.), ohne Zögern behaupten: "Seine
(d. h. Gottes) Gnade ist in mir nicht unwirksam geblieben, sondern ich
habe mich mehr gemüht als sie alle; doch nicht ich, sondern die Gnade
Gottes mit mir" (1. Kor. 15, 10.). Es ist demnach klar, daß
durch jene falschen Lehren das Geheimnis, von dem Wir handeln, nicht dem
geistlichen Fortschritt der Gläubigen, sondern in beklagenswerter
Weise ihrem Verderben dienstbar gemacht wird.
Dasselbe geschieht auch durch die falschen Anschauungen jener, die behaupten,
man dürfe die häufige Beichte der läßlichen Sünden
nicht so hoch einschätzen; das allgemeine Sündenbekenntnis,
das die Braut Christi Tag für Tag zusammen mit den ihr im Herrn vereinten
Kindern durch die Priester am Fuß des Altares ablege, sei ihr vorzuziehen.
Gewiß können solche Sünden, wie euch bekannt ist, Ehrwürdige
Brüder, auf mannigfache, höchst lobenswerte Weise gesühnt
werden. Aber zum täglich eifrigeren Fortschritt auf dem Wege der
Tugend möchten Wir angelegentlichst den fRömmen Brauch der häufigen
Beichte empfohlen wissen, der nicht ohne den Antrieb des Heiligen Geistes
in der Kirche eingeführt wurde. Wird doch durch ihn die Selbsterkenntnis
gefördert, die christliche Demut vertieft, die sittliche Schwäche
an der Wurzel gefaßt, die geistliche Nachlässigkeit und Lauheit
bekämpft, das Gewissen gereinigt, der Wille gestärkt, eine heilsame
Seelenleitung ermöglicht und kraft des Sakramentes die Gnade vermehrt.
Mögen also die, welche in den Reihen des jüngeren Klerus die
Hochschätzung der häufigen Beichte zu verringern und herabzusetzen
suchen, wohl bedenken, daß sie eine Sache betreiben, die dem Geiste
Christi fremd und für den mystischen Leib unseres Heilandes ein Unsegen
ist.
Manche sprechen auch unseren Gebeten alle wirkliche Kraft ab oder suchen
andern die Meinung beizubringen, die privaten Gebete hätten vor Gott
geringe Bedeutung; vielmehr komme den öffentlichen, im Namen der
Kirche verrichteten Gebeten der wahre Wert zu, weil sie vom mystischen
Leibe Jesu Christi ausgehen. Das ist durchaus nicht richtig. Der göttliche
Erlöser steht nicht nur in der engsten Lebensgemeinschaft mit seiner
Kirche als der vielgeliebten Braut, sondern in ihr ist Er, auch aufs innigste
vereint mit der Seele jedes einzelnen Gläubigen und sehnt sich danach,
vor allem nach der heiligen Kommunion, traute Zwiesprache mit ihr zu führen.
Obgleich das öffentliche Gebet, da es von der Mutter Kirche selbst
verrichtet wird, wegen der Würde der Braut Christi jedes andere übertrifft,
so entbehren doch auch alle ändern, selbst die ganz privaten Gebete,
nicht der Würde und Kraft. Sie tragen sogar viel bei zum Nutzen des
ganzen mystischen Leibes. Denn in ihm wird kein gutes Werk, kein Tugendakt
von einzelnen Gliedern vollbracht, der nicht infolge der Gemeinschaft
der Heiligen auch der Gesamtheit zugute käme. Es ist den einzelnen
Menschen auch nicht verwehrt, deswegen, weil sie Glieder dieses Leibes
sind, besondere, auch rein zeitliche Gaben, für sich selbst zu erbitten,
wenn dabei nur die demütige Unterwerfung unter den Willen Gottes
gewahrt wird: sie bleiben ja selbständige Personen und ihren persönlichen
Bedürfnissen unterworfen (S. Thom. II-II, q. 83, a. 5 et 6.). Welche
Hochschätzung endlich alle der Betrachtung himmlischer Wahrheiten
entgegenbringen sollen, geht aus den amtlichen Äußerungen der
Kirche sowie aus der Übung und dem Vorbild aller Heiligen hervor.
Schließlich kann man auch der Auffassung begegnen, wir dürften
unsere Gebete nicht unmittelbar an die Person Jesu Christi richten; sie
müßten sich vielmehr durch Christus an den ewigen Vater wenden,
da unser Heiland als Haupt seines mystischen Leibes nur als "der
Mittler zwischen Gott und den Menschen" (1. Tim. 2, 5.) angesehen
werden dürfe. Aber eine solche Behauptung widerspricht nicht nur
dem Geist der Kirche und der Gewohnheit der Gläubigen, sondern widerstreitet
auch der Wahrheit. Christus ist nämlich, um uns ganz klar zu fassen,
mit beiden Naturen zugleich das Haupt der ganzen Kirche (S. Thom., De
Veritate, q. 29, a. 4, c.); und im übrigen hat Er auch selbst feierlich
erklärt: "Wenn ihr Mich um etwas in meinem Namen bitten werdet,
werde Ich es tun" (Joh. 14, 14.). Zwar werden, zumal beim heiligen
Meßopfer, wo Christus zugleich Opferpriester und Opferlamm ist und
so in besonderer Weise das Mittleramt ausübt, die Gebete meist durch
seinen eingeborenen Sohn an den ewigen Vater gerichtet. Doch auch hier,
selbst bei der heiligen Opferhandlung, wendet sich nicht selten das Gebet
auch an den göttlichen Erlöser. Es sollte doch allen Christen
bekannt und selbstverständlich sein, daß der Mensch Jesus Christus
zugleich Gottes Sohn und Gott selber ist. Und so antwortet gewissermaßen
die streitende Kirche, wenn sie das makellose Lamm und die konsekrierte
Hostie anbetet und anfleht, auf die Stimme der triumphierenden Kirche,
die nicht aufhört zu singen: "Dem, der auf dem Throne sitzt,
und dem Lamme sei Preis und Ehre und Herrlichkeit und Macht von Ewigkeit
zu Ewigkeit!" (Offb. 5, 13.).
Wir haben bisher, Ehrwürdige Brüder, in Erklärung des
Geheimnisses, das unser aller verborgene Verbindung mit Christus in sich
begreift, als Lehrer der gesamten Kirche den Geist mit dem Lichte der
Wahrheit erleuchtet. Nunmehr halten Wir es noch für die Pflicht Unseres
Hirtenamtes, auch das Herz zu jener innigen Liebe zum mystischen Leibe
Christi anzuregen, die sich nicht nur im Denken und Reden, sondern auch
im Handeln äußert. Schon die Mitglieder des Alten Bundes haben
ihre irdische heilige Stadt mit dem Psalm besungen: "Sollte ich dein
vergessen, Jerusalem, dann soll man meine rechte Hand vergessen! Meine
Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich deiner nimmer gedenke; wenn
ich nimmer Jerusalem als meine vorzüglichste Freude betrachte!"
(Ps., 136, 5-6.). Mit wie viel größerem Stolz und lebendigerer
Freude müssen wir darüber frohlocken, daß wir wohnen dürfen
in der Stadt, gebaut auf den heiligen Höhen, aus lebendigen und auserwählten
Quadern, "auf dem hehren Eckstein, der Christus Jesus selber ist!"
(Eph. 2, 20; 1. Petr. 2, 4-5.). Nichts Ehrenvolleres, nichts Erhabeneres,
nichts Ruhmreicheres kann je erdacht werden, als anzugehören der
heiligen, katholischen, apostolischen, römischen Kirche, durch die
wir Glieder an dem gleichen verehrungswürdigen Leib werden, von dem
einen erhabenen Haupt geleitet, von dem gleichen göttlichen Geist
durchdrungen, von derselben Lehre und demselben Brot der Engel in dieser
Erdenverbannung gestärkt, bis wir dereinst auch dasselbe ewige Glück
im Himmel genießen dürfen.
Um jedoch nicht vom Engel der Finsternis, der sich in einen Engel des
Lichtes (2. Kor. 11, 14.) kleidet, betrogen zu werden, sei oberstes Gesetz
unserer Liebe: Christi Braut so zu lieben, wie Christus sie liebte und
mit seinem Blute erkaufte. Teuer sollen uns daher die Sakramente sein,
womit die gute Mutter Kirche uns stärkt; die Feiern, womit sie uns
tröstet und erfreut, die heiligen Lieder und liturgischen Bräuche,
womit sie unser Herz himmelwärts lenkt; teuer aber auch die Sakramentalien
und jene verschiedenen Übungen der Frömmigkeit, womit sie die
Herzen der Gläubigen liebevoll mit dem Geist Christi durchdringt
und erhebt. Wie es unsere Kindespflicht ist, ihre mütterliche Liebe
zu uns anzuerkennen, so noch mehr, die ihr von Christus verliehene Autorität
zu verehren, die unseren Verstand für den Gehorsam gegen Christus
(2. Kor. 10, 5.) gefangennimmt. Kraft dessen sind wir gehalten, ihren
Gesetzen und ihren sittlichen Vorschriften zu gehorchen, die bisweilen
unsere gefallene Natur hart empfindet; sind wir gemahnt, den Widerstand
des Leibes, den wir tragen, durch freiwillige Abtötung zu beugen,
ja zuweilen uns selbst erlaubter Freuden zu enthalten. Es genügt
ferner nicht, diesen mystischen Leib nur insoweit zu lieben, als er durch
sein göttliches Haupt und seine himmlischen Gaben sich auszeichnet.
Wir müssen ihm auch in der sterblichen Erscheinung unseres Fleisches
unsere tatfreudige Liebe zollen, in seinen menschlich schwachen Bestandteilen,
auch wenn diese bisweilen weniger der Stellung entsprechen, die sie in
dem verehrungswürdigen Leib einnehmen.
Damit solch zuverlässige und unverfälschte Liebe in unserem
Herzen Platz greife und täglich wachse, müssen wir uns angewöhnen,
in der Kirche Christus selbst zu erblicken. Denn Christus ist es, der
in seiner Kirche lebt, der durch sie Lehre, Leitung und Heiligung spendet.
Christus ist es auch, der sich auf verschiedene Weise in den verschiedenen
Gliedern seiner Gemeinschaft darstellt. Wo dies Streben nach lebendigem
Glaubensgeist wirklich das Handeln aller Christgläubigen bestimmt,
da werden sie gewiß nicht allein den hervorragenderen Gliedern des
mystischen Leibes Ehre und gebührenden Gehorsam entgegenbringen,
zumal denen, welche im Auftrag des göttlichen Hauptes einmal Rechenschaft
abzulegen haben über unsere Seelen (Hebr. 13, 17.); sie werden auch
um jene sich kümmern, denen die besondere Liebe unseres Erlösers
galt: den Schwachen, Verwundeten und Kranken, ob sie natürlicher
oder übernatürlicher Heilung bedürfen; den Kindern, deren
Unschuld heute so leicht gefährdet, deren kleine Seele wie Wachs
formbar ist; den Armen endlich, in denen unsere helfende Liebe mit innigem
Mitleid die Person Jesu Christi selber erkennen soll.
So mahnt ja der Apostel mit vollem Recht: "Viel notwendiger sind
jene Glieder des Leibes, die als die schwächeren erscheinen; und
die, welche wir für die weniger achtunggebietenden ansehen, umkleiden
wir mit reicherem Schmuck" (1. Kor. 12, 22-23.). Im Bewußtsein
der Uns auferlegten hohen Amtspflicht glauben Wir diesen ernsten Satz
heute erneut betonen zu müssen. Mit großem Schmerz erleben
Wir es, wie körperlich Mißgestaltete, Geistesgestörte
und Erbkranke als Last der Gesellschaft zuweilen ihres Lebens beraubt
werden; ja wie dies von manchen als neue Erfindung menschlichen Fortschritts
und überaus gemeinnützige Tat gepriesen wird. Doch welcher rechtlich
Denkende sieht nicht, daß solche Auffassung nicht minder dem natürlichen
und dem göttlichen, allen Herzen eingeschriebenen Gesetz (Decret.
S. Officii, 2 Dec. 1940: A.A. S., 1940, p. 553.), als dem Empfinden jedweder
höheren Menschlichkeit Hohn spricht? Das Blut derer, die unserem
Erlöser gerade deswegen teurer sind, weil sie größeres
Erbarmen verdienen, "schreit von der Erde zum Himmel" (Gen.
4, 10.).
Damit aber jene echte Liebe, womit wir in der Kirche und ihren Gliedern
unseren Erlöser erblicken müssen, nicht allmählich erlahme,
ist es eine große Hilfe, wenn wir auf Jesus selbst als höchstes
Vorbild der Liebe zur Kirche schauen.
In erster Linie wollen wir die Weite seiner Liebe nachahmen. Gewiß
ist die Braut Christi nur eine: die Kirche. Doch die Liebe des göttlichen
Bräutigams ist so weit, daß sie niemanden ausschließt
und in der einen Braut das ganze Menschengeschlecht umfaßt. Aus
diesem Grund hat unser Erlöser sein Blut vergossen, um alle Menschen,
so verschieden sie durch Abstammung und Volkszugehörigkeit sein mögen,
in seinem Kreuz mit Gott zu versöhnen und in einem Leibe zu einigen.
Wahre Liebe zur Kirche fordert darum nicht nur von uns, daß wir
als Glieder desselben Leines füreinander einstehen (Gen. 4, 10.),
uns freuen sollen, wenn ein anderes Glied Ehre erfährt, und mit seinen
Schmerz (1. Kor. 12, 26.) mitleiden sollen, sondern daß wir zugleich
die Menschen, die noch nicht im Leibe der Kirche mit uns vereint sind,
als Christi Brüder dem Fleische nach betrachten sollen, die gleich
uns zu demselben ewigen Heil berufen sind. Leider gibt es heute mehr denn
je Menschen, die mit Feindschaft, Haß und Mißgunst hochmütig
prahlen, als sei dies eine gewaltige Steigerung menschlicher Ehre und
menschlicher Kraft. Wir sehen mit Schmerz die unheilvollen Früchte
solcher Grundsätze vor uns. Laßt uns darum unserem Friedensfürsten
folgen, der uns lehrte, nicht nur die zu lieben, die aus anderem Volk
und Blut stammen als wir (Lk. 10, 33-37.), sondern selbst unsere Feinde
(Lk. 6, 27-35; Mt. 5, 44-48.). Wir wollen, von der tröstlichen Überzeugung
des Völkerapostels tief durchdrungen, mit ihm die Höhe und die
Breite, die Erhabenheit und Tiefe der Liebe Christi besingen (Eph. 3,
18.). Sie kann keine Verschiedenheit des Stammes und der Sitten schmälern,
kein Ozean mit seinen gewaltigen Fluten hemmen, kein Krieg auflösen,
sei er aus gerechtem oder ungerechtem Grund begonnen.
In dieser schweren Stunde, Ehrwürdige Bruder, in der soviel Schmerz
den Körper, soviel Traurigkeit die Seele durchwühlt, müssen
alle zu solch übernatürlicher Liebe aufgerufen werden. Die Kräfte
aller Gutgesinnten - Wir denken besonders an jene, die in den verschiedensten
Vereinigungen der Linderung der Not sich widmen - sollen sich verbinden,
um in herrlichem Wetteifer von Güte und Erbarmen Abhilfe zu schaffen
in so gewaltiger leiblicher und seelischer Not. So soll allüberall
die wohltätige Weite und unerschöpfliche Segensfülle des
mystischen Leibes Christi aufstrahlen.
Der Weite der Liebe, womit Christus die Kirche umfing, entspricht deren
ausdauernde Tatkraft, womit denn auch wir alle eifrig und beharrlich bemüht
sein sollen, den mystischen Leib Christi zu umhegen. Es gab im Leben unseres
Erlösers keine Stunde von der Menschwerdung an, womit er den Grund
zu seiner Kirche legte bis zum Ende seines sterblichen Lebens, worin er
nicht um die Formung und Vollendung seiner Kirche bis zur Ermattung, obgleich
Gottes Sohn, bemüht war mit dem strahlenden Vorbild seiner Heiligkeit,
in Predigten, Zwiegesprächen, Berufungen, Bestimmungen. Es ist darum
Unser Wunsch, es möchten alle, die in der Kirche ihre Mutter erkennen,
eifrig erwägen, daß tatkräftige Mitarbeit zum Auferbauen
und zum Wachstum des mystischen Leibes Jesu Christi nach dem Maß
ihrer Stellung Pflicht aller Glieder ist, nicht bloß der Diener
des Heiligtums und jener, die sich Gott ganz im religiösen Leben
geweiht haben. Wir erwarten, daß dies ganz besonders jene beachten,
wie sie es ja schon lobenswerterweise tun, die in den Kampfscharen der
Katholischen Aktion den Bischöfen und Priestern im apostolischen
Amt ihre Mithilfe leihen, und jene, die zum gleichen Zweck in fRömmen
Vereinigungen mitwirken. Wie bedeutungsvoll und wichtig ihrer aller tüchtige
Mitarbeit in der gegenwärtigen Lage ist, sieht jeder.
Wir dürfen an dieser Stelle nicht schweigen von den Familienvätern
und -müttern, denen unser Erlöser die zartesten Glieder seines
mystischen Leibes anvertraut hat. Um ihrer Liebe zu Christus und zur Kirche
willen bitten Wir sie innig, mit größter Sorgfalt über
die ihnen zu treuen Händen übergebenen Kinder zu wachen und
sie vor den mannigfachen Tücken, denen sie heute so leicht zum Opfer
fallen, zu bewahren.
In besonderer Weise aber hat unser Heiland seine glühende Liebe
zur Kirche durch die innigen Gebete geoffenbart, die Er an den himmlischen
Vater für sie richtete. Wie allen bekannt ist, Ehrwürdige Brüder,
- um nur einiges in Erinnerung zu rufen - betete Er kurz vor dem Kreuzestod
aus ganzem Herzen für Petrus (Lk. 22, 32.), für die übrigen
Apostel (Joh.17,9-19.) und dann für alle, die durch die Predigt des
göttlichen Wortes an Ihn glauben würden (Joh.17,20-23.).
Laßt uns darum in Nachahmung des Beispiels Christi täglich
zum Herrn der Ernte flehen. Er wolle Arbeiter senden in seine Ernte (Mt.
9, 38; Lk. 10, 2.). Täglich sollen unsere vereinten Bitten zum Himmel
emporsteigen, um Gott alle Glieder des mystischen Leibes Jesu Christi
zu empfehlen, vor allem die Bischöfe, denen die Seelsorge über
ihre Diözese anvertraut ist; sodann die Priester und Ordensleute,
die, zum "Anteil des Herrn" berufen, in der Heimat und im Heidenland
das Reich des göttlichen Erlösers schützen, mehren und
fördern. Kein Glied des verehrungswürdigen Leibes Christi wollen
wir in unserem gemeinsamen Beten vergessen. Auch jener laßt uns
innig gedenken, die die Last der irdischen Verbannung besonders schmerzlich
empfinden, oder die, aus diesem Leben geschieden, im läuternden Feuer
gereinigt werden; schließlich derer, die in die Lehre Christi erst
eingeführt werden, damit sie möglichst bald im Wasser der Taufe
Erlösung finden.
Wir wünschen ferner sehnlichst, dieses gemeinsame Beten möge
mit heißer Liebe auf die sich ausdehnen, die entweder von der Wahrheit
des Evangeliums noch nicht erleuchtet und in die sichere Hürde der
Kirche noch nicht eingetreten sind, oder welche von Uns, die Wir ohne
Unser Verdienst die Stelle Jesu Christi hier auf Erden vertreten, durch
unglückselige Spaltung im Glauben und in der Einheit getrennt sind.
Laßt uns für sie das göttliche Gebet unseres Heilandes
zum Vater im Himmel wiederholen: "Auf daß alle eins sein mögen,
wie Du, Vater, in mir und ich in Dir, daß auch sie in Uns eins seien,
damit die Welt glaube, daß Du mich gesandt hast" (Joh. 17,
21.).
Wie euch sicher bekannt ist, Ehrwürdige Brüder, haben Wir von
Anfang Unseres Pontifikates an auch sie, die nicht zur sichtbaren Gemeinschaft
der katholischen Kirche gehören, Gottes Schutz und Leitung empfohlen
und feierlich versichert, daß Uns in Nachahmung des Beispiels des
guten Hirten nichts mehr am Herzen liegt, als daß auch sie das Leben
haben und es in Fülle besitzen (Pius XII. Summi Pontificatus: A.
A. S., 1939, p. 419.). Wir wünschen diese Unsere feierliche Versicherung
durch diese Enzyklika, die der Ehre "des großen und glorreichen
Leibes Christi" (Iren., Adv. Haer., IV, 33, 7: Migne, P. G. VII,
1076.) geweiht ist, zu wiederholen, nachdem Wir soeben um die Gebete der
ganzen Kirche nachgesucht haben. Alle jene und jeden einzelnen von ihnen
laden Wir mit liebendem Herzen ein, den inneren Antrieben der göttlichen
Gnade freiwillig und freudig zu entsprechen und sich aus einer Lage zu
befreien, in der sie des eigenen ewigen Heiles nicht sicher sein können
(Pius IX, lam vos omnes, 13 Sept. 1868: Act. Conc. Vat., C. L. VII, 10.).
Denn mögen sie auch aus einem unbewußten Sehnen und Wünschen
heraus schon in einer Beziehung stehen zum mystischen Leib des Erlösers,
so entbehren sie doch so vieler wirksamen göttlichen Gaben und Hilfen,
deren man sich nur in der katholischen Kirche erfreuen kann. Möchten
sie also eintreten in den Kreis der katholischen Einheit und alle, mit
uns in der gleichen Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi geeint, an das
eine Haupt sich wenden in ruhmreicher Liebesverbundenheit (Gelas. I, Epist.
XIV: Migne, P. L. LIX, 89.). In unablässigem Flehen zum Geiste der
Liebe und der Wahrheit erwarten Wir sie mit ausgebreiteten Armen, nicht
als Fremde, sondern als solche, die in ihr eigenes Vaterhaus heimkehren.
Doch wenn es auch Unser Wunsch ist, es möchte unaufhörlich
dies Gemeinschaftsgebet des ganzen mystischen Leibes um möglichst
baldigen Eintritt aller Irrenden in die eine Hürde Jesu Christi zu
Gott emporsteigen, so müssen Wir doch betonen, daß solch ein
Schritt aus freiem Willensentschluß geschehen muß, da niemand
glauben kann, der es nicht freiwillig tut (August., In Joh. Ev. tract.,
XXVI, 2: Migne, P. L. XXX, 1607.). Sollten also Menschen, die nicht glauben,
wirklich zum Eintritt in den äußerlichen Bau der Kirche, zum
Hintreten an den Altar und zum Empfang der Sakramente genötigt werden,
so können dies gewiß keine wahren Christgläubigen sein
(August., Ibidem.). Denn der Glaube, ohne den man Gott unmöglich
gefallen kann (Hebr. 11, 6.), muß eine völlig freie "Hingabe
des Verstandes und Willens" (Conc. Vat., Const. de fide cath., cap.
3.) sein. Sollte daher einmal der Fall eintreten, daß jemand gegen
die beständige Lehre dieses apostolischen Stuhles (Leo XIII, Immortale
Dei: A. S. S., XVIII, pp. 174-175; Cod. lur. Can., c. 1351.) wider seinen
Willen zum katholischen Glauben gezwungen würde, so müssen Wir
dies im Bewußtsein Unserer Amtspflicht unbedingt zurückweisen.
Weil aber die Menschen einen freien Willen haben und ihre Freiheit infolge
ihrer verkehrten Neigungen und Leidenschaften auch mißbrauchen können,
kann nur der Vater der Erleuchtung sie durch den Geist seines geliebten
Sohnes wirksam zur Wahrheit bewegen. Wenn also bedauerlicherweise so viele
Menschen noch außerhalb der Wahrheit des katholischen Glaubens stehen
und dem Walten der göttlichen Gnade ihre Freiheit nicht unterwerfen,
so hat dies seinen Grund nicht nur darin, daß sie selbst (August.,
Ibidem.), sondern auch darin, daß die Christgläubigen keine
glühenderen Gebete um diese Gnade an Gott richten. Stets aufs neue
wiederholen Wir darum Unsere Mahnung, daß alle in brennender Liebe
zur Kirche und nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes solche
Gebete beharrlich verrichten.
Aber auch dies ist, zumal in der heutigen Zeitlage angebracht, ja notwendig,
daß für Könige und Fürsten und für alle Regierenden,
die durch ihren Schutz von außen der Kirche beistehen können,
innig gebetet wird, damit nach Herstellung einer gerechten Ordnung "der
Friede als Werk der Gerechtigkeit" (Jes. 32, 17.) von Gottes Liebe
beseelt aus den trüben Fluten der Unwetter der müden Menschheit
sich zeige und die liebevolle Mutter Kirche ein friedliches und ruhiges
Leben führen könne in aller Frömmigkeit und Reinheit (1.
Tim. 2, 2.). Man muß vor Gott darum anhalten, daß doch alle
Lenker der Völker die Weisheit lieben möchten (Sap. 6,23.),
so daß sie nie das furchtbare Urteil des Heiligen Geistes treffe:
"Fragen wird der Allerhöchste nach euern Werken, und eure Gedanken
wird Er verhören, weil ihr als Walter seiner Gewalt ungerecht geurteilt,
die Satzung der Gerechtigkeit nicht beobachtet habt, nach Gottes Willen
nicht gewandelt seid. Schrecklich und überraschend wird Er vor euch
stehen; denn das härteste Gericht ergeht über die Obrigkeiten.
Dem kleinen Mann wird Erbarmen zuteil, die Gewalthaber indes werden gewaltig
geschlagen. Gott schont keinen ob seines Ranges, Er fürchtet sich
vor keiner Größe. Den Kleinen und den Großen, Er hat
sie beide gemacht und gleicherweise auf alle erstreckt sich seine Sorge;
doch den Stärkeren droht größere Strafe. Euch, ihr Regenten,
gilt dieses mein Wort, daß ihr Weisheit lernet und nie sie mißachtet!"
(Ibidem, 6, 4-10.).
Christus der Herr hat seine Liebe zu seiner unberührten Braut jedoch
nicht allein durch unermüdliches Wirken und beharrliches Beten geoffenbart,
sondern auch durch die Leiden und Qualen, die Er aus freiwilliger Liebe
für sie auf sich nahm. "Da Er die Seinen liebte ... liebte Er
sie bis ans Ende" (Joh. 13, 1.). Nur durch sein Blut hat Er sich
die Kirche erkauft (Apg. 20, 28.). So laßt uns, wie es die Sicherstellung
unseres Heiles verlangt, frei den blutigen Spuren unseres Königs
folgen: "denn wenn wir zur Ähnlichkeit mit Seinem Tode verwachsen
sind, werden wir es zugleich mit seiner Auferstehung sein" (Röm.
6, 5.), und "wenn wir mitgestorben sind, werden wir auch mitleben"
(2. Tim. 2, 11.). Dies heischt von uns zugleich eine echte und tätige
Liebe zur Kirche und zu den Seelen, die sie für Christus gebiert.
Zwar hat unser Heiland seiner Kirche durch das bittere Leiden und den
bitteren Tod einen geradezu unendlichen Schatz von Gnaden verdient. Doch
diese Gnaden werden uns nach Gottes weisem Rat nur zu Teilen zugedacht;
ihre gößere oder geringere Fülle hängt nicht wenig
auch von unseren guten Werken ab, durch die der von Gottes Huld gespendete
Gnadenregen auf die Seelen der Menschen herabgezogen wird. Er wird sicherlich
in reicher Fülle strömen, wenn wir nicht nur eifrig zu Gott
beten und besonders am heiligen Meßopfer womöglich täglich
andächtig teilnehmen, nicht nur in christlicher Liebespflicht die
Not so vieler Bedürftigen zu lindern versuchen, sondern vor allem,
wenn wir den vergänglichen Gütern dieser Welt die ewigen vorziehen;
wenn wir diesen sterblichen Leib durch freiwillige Buße in Zucht
halten, ihm Unerlaubtes versagen und auch Hartes und Rauhes ihm abfordern;
wenn wir endlich die Mühen und Leiden des gegenwärtigen Lebens
wie aus Gottes Hand ergeben annehmen. So werden wir gemäß dem
Wort des Apostels "an unserem Fleische ergänzen, was an dem
Leiden Christi noch fehlt für seinen Leib, die Kirche" (Kol.
1, 24.).
Während wir dies schreiben, steht vor Unseren Augen eine fast unendliche
Schar von Bedrängten, deren Schmerz Wir innig mitfühlen. Es
sind die Kranken, die Armen, die Krüppel, die Witwen und Waisen,
und viele, die am eigenen Leid oder an dem der Ihrigen oft bis zur Erschöpfung
tragen. Sie alle ermuntern Wir mit der Liebe eines Vaters, was immer der
Grund ihrer Leiden und Drangsale sein mag, sie mögen voll Vertrauen
emporblicken zum Himmel und ihre Not dem darbringen, der ihnen einst reichen
Lohn dafür spenden wird. Mögen alle sich erinnern, daß
ihr Dulden nicht eitel ist, sondern ihnen selbst und der Kirche zugleich
großen Segen bringt, wenn sie es in solcher Absicht gelassen auf
sich nehmen. Zur größeren Wirksamkeit dieser Absicht trägt
sicherlich ungemein viel die täglich erneuerte Selbsthingabe an Gott
bei, wie sie die Mitglieder jener fRömmen Vereinigung üben,
die unter dem Namen Gebetsapostolat bekannt ist. Wir legen Wert darauf,
den Gott so wohlgefälligen Bund in diesem Zusammenhang herzlich zu
empfehlen.
Sollen wir schon zu jeder Zeit um des Heiles der Seelen willen unsere
Leiden mit denen des göttlichen Erlösers vereinen, so muß
dies heute, Ehrwürdige Brüder, allen ein Gebot sein, indes die
furchtbare Kriegsfackel fast den ganzen Erdkreis in Brand steckt und soviel
Tod, Elend und Not schafft. Ebenso muß es heute in besonderer Weise
für alle ein Gebot der Stunde sein, sich der Laster, der Verführungen
der Welt und der körperlichen Ausschweifungen zu enthalten; ja selbst
von allem irdischen Tand, dem keinerlei Bedeutung für die christliche
Formung der Seele und für unser himmlisches Endziel zukommt. Vielmehr
müssen wir das ernste Wort Unseres unsterblichen Vorgängers
Leo des Großen einprägen, daß wir durch die Taufe zum
Fleisch des Gekreuzigten wurden (Serm. LXIII, 6; LXVI, 3: Migne, P. L.
LIV, 357 et 366.), und das herrliche Gebet des heiligen Ambrosius: "Trage
mich (Christus) auf Deinem Kreuz, das heilsam ist für die Verirrten,
in dem allein Ruhe ist für die Wegesmüden, in dem allein Leben
sein wird für alle, die sterben müssen" (In Ps. 118, XXII,
30: Migne, P. L. XV, 1521.).
Bevor Wir nun schließen, fühlen Wir Uns gedrängt, wieder
und wieder alle zu ermahnen, daß sie die gütige Mutter Kirche
lieben mit herzlicher, tätiger Liebe. Für ihre Unversehrtheit
und ihr reiches, blühendes Wachstum laßt uns täglich dem
Ewigen Vater unser Beten, Schaffen und Leiden darbringen, sofern uns wirklich
das Heil der gesamten Menschheitsfamilie am Herzen liegt, die durch göttliches
Blut erlöst ist. Indes die jagenden Wolken den Himmel verdüstern;
indes der gesamten menschlichen Gesellschaft und der Kirche selbst gewaltige
Fährnisse drohen, laßt uns dem Vater der Erbarmungen uns und
alles Unsere mit dem Gebet vertrauen: "Sieh' hernieder, o Herr, wir
bitten Dich, auf diese Deine Familie, für die unser Herr Jesus Christus
ohne Bedenken den Händen der Henker sich hingab und Kreuzesqual auf
sich nahm" (Off. Maior. Hebd.).
Möge die jungfräuliche Gottesmutter, Ehrwürdige Brüder,
diesen Unseren Wünschen, die gewiß auch die euern sind, zur
Verwirklichung helfen und allen eine unverfälschte Liebe zur Kirche
erflehen! Ihre hochheilige Seele war mehr als alle ändern von Gott
geschaffenen Seelen vom göttlichen Geiste Jesu Christi erfüllt.
Sie hat ihre Zustimmung gegeben "im Namen der ganzen menschlichen
Natur", so daß "sich zwischen dem Sohne Gottes und der
Menschennatur eine Art geistlicher Ehe" vollzog (S. Thom., III, q,
80, a. 1.). Sie hat Christus den Herrn, der schon in ihrem jungfräulichen
Schöße mit der Hoheit des Hauptseins über die Kirche umkrönt
war, in Wundern geboren, den Quell alles himmlischen Lebens. Sie hat den
Neugeborenen denen, die Ihm aus Juden und Heidenland die erste Anbetung
zollten, als Prophet, König und Priester dargereicht. Ihr Einziggeborener
hat auf ihre Mutterbitte "zu Cana in Galiläa" das Wunderzeichen
gewirkt, auf das hin "seine Jünger an Ihn glaubten" (Joh.
2, 11.). Sie hat, frei von jeder persönlichen oder erblichen Verschuldung
und immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, Ihn auf Golgatha zusammen
mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe
dem Ewigen Vater dargebracht als neue Eva für alle Kinder Adams,
die von dessen traurigem Fall entstellt waren. So ward sie, schon zuvor
Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen
Titels des Leids und der Ehre im Geiste Mutter aller seiner Glieder. Sie
war es, die durch ihre mächtige Fürbitte erlangte, daß
der schon am Kreuz geschenkte Geist des göttlichen Erlösers
am Pfingsttag der neugeborenen Kirche in wunderbaren Gaben gespendet wurde.
Sie hat endlich dadurch, daß sie ihr namenloses Leid tapfer und
vertrauensvoll trug, mehr als alle Christgläubigen zusammen, als
wahre Königin der Märtyrer, "ergänzt, was an den Leiden
Christi noch fehlt ... für seinen Leib, die Kirche" (Kol. 1,
24.). Sie hat den geheimnisvollen Leib Christi, der aus dem durchbohrten
Herzen des Heilandes geboren ward (Off. Ssmi Kordis in hymno ad vesp.),
mit derselben innigen Mutterliebe und Sorge begleitet, womit sie das Jesuskind
in der Krippe und an ihrer Brust umhegte und nährte.
Ihrem unbefleckten Herzen haben Wir vertrauensvoll alle Menschen geweiht.
Möge sie, die hochheilige Mutter aller Glieder Christi (Pius X, Ad
diem illum: A. S. S., XXXVI, p. 453.), strahlend jetzt mit Leib und Seele
in der Himmelsglorie und herrschend droben mit ihrem Sohn, von Ihm inständig
erflehn, daß reiche Ströme der Gnade unaufhörlich vom
erhabenen Haupt auf alle Glieder des geheimnisvollen Leibes herabfließen.
Möge sie mit ihrer wirksamen Fürsprache wie in vergangenen Zeiten
so heute die Kirche schützen und ihr sowie der ganzen Menschheit
endlich friedlichere Zeiten von Gott erlangen. Von dieser übernatürlichen
Hoffnung getragen, spenden Wir als Unterpfand himmlischer Gnaden und als
Zeugnis Unseres besonderen Wohlwollens euch allen und jedem einzelnen.
Ehrwürdige Brüder, sowie der jedem von euch anvertrauten Herde
aus ganzem Herzen den apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 29. Juni,
am Feste der Apostel Peter und Paul, im Jahr 1943,
dem fünften Unseres Pontifikates.
Pius XII.
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